In den vergangenen Wochen wurden vielerorts Narrengottesdienste gefeiert. Eigentlich wäre die Rolle der Kirche im Spiel des Karnevals eine andere.

Der Karneval ist ein ritueller Zeitraum, in dem die geltende soziale Ordnung mit ihren Hierarchien und Rollen, ihren Normen und Regeln zeitweilig aufgehoben ist – gerade, um sie dadurch zu bestärken und zu stabilisieren. Der Karneval ist eine Phase der "rauschhaften Vergemeinschaftung", der Entlastung und der Kritik – ein soziales Ventil, das es erlaubt, Regeln zeitweilig ohne dauerhafte Konsequenzen zu überschreiten. Zum Karneval gehört die symbolische Umkehr der sozialen Verhältnisse. Am Aschermittwoch endet der Exzess und die gewohnte Ordnung tritt wieder in Kraft.

Der Ethnologe Victor Turner spricht in diesem Zusammenhang von Struktur und Antistruktur. Die Antistruktur des Karnevals erlaubt es den Menschen, am Ende gestärkt in die soziale Ordnung zurückzukehren.

Ein Teil der Struktur ist natürlich die Religion: Deswegen gehören zur Antistruktur des Karnevals Messparodien, Narrenbischöfe und Spott über die Kirche.

Die Haltung der Kirche schwankte dabei historisch zwischen Duldung und Kritik. Es gab Päpste, die den römischen Karneval sogar gefördert haben. Verschwunden ist er in Rom erst mit dem Ende des Kirchenstaates. Vielerorts entwickelte sich aber eine charakteristische Rollenverteilung: Während draußen die Antistruktur ihren Lauf nahm, zog sich die institutionelle Kirche demonstrativ in den sakralen Raum zurück und hielt Bußgottesdienste und Sühnegebete wegen der im Karneval begangenen Sünden ab. Von Karnevalssonntag bis Karnevalsdienstag hielt man in vielen Kirchen das "Vierzigstündige Gebet" mit eucharistischer Anbetung, Predigten, Litaneien und Prozessionen. Gerade diese sichtbare Differenz stabilisierte das symbolische Spiel zwischen Ordnung und Gegenordnung.

Wenn die institutionelle Religion selbst Teil des Karnevals wird, schwächt das die Spannung, die dem Karneval eigentlich seine soziale Funktion verleiht.

Heute werden in zahlreichen Gemeinden Karnevalsmessen gefeiert, nicht selten in bewusst humoristischer Inszenierung, mit Geistlichen in Narrengewändern und liturgischen Elementen, die karnevalistisch überformt sind. Was als zeitgemäße Öffnung gemeint ist, hat jedoch eine ambivalente Wirkung: Wenn die institutionelle Religion selbst Teil des Karnevals wird, schwächt das die Spannung, die dem Karneval seine eigentliche soziale Funktion verleiht.

Antistruktur oder kostümierte Hierarchie?

Dass es solche Gottesdienste gibt, dürfte damit zu tun haben, dass der Karneval vielfach zu einer Honoratiorenveranstaltung geworden ist, in der sich lokale Eliten, Politik, Wirtschaft und Institutionen inszenieren. Die einstige Antistruktur hat sich in eine Selbstdarstellung der bestehenden Ordnung verwandelt, die Hierarchie ist nicht aufgehoben, nur kostümiert. Eine Kirche, die "gesellschaftlich relevant" sein will, möchte da nicht fehlen.

Wenn beim Straßenkarneval die "sexy Nonne" Arm in Arm mit dem "Mönch" oder "Bischof" durch die Gegend torkelt, entspricht das viel mehr dem ursprünglichen Sinn des Karnevals, als wenn der Pfarrer mit Clownsnase über "Frohsinn" predigt.

Als Schauplätze für den ursprünglichen Karneval als Antistruktur verbleiben die Kneipen, Plätze und Straßen: Wenn beim Straßenkarneval die "sexy Nonne" Arm in Arm mit dem "Mönch" oder "Bischof" durch die Gegend torkelt, entspricht das viel mehr dem ursprünglichen Sinn des Karnevals, als wenn der Pfarrer mit Clownsnase über "Frohsinn" predigt. 

Vielleicht wäre daher eine paradoxe Haltung die sinnvollere: mehr demonstrative Distanz. Eine Kirche, die den Karneval nicht mitfeiert, sondern gelassen erträgt, dass sie zum Gegenstand des Spottes wird, während sie zugleich ihren eigenen liturgischen Rhythmus bewahrt, würde das alte Spiel von Struktur und Antistruktur wieder mitspielen, und damit sich selbst wie dem Karneval zu mehr Kontur verhelfen.

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