Die Auseinandersetzung um die Piusbruderschaft spitzt sich erneut zu: Nach Jahren vorsichtiger Annäherung droht durch unerlaubte Bischofsweihen erneut eine schismatische Situation. Zwischen Versöhnungsangebot und Konzilstreue steht die Kirche vor einer Richtungsentscheidung – mit weitreichenden Folgen für ihr Verhältnis zu Moderne, Ökumene und Judentum.

Man erinnere sich: Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Medien, als Papst Benedikt XVI. im Jahre 2009 die Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft zurückgenommen hat. Ein Brückenschlag zu den Traditionalisten? – Kritikern schien durch diese päpstliche Offerte das Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils gefährdet, das die lang ersehnte Öffnung der katholischen Kirche zur Moderne eingeleitet hatte. Als zusätzlich publik wurde, dass einer der vier Bischöfe – der Ex-Anglikaner Richard Williamson – sich offen als Holocaustleugner geäußert hatte, war das Chaos perfekt. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel meinte, den Papst aus Deutschland ermahnen zu müssen.

Benedikt XVI. hatte die Strafe der Exkommunikation zurückgenommen, weil die vier traditionalistischen Bischöfe in einem Schreiben ausdrücklich die formelle Autorität des Papstes anerkannt hatten. Zuvor hatte er eine Politik der kleinen Schritte verfolgt, um eine Annäherung vorzubereiten. 2007 ist er in seinem Schreiben Summorum Pontificum den Liebhabern der alten Messe entgegengekommen. Dem traditionalistischen Vorwurf, es gebe einen Bruch zwischen der vorkonziliaren und der nachkonziliaren Messliturgie, hat er entgegengehalten, es gebe einen römischen Ritus in zwei legitimen Formen, die beide Ausdruck der katholischen Tradition seien.

Dass Benedikt sich heftige Diskussionen um die erneuerte Karfreitagsfürbitte für die Juden eingehandelt hat, sei nur am Rande notiert. Wichtiger ist, dass er die Grundlage für ein Gespräch mit der Piusbruderschaft in seiner Weihnachtsansprache von 2005 gelegt hat. Hier weist er den Vorwurf, das Zweite Vatikanische Konzil habe die Tradition verraten, zurück und entwickelt eine Hermeneutik der Reform, die ein Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf unterschiedlichen Ebenen vorsieht. Die Kirche sei vor und nach dem Konzil dieselbe geblieben, sie müsse aber auf gewandelte historische Umstände mit einer Erneuerung ihrer Lehre reagieren. Das spielt Benedikt im Blick auf die ökumenische und interreligiöse Öffnung des Konzils sowie die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit durch. Was die Päpste im 19. Jahrhundert verurteilt hätten, sei nicht deckungsgleich mit dem, was das Konzil im 20. Jahrhundert anerkannt hat. Das gelte es zu beachten.

Großzügiges Versöhnungsangebot

Mit der Rücknahme der Exkommunikation war ein großzügiges Versöhnungsangebot gemacht, nicht aber der kirchenrechtlich irreguläre Status der Piusbruderschaft schon geklärt. Verhandlungen sollten eingeleitet werden mit dem Ziel, die Bruderschaft in die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche zurückzuführen. Die dafür zuständige Kommission Ecclesia Dei wurde beauftragt, die lehrmäßigen Differenzen im Gespräch mit Theologen der Bruderschaft auszuräumen. Gerhard Ludwig Müller, damals Präfekt der römischen Glaubenskongregation, hat mit wünschenswerter Deutlichkeit betont, dass eine Aussöhnung nicht um den Preis einer Relativierung der Konzilsaussagen erfolgen könne.

Franziskus hegte die Erwartung, dass sich im Wärmestrom der Barmherzigkeit das eingefrorene Traditionsverständnis der Piusbruderschaft schon verflüssigen werde. Domestizierung durch Inklusion, lautete die Devise, aber die Hoffnung, das Problem auf diese Weise lösen zu können, hat sich nicht bestätigt.

Papst Franziskus verfolgte eine pastorale Strategie im Zeichen der Barmherzigkeit. Er erlaubte den Priestern der Piusbruderschaft, das Sakrament der Beichte zu spenden und die Eheassistenz vorzunehmen, und sah großzügig über ihren irregulären Status hinweg. Das mühsame Ringen um theologische Einigung, das bislang ohne Ergebnis geblieben war, schien einer pastoralen Pragmatik der Aussöhnung zu weichen. Franziskus, der für subtile Fragen der Konzilshermeneutik wenig Sinn hatte, hegte die Erwartung, dass sich im Wärmestrom der Barmherzigkeit das eingefrorene Traditionsverständnis der Piusbruderschaft schon verflüssigen werde. Domestizierung durch Inklusion, lautete die Devise, aber die Hoffnung, das Problem auf diese Weise lösen zu können, hat sich nicht bestätigt.

Schisma steht im Raum

Papst Leo XIV., der soeben angekündigt hat, dass die Weichenstellungen des Zweiten Vatikanischen Konzils für sein Pontifikat leitend sein werden, ist nun auf eine neue Weise mit dem Problem der Piusbruderschaft konfrontiert. Der Generalobere Davide Pagliarani hat in einem Brief angekündigt, dass die Bruderschaft am 1. Juli auch ohne päpstliche Erlaubnis Bischöfe weihen will. Damit steht das Gespenst des Schismas wieder im Raum. Wird sich eine Parallelkirche mit eigenen Bischöfen am ultrarechten Rand etablieren können?

Um die Brisanz der Vorgänge zu verstehen, muss man sich die Konfliktlinien erneut vor Augen führen: Erzbischof Marcel Lefebvre, der Gründer der Piusbruderschaft, hat 1988 durch unerlaubte Bischofsweihen den Weg ins Schisma beschritten. Er sah das Zweite Vatikanische Konzil, an dem er als Vertreter der konservativen Minorität selbst teilgenommen hatte, als "das größte Unglück der Kirchengeschichte" an und warf ihm "Traditionsverrat" vor. Man habe ein Trojanisches Pferd in die Konzilsaula hineingeschmuggelt und die Ideen der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - in der katholischen Kirche salonfähig gemacht:

Liberté – durch die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit habe man dem Irrtum Rechte eingeräumt, die Wahrheit des Glaubens verraten und dem Relativismus Tor und Tür geöffnet. Égalité – durch die Betonung der Kollegialität der Bischöfe habe man den Primat des Papstes angetastet und eine "Demokratisierung der Kirche" eingeleitet. Fraternité – durch die ökumenische Öffnung habe man eine "Fraternisierung mit Schismatikern und Häretikern" vollzogen, durch das Gespräch mit den "falschen Religionen" dem Synkretismus Vorschub geleistet.

Das Ideengut Lefebvres hat im Katechismus der Piusbruderschaft eine offizielle Fassung gefunden. Die Streitschrift Die Zeitbomben des Zweiten Vatikanischen Konzils von P. Franz Schmidberger verdeutlicht die unversöhnte Haltung zu zentralen Reformen des Konzils. Die Anerkennung der Religions- und Gewissensfreiheit, in der man den Lackmustest für den Anschluss an das moderne Menschenrechtsethos sehen kann, wird hier abgelehnt, das Konzept des katholischen Staates verteidigt.

Dieser Vorschlag, den Piusbrüdern eine nur abgestufte Anerkennung des Konzils abzuverlangen, den auch andere Akteure der römischen Kurie wiederholt ins Gespräch gebracht haben, ist kirchenpolitisch fragwürdig und konzilshermeneutisch problematisch.

Fragwürdiger römischer Vorschlag

Auf den Brief von Davide Pagliarani mit der Ankündigung der Bischofsweihen hat Rom umgehend reagiert: Es hat ein Treffen zwischen dem Generaloberen der Piusbruderschaft und Kardinal Victor Manuel Fernández, dem Leiter des Dikasteriums für die Glaubenslehre, gegeben. Im Anschluss daran wurde in einem Kommuniqué festgehalten, dass es weitere Gespräche über die theologischen Differenzen und den rechtlichen Status der Bruderschaft geben könne, falls die angekündigten Bischofsweihen ausgesetzt würden. Das hat der Oberste Rat der Piusbruderschaft nun abgelehnt. Das ist erstaunlich. Denn Kardinal Fernández hatte als Dialog-Angebot die graduell abgestufte Anerkennung der Konzilsdokumente ins Gespräch gebracht. Im Textkorpus des Konzils gibt es Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen. Die Konstitutionen über die Offenbarung, die Kirche, die Liturgie, die dialogische Öffnung zur Welt von heute haben doktrinell höheres Gewicht als die Dekrete und Erklärungen zur Ökumene, zum interreligiösen Dialog oder zur Religionsfreiheit.

Dieser Vorschlag, den Piusbrüdern eine nur abgestufte Anerkennung des Konzils abzuverlangen, den auch andere Akteure der römischen Kurie wiederholt ins Gespräch gebracht haben, ist kirchenpolitisch fragwürdig und konzilshermeneutisch problematisch. Denn gerade die Dekrete und Erklärungen enthalten Weichenstellungen, auf die sich die katholische Kirche verständigt hat, die durch die Nachkonzilspäpste verstetigt und fortgeschrieben worden sind, ja und an denen sie von außen zu Recht gemessen wird. Die Unterscheidung zwischen doktrinell gewichtigen und pastoral unverbindlichen Dokumenten ist auch konzilshermeneutisch problematisch, weil die Erneuerungsimpulse der Dekrete und Erklärungen grundgelegt sind in den dogmatischen Konstitutionen. Wer also die vermeintlich nur pastoralen Dekrete und Erklärungen für weniger verbindlich erklärt, tastet auch ihre doktrinelle Basis an – und relativiert damit zentrale Weichenstellungen des Konzils.

Würde die Piusbruderschaft ohne Revision ihrer theologischen Positionen in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche zurückkehren, stünde die Gefahr im Raum, dass ein Trojanisches Pferd lanciert würde, das antiökumenisches, antijüdisches und antidemokratisches Ideengut einschleusen würde.

Kirche darf nicht mit doppelter Zunge sprechen

Wo es um den ökumenischen oder den interreligiösen Dialog geht, darf die katholische Kirche nicht mit doppelter Zunge sprechen. Oder sollen Nichtkatholiken wieder als "Häretiker" und "Schismatiker", Nichtchristen als "Götzenanbeter" und Anhänger "falscher Religionen" tituliert werden? Vor allem im Gespräch mit dem Judentum wären Irritationen zu erwarten. Das Konzil hat jeden Antijudaismus verurteilt und die wurzelhafte Verbindung zwischen Israel und der Kirche betont. In der Piusbruderschaft aber werden Juden auch nach dem Zivilisationsbruch der Shoah noch als "Gottesmörder" bezeichnet, solange sie Jesus Christus nicht als ihren Herrn anerkennen. Die Früchte, die das christlich-jüdische Gespräch in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, würden madig, wenn solche Positionen in der Kirche wieder vertreten werden könnten.

Die katholische Kirche mag in ihrem Elefantengedächtnis auch heterogene Theologien in sich vereinen, auch mag der Streit um die Deutung des Konzils rechts und links mitunter Grenzlinien überschritten haben. Würde hingegen die Piusbruderschaft ohne Revision ihrer theologischen Positionen in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche zurückkehren, stünde die Gefahr im Raum, dass intra muros ecclesiae tatsächlich ein Trojanisches Pferd lanciert würde, das antiökumenisches, antijüdisches und antidemokratisches Ideengut einschleusen würde.

Jede Spaltung ist eine Wunde am Leib der Kirche – und man sollte versuchen sie zu heilen. Wenn aber die Verarztung der Wunde neue, größere Wunden aufreißt, sollte man vor einem heilsamen Schnitt nicht zurückschrecken.

Drei mögliche Szenarien

Wie aber geht es nun weiter? Drei Szenarien sind vorstellbar:

1. Die Piusbruderschaft nimmt am 1. Juli ohne päpstliche Erlaubnis die Bischofsweihen vor. Die beteiligten Geistlichen würden sich durch die Weihe selbst exkommunizieren. Das wäre der Weg ins Schisma. Wahrscheinlich würde, wenn der Heilige Stuhl das Schisma formell bestätigen würde, ein nicht geringer Teil der Piusbruderschaft den Weg unter das Dach der Katholische Kirche suchen und sich der Petrusbruderschaft anschließen, so dass nur die "Nachhut der Nachhut" übrigbliebe.

2. Der Papst ermäßigt, um ein Schisma abzuwenden, doch noch die Bedingungen für eine lehrmäßige Einigung. Eine abgestufte Zustimmung zu den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils könnte das Instrument sein. Der Preis wäre hoch. Es entstünde der Eindruck, dass unter dem Dach der katholischen Kirche gleichzeitig nicht nur ungleichzeitige, sondern auch widersprüchliche Positionen vertreten werden.

3. Leo XIV. verschiebt das Problem und verfolgt eine Strategie der Duldung. Trotz anhaltender doktrineller Differenzen könnte er die Bischofsweihen am 1. Juli tolerieren und die pastoral elastische Haltung von Papst Franziskus fortsetzen. Dieses Szenario ist allerdings wenig wahrscheinlich, da der Kirchenrechtler Leo über die Exkommunikation hinwegsehen müsste, die sich die Spender und Geweihten bei päpstlich nicht erlaubten Bischofsweihen automatisch zuziehen würden (c. 1383 CIC/1983).

Jede Spaltung ist eine Wunde am Leib der Kirche – und man sollte versuchen sie zu heilen. Wenn aber die Verarztung der Wunde neue, größere Wunden aufreißt, sollte man vor einem heilsamen Schnitt nicht zurückschrecken.

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