Immer mehr Erwachsenentaufen und ein eigenes KonzilBischof Matthieu Rougé im Interview

"Die Wege sind vielfältig und oft überraschend": Der Bischof von Nanterre erzählt, was junge Franzosen in die katholische Kirche führt – und erklärt, warum die Bistümer rund um Paris ein Provinzialkonzil zum Thema veranstalten.

Bischof Mattieu Rougé
© Collage: Communio, AntonyB, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, KI

Benjamin Leven: Über 21.000 Jugendliche und Erwachsene wurden 2026 in Frankreich in der Osternacht getauft. Die Zahl ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Hat Sie diese Entwicklung überrascht?

Bischof Matthieu Rougé: Vor etwa zwölf Jahren habe ich ein Buch veröffentlicht, das den Titel trug: "Die Kirche hat noch nicht ihr letztes Wort gesprochen. Kleine Abhandlung über den katholischen Antidefätismus". Darin habe ich betont, dass trotz der tiefgreifenden Veränderungen der kirchlichen Präsenz in einer stark säkularisierten Gesellschaft die spirituellen Erwartungen weiterhin groß sind und die Stärken des katholischen Angebots bedeutend bleiben. Kardinal Jean-Marie Lustiger, Erzbischof von Paris von 1981 bis 2005 und eine besonders prägende Persönlichkeit in Frankreich und in der Weltkirche, hat oft betont, dass sich in unserer Zeit zwei Phänomene kreuzen: das Verschwinden eines Katholizismus der Zugehörigkeit und das Aufkommen eines Katholizismus des Engagements. Letzterer ist es, den wir in unserer Zeit auf ganz eindrucksvolle Weise entstehen sehen.

"Der Eifer mancher Soziologen, das zu schlechtzureden, was ihre Prognosen widerlegt, ist erstaunlich."

Leven: Kürzlich hat ein deutscher Religionssoziologe gesagt, die Erwachsenentaufen in Frankreich seien nichts anderes als "nachgeholte Kindertaufen"; es könne keine Rede von einem "religiösen Revival" sein. Können Sie dies bestätigen?

Rougé: Man sollte in der Tat nicht vorschnell von einem massiven religiösen Revival sprechen: Das Phänomen ist noch fragil und befindet sich im Entstehen. Etwa die Hälfte der Katechumenen stammt aus kulturell christlichen Familien, in denen vor fünfzig Jahren die Taufe zweifellos unmittelbar nach der Geburt gefeiert worden wäre. Die andere Hälfte der Katechumenen stammt jedoch aus atheistischen Kreisen oder anderen Religionen. Es gibt also eine echte Anziehungskraft von Christus und dem katholischen Glauben. Der Eifer mancher Soziologen, das schlechtzureden, was ihre Prognosen widerlegt, ist erstaunlich und wirft Fragen über die Objektivität ihrer Vorgehensweise auf.

Auf dem Weg der Gnade voranschreiten

Leven: Was erzählen Ihnen die Taufbewerber über ihre Beweggründe?

Rougé: Alle Katechumenen schreiben an den Bischof, um die Sakramente der christlichen Initiation zu erbitten. Hinzu kommen noch die Briefe der erwachsenen Firmlinge, deren Zahl ebenfalls stetig wächst. Ihre spirituellen Geschichten sind besonders beeindruckend. Oft haben sie gerade inmitten von Prüfungen – seien sie persönlicher, familiärer, beruflicher oder migrationsbedingter Art – in Christus und im Evangelium eine entscheidende Quelle des Lichts und des Trostes gefunden. Ohne es zu wissen, haben sie eine Erfahrung des Ostergeheimnisses gemacht und möchten nun auf dem Weg der Gnade voranschreiten.

"Manche sind in ein Kirchengebäude gegangen und haben dort eine Erfahrung des Friedens gemacht. Andere waren tief bewegt von der Lektüre der Evangelien."

Leven: Auf welchen Wegen haben diese Menschen Zugang zur Kirche gefunden?

Rougé: Die Wege sind vielfältig und oft überraschend. Manche sind in ein Kirchengebäude gegangen und haben dort eine Erfahrung des Friedens gemacht. Andere waren tief bewegt von der Lektüre der Evangelien. Wieder andere wurden von der Schönheit der Liturgie berührt. Andere wiederum waren beeindruckt und fasziniert vom Zeugnis der Güte, der Solidarität, des Glaubens und des Gebets der Katholiken, denen sie begegnet sind. Auch eine Reihe von Initiativen in den Pfarreien, die aus der missionarischen Dynamik von Papst Franziskus' Schreiben "Evangelii Gaudium" entstanden sind, könnten einen Einfluss gehabt haben.

Leven: Manchmal hört man, dass soziale Medien eine Rolle spielen. Stimmt das?

Rougé: Soziale Medien sind in ihrer Vielfalt tatsächlich von großer Bedeutung, sowohl bei der ersten Begegnung mit dem Glauben als auch bei der Vor- und der Nachbereitung der Sakramente der christlichen Initiation. Daher ist es für die Kirche wichtig, qualitativ hochwertige Seiten zu fördern oder sogar selbst zu erstellen. Soziale Medien ersetzen allerdings nicht das große Bedürfnis nach konkreter Aufnahme und Brüderlichkeit.

Erwartungen an das Konzil

Leven: Die Diözesen der Region Île-de-France möchten dieses Phänomen nun eingehender untersuchen. Aus diesem Grund haben die Bischöfe ein Provinzialkonzil einberufen. Was erwarten Sie sich von den Beratungen?

Rougé: Die Ziele sind vielfältig: Wir wollen ein möglichst breites Bewusstsein für die zentrale Rolle des Katechumenats im Gemeindeleben schaffen und uns über bewährte Praktiken bei der Aufnahme, Begleitung und Integration von Katechumenen und Neugetauften austauschen. Wir möchten gemeinsam über heikle Situationen nachdenken – etwa, wenn wir es mit psychisch labilen Menschen zu tun haben, oder solchen, die mit ihrer Familie oder ihrer ursprünglichen Religionsgemeinschaft gebrochen haben. Und wir wollen unser Verständnis der christlichen Initiation theologisch und spirituell vertiefen.

Leven: Wie wird das Konzil genau ablaufen?

Rougé: Eine Phase sehr umfassender Konsultationen hat bereits begonnen: in den Pfarreien, bei den Priestern, in den lokalen Katechumenats- und Neugetauften-Teams, in Stellen der Diözesen, bei notleidenden Menschen … Auf dieser Basis wird ein Arbeitsinstrument erarbeitet, das als Grundlage für die Überlegungen und Vorschläge einer Versammlung von 400 Personen dienen wird, die auch in thematischen Kommissionen arbeiten werden.

Sakramente und Leben verknüpfen

Leven: Gibt es theologische Aspekte, die Ihnen am Herzen liegen und die Sie bei den Beratungen des Konzils ansprechen möchten?

Rougé: Mir scheint, dass wir die Sakramente und das christliche Leben besser miteinander verknüpfen müssen. Manche Begleitungsteams konzentrieren sich so sehr auf die Vorbereitung auf die Taufe, dass sie fast vergessen, dass es darum geht, in ein christliches Leben einzuführen. Die Sakramente sind grundlegend, aber auf das Leben in der Gnade ausgerichtet. Außerdem müssen wir die Dynamik der drei Sakramente der christlichen Initiation – Taufe, Firmung, Eucharistie – besser zur Geltung bringen. Schließlich müssen wir besser verstehen und verkünden, wie die sakramentale Gnade im Laufe der Zeit wirkt und eine dauerhafte Bereitschaft zum Mitwirken erfordert.

"Die Kirche ist sich bewusst, dass sie diejenigen, die an die Tür der Kirche klopfen, nicht enttäuschen darf."

Leven: Wie verändert sich die katholische Kirche in Frankreich durch den Zustrom von Jugendlichen und Erwachsenen?

Rougé: Sie erlebt eine anregende Freude. Die Kirche ist sich bewusst, dass sie diejenigen, die an die Tür der Kirche klopfen, nicht enttäuschen darf. Ihre Anwesenheit spornt uns zu mehr spiritueller Tiefe und Brüderlichkeit an.

Angebote für Neugetaufte entwickeln

Leven: Wie ist das Katechumenat derzeit in Ihrer Diözese Nanterre organisiert? Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten?

Rougé: In jeder Pfarrei wird ein Katechumenatsteam gebildet, zunehmend auch ein Neugetauften-Team. Spezielle diözesane Dienste unterstützen die lokalen Teams, insbesondere durch Fortbildungen. Eine der Herausforderungen für die Zukunft besteht darin, die Zahl der Begleiter zu erhöhen, die sowohl in ihren katechetischen Fähigkeiten als auch in ihrer zwischenmenschlichen Kompetenz gut ausgebildet sind. Rechtlich gesehen sollte jeder Getaufte und Gefirmte als Begleiter von Katechumenen tätig sein können.

Leven: Ein häufig angesprochenes Problem ist die Einbindung der Neugetauften in das Gemeindeleben. Wie gehen Sie derzeit in Ihrer Diözese damit um?

Rougé: Das ist eine zentrale Frage, die zum Teil Anlass für die Feier unseres Provinzialkonzils ist. Wir versuchen, die lokale Aufmerksamkeit für die Neugetauften zu stärken und unsere diözesanen Angebote für Neugetaufte weiterzuentwickeln und anzupassen. Eine wichtige Herausforderung besteht darin, das Katechumenat im Hinblick auf ein nachhaltiges, spirituell verwurzeltes und kirchlich engagiertes christliches Leben besser zu gestalten.

"Manche treten der Kirche tatsächlich bei, weil sie auf der Suche nach Identität, insbesondere kultureller Identität, sind. Diese Suche hat jedoch nicht immer eine politische Dimension, und wenn doch, kann sie vielfältige Formen annehmen."

Leven: In der deutschsprachigen Debatte gehen manche davon aus, dass es vor allem Menschen mit konservativen gesellschaftspolitischen Ansichten oder Anhänger der politischen Rechten sind, die sich der katholischen Kirche zuwenden. Können Sie das bestätigen? Was würden Sie denen sagen, die darin ein Problem sehen?

Rougé: Die Profile sind sehr vielfältig. Manche treten der Kirche tatsächlich bei, weil sie auf der Suche nach Identität, insbesondere kultureller Identität, sind. Diese Suche hat jedoch nicht immer eine politische Dimension, und wenn doch, kann sie vielfältige Formen annehmen. Es geht für uns also darum, diejenigen, die der Herr uns schickt, mit Wohlwollen und offenem Herzen aufzunehmen, um mit ihnen gemeinsam den Weg des Evangeliums zu gehen. In dieser wie in anderen Fragen gilt: Angst ist niemals ein guter Ratgeber!

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