Entwurzelte KatholizitätAntijudaismus in der Glaubenserklärung der Piusbruderschaft

Mit der Überzeugung, dass in Jesus Christus der Alte Bund aufgehoben ist, gerät die Piusbruderschaft in die markionitische Falle.

Darstellung der Wurzel Jesse in der Sint-Leonarduskerk, Sint-Lenaarts
Darstellung der Wurzel Jesse in der Sint-Leonarduskerk, Sint-Lenaarts© IDD5000, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das Verhältnis zwischen den Nachkonzilspäpsten und der Priesterbruderschaft St. Pius X. ist kein leichtes. Das Ringen beider Seiten, ein endgültiges Schisma zu vermeiden und den Anhängern von Erzbischof Marcel Lefebvre eine Heimat in der katholischen Kirche zu ermöglichen, hat bisher keine Lösung gebracht. Zu tief scheinen die Differenzen in der Bewertung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des nachkonziliaren Weges der Kirche zu sein.

Nun hat sich die Lage zugespitzt, als am 2. Februar 2026 der Obere der Bruderschaft, Davide Pagliarani, ankündigte, am 1. Juli 2026 auch ohne päpstliches Mandat Bischofsweihen vornehmen zu wollen. Ein Gesprächsangebot des Vatikans durch den Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Víctor Manuel Fernández, wurde vom Generalrat der Piusbruderschaft abschlägig beschieden.

Wenn die Priesterbruderschaft nun im Sommer die geplanten Weihen vornimmt, dann – so hat nun das Glaubensdikasterium am 13. Mai 2026 festgestellt – wird damit ein schismatischer Akt vollzogen, der die Exkommunikation nach sich zieht. Dass das Schreiben von Kardinal Fernández nicht unbeantwortet blieb, zeigte sich gleich einen Tag später.

Davide Pagliarani wendet sich am Christi Himmelfahrts-Tag mit einer Katholischen Glaubenserklärung an Papst Leo XIV. und möchte darin aufzeigen, was in den Augen der Piusbrüder die Kirche von heute zerstörte. Zugleich bittet Pagliarani den römischen Pontifex, die Mitglieder der Bruderschaft in ihrem Glauben und in ihren Grundsätzen zu stärken und zu unterweisen. Ein Angebot der Lernbereitschaft nach Jahrzehnten des Zwists?

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Oberer der Piusbruderschaft dem Glaubensbekenntnis der Kirche eine eigene Glaubenserklärung entgegenstellt. Erzbischof Lefebvre hat 1974 in komprimierter Form seine Zweifel am Zweiten Vatikanum und römischen Lehramt ausgedrückt, die seiner Meinung nach der Tradition der Kirche widersprächen.

Was in der Katholischen Glaubenserklärung vorgelegt wird, ist keine Diskussionsgrundlage, sondern Ausdruck der eigenen Glaubensidentität.

Mit der Erklärung nimmt der aktuelle Obere wie bereits ihr Gründer in Anspruch, dass in der Bruderschaft die Tradition lebendig gehalten wird, "was überall, was immer, was von allen geglaubt wird" (vgl. Vinzenz von Lérins, Commonitorium primum 2,5). Was in der Katholischen Glaubenserklärung vorgelegt wird, ist keine Diskussionsgrundlage, sondern Ausdruck der eigenen Glaubensidentität.

Exklusivistischer Grundtenor

Ähnlich wie Lefebvre nimmt Pagliarani in seiner Katholischen Glaubenserklärung eine Positionsbestimmung vor und zieht rote Linien, die für die Bruderschaft unüberwindbar sind. Der exklusivistische Grundtenor sowie der gegenüber anderen Konfessionen und Religionen erhobene Absolutheitsanspruch sind unüberhörbar. Es wird nicht nur die eigene Position erklärt, vielmehr wird Rom beschuldigt, grundlegende Glaubenswahrheiten veräußert zu haben.

Dabei wird die Anklage gegen die römische Kirche, in der die gängigen Themen der Religionsfreiheit, der Liturgie, des Ökumenismus sowie der Sexualmoral angeführt werden, durch eine theologisch höchst problematische Auffassung eingeleitet. Davide Pagliarani erklärt, dass Jesus Christus "den Alten Bund endgültig außer Kraft gesetzt hat" und "mit seinem Blut den Neuen und Ewigen Bund gestiftet und den Alten aufgehoben hat".

Solche Aussagen der Aufhebung des Alten Bundes greifen die Wurzel des christlichen Glaubens an, der seinen Grund im Glauben der Väter Abrahams, Isaaks und Jakobs hat. 

Das ist Antijudaismus pur! Abgesehen davon spricht das überwiegende Zeugnis der Schrift nicht davon, dass ein von Gott geschenkter Bund irgendwie und irgendwann von göttlicher Seite aufgehoben wäre; selbst die Stelle Hebr 9,17, die vom Tod des Erblassers spricht, kann nur dann in der von der Piusbruderschaft vertretenen Sicht der Aufhebung des Alten Bundes verstanden werden, wenn der Gedanke aus dem Kontext herausgerissen gedeutet und ohne die Abendmahlstradition gelesen wird, die im Hintergrund der Theologie des Hebräerbriefes steht.

Solche Aussagen der Aufhebung des Alten Bundes greifen die Wurzel des christlichen Glaubens an, der seinen Grund im Glauben der Väter Abrahams, Isaaks und Jakobs hat. Gewiss, das kirchliche Glaubensbekenntnis nimmt nicht direkt auf den Alten Bund Bezug, was als eine heilsgeschichtliche Leerstelle bedauert werden kann. Jedoch ist es Überzeugung der Kirche, dass der Gottessohn von Maria, der virgo israelitica (vgl. Augustinus, c. Faustum Mani. 16,21) geboren wurde und der heilige Geist durch die altttestamentlichen Propheten gesprochen hat.

Markionismus

Dass die Piusbruderschaft in der Erklärung des Zweiten Vatikanums zum Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate ein Grundübel der gegenwärtigen Kirche sieht, ist bekannt. Durch solche polemischen Einlassungen wird die Magna Charta des jüdisch-christlichen Dialogs zusätzlich schwer belastet. Es wird damit die unhintergehbare Überzeugung verneint, dass die Kirche sich mit dem Volk des Alten Bundes "geistlich verbunden" weiß und mit ihm den Gott anbetet, der der Gott Jesu Christi ist.

Mit der Überzeugung, dass in Jesus Christus der Alte Bund aufgehoben ist, gerät die Piusbruderschaft in die markionitische Falle. Markion von Sinope hat im 2. Jahrhundert das reine Evangelium Jesu gesucht und einen Kanon von elf neutestamentlichen Schriften zusammengestellt. Die Schriften der Bibel Israels verwarf er als Ausdruck eines fremden Schöpfergottes. Jesus sei der Künder des guten und rettenden Gottes.

Wenn der Alte Bund und der Glaube Israels als aufgehoben und für beendet erklärt werden, wird zugleich der Glaube an die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi angetastet.

Gerade wegen dieser Trennung von Altem und Neuem Bund nennt Irenäus von Lyon Markion den Erzhäretiker (vgl. Adversus haereses, III, 3,4). Die antimarkionitische Weichenstellung der frühen Kirche, den Schriften des Alten Bundes dieselbe Normativität und Kanonizität wie denen des Neuen Bundes zuzuschreiben, gehört bis heute für das Selbstverständnis der Kirche zu den prägendsten Entscheidungen.

Wenn der Alte Bund und der Glaube Israels als aufgehoben und für beendet erklärt werden, wird zugleich der Glaube an die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi angetastet. Jesus als der Christus ist nicht der Heilsmittler, weil er dem Volk Israel gegenübersteht; er ist Offenbarer und Heilsmittler, weil er aus dem Volk Israel stammt, von ihm gelernt hat zu beten und Gott seinen Vater zu nennen.

Die Apostel greifen auf den semantischen und theologischen Gehalt des Alten Bundes zurück, um das Heilsereignis von Tod und Auferstehung Jesu Christi zu deuten und in der Welt zu verkünden. Ohne den Alten Bund kann nicht an Jesus Christus geglaubt werden. Ein Glaube ohne Alten Bund ist ein kupierter Glaube, entwurzelte Katholizität.

Ziel oder Ende?

Die Katholische Glaubenserklärung Pagliaranis denkt in einem Verhältnis von Verheißung und Überbietung. An einer Stelle kommt der Obere der Bruderschaft auf den Dekalog zu sprechen, der ein verbindliches Sittengesetz enthält, das in der Bergpredigt vollendet werde.

Doch wie ist das Verhältnis von Verheißung und Erfüllung zu denken? Etwa so, wie die Theologen der Piusbruderschaft meinen, dass die Erfüllung die Verheißung außer Kraft setzt? Wie steht es aber dann um die Verheißung der Botschaft Jesu und des Neuen Bundes, das auf eine eschatologische Erfüllung ausgerichtet ist? Ist bei der Wiederkunft Christi der Neue Bund auch aufgehoben?

Jesus Christus ist Ziel und Mitte der Geschichte – daran hält das christliche Bekenntnis fest. Jedoch ist er nicht das Ende des Gesetzes, das etwas abschließt und aufhebt, sondern er ist das Ziel des Gesetzes (Röm 10,4). Ein Ziel zeichnet sich dadurch aus, dass es den Weg dahin nicht ablegt, sondern durch den Weg bestimmt wird. So ist der Alte Bund die Bestimmung des Neuen, das nun in der Person Jesus Christus erfahrbar wird. Es ist die eine Heilsgeschichte, in der sich Gott durch seinen Sohn offenbart. In dieser Geschichte hat er zum Volk des Alten Bundes als erstes gesprochen. Dieses Wort bleibt.

Der ungekündigte Bund

Die Piusbruderschaft St. Pius X. und ihre Anhänger feiern ihre Liturgie nach dem Messbuch von Papst Pius V., die laut Erklärung der "höchste, authentische und vollkommene Ausdruck des Glaubens" ist. In dieser liturgischen Ordnung ist ein Fest enthalten, das den Zusammenhang von Altem und Neuen Testament nicht schöner ausdrücken könnte. Am Oktavtag von Weihnachten feiert die Liturgie nach dem alten Kalender das Fest der Beschneidung des Herrn, das unglücklicherweise bei der Liturgiereform aufgegeben wurde. Die Eltern Jesu bringen ihr neugeborenes Kind in den Tempel und der Gottessohn erhält das Bekenntniszeichen der Juden. Die Beschneidung ist nicht nur irgendein äußerliches Symbol, es ist das "Sakrament des Alten Bundes" (Georg Braulik), das denjenigen, der es empfängt, in den bleibenden und unkündbaren Bund mit Gott hineinnimmt.

In Jesus Christus und in seinem Blut ist der Alte Bund nicht aufgehoben. Aus christlicher Sicht gehören deshalb Alter und Neuer Bund zusammen und bedingen sich gegenseitig. Die Äußerungen in der Katholischen Glaubenserklärung sind öffentlich bekundeter Antijudaismus und schon deshalb nicht katholisch. Vor solchen Ansichten muss sich die Katholische Kirche hüten.

Wenn die Piusbruderschaft keinen anderen Wunsch hegt, als "im römisch-katholischen Glauben zu leben und darin bestärkt zu werden", dann kann sie das Katholische, also das Allumfassende, ruhig ernst nehmen: Das Katholische achtet mehr, als es diese Glaubenserklärung exklusiv in Anspruch nehmen kann, die antimarkionitische Grundüberzeugung der Kirche. Die bleibende Gültigkeit des Alten Bundes ist von Gott in Jesus Christus gegeben, darüber ist nicht zu urteilen.

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