Der evangelische Theologe Ralf Frisch kritisiert in seinem Buch "Gott. Ein wenig Theologie für das Anthropozän" die Selbstsäkularisierung der Kirchen. Andreas Main findet es elektrisierend.

Ende November kündigt der Deutsche Katholikentag in einem Newsletter an: "Erste prominente Mitwirkende haben ihre Teilnahme zugesagt." In Würzburg werden die üblichen Verdächtigen erwartet – allen voran: der Bundespräsident und ein paar Minister, aber erneut kein Kanzler. Und doch: Politiker werden zuerst genannt. Dann kommen drei Mitwirkende aus Funk und Fernsehen: allen voran die "Klimaaktivistin Luisa Neubauer". Unterschrieben ist das Ganze vom "Team des Würzburger Katholikentags".

Hätte das Team doch vor dem Verfassen des Newsletters das Buch "Gott" von Ralf Frisch gelesen! Der evangelische Theologe aus Nürnberg sieht in Luisa Neubauer etwas verkörpert, was sich als "Selbsterlösungsideologie des Menschen im Anthropozän bezeichnen ließe". Die "kirchlichen Würdenträger" landen in der Aufzählung des Newsletters übrigens auf Platz 3. Dies nur fürs Protokoll.

Selbstüberhebung und Selbstüberforderung

Ralf Frisch geht es aber nicht um Luisa Neubauer. Es geht ihm um die Selbstüberhebung des Menschen. "Im Anthropozän macht sich der Mensch für alles verantwortlich, was das Antlitz der Erde versehrt und verstümmelt." Zugleich wird "allein dem Menschen auch die Heilung der Wunden der Welt zugetraut und zugemutet". Der Mensch spiele "alle Rollen im Erddrama. Er spielt die Rolle des Schuldigen und des Richters, die Rolle des Verderbers und des Retters. Er spielt die Rolle des Teufels und die Rolle Gottes".

Aber kann das gutgehen? So viele Rollen, auf zwei Schulten lastend? Frisch ist überzeugt, dass sich der Mensch in seiner Heilandsrolle heillos überfordert. Die Idee der Rettung, die mit dem Wort Gott einherging, werde immer weiter verschüttet. Etwa wenn Luisa Neubauer bei einer Kanzelrede im Rahmen einer Fastenpredigt im Berliner Dom sagt:

"Gott wird uns nicht retten. Das werden wir tun. Weil wir es wagen, die Schwere der Krisenbewältigung anzunehmen. Weil wir verstanden haben, dass nichts schwerer ist als Ohnmacht, als Nichtstun, als hin- und dann schnell wegzublicken. Wir werden uns retten, weil wir nicht den Glauben verlieren. Den Glauben an eine bessere, gerechtere Welt, die möglich ist, solange wir für sie kämpfen. Sorgt euch nicht. Amen.

Das "Amen" irritiert. An wen richtet es sich? An einen Gott jedenfalls nicht. Hier wird Religion jenseits der Religionen gepredigt, ein Amen ohne Gott. Das ist die Religion des Anthropozän: Selbstoptimierung zur Resilienzkräftigung.

Theologie ohne Gott: anschlussfähiger?

Dass Luisa Neubauer gern gesehener Gast auf der Kanzel, bei Kirchen- und Katholikentagen ist, zeigt ein Symptom: Kirchen und Theologie trauen sich selbst nicht mehr über den Weg. Oder mehr noch: Eine Theologie ohne Gott erscheint "anschlussfähiger". Frisch nennt in diesem Zusammenhang Hartmut von Sass, Dorothee Sölle und Dietrich Bonhoeffer, um seine These zu belegen:

"Viele Theologinnen und Theologen neigen in einer Art metaphysischer Ernüchterungstrunkenheit dazu, Gott als überweltlichem Gegenüber den Laufpass zu geben. Im Kielwasser der Aufklärung hat auch die Theologie die Auffassung ins Repertoire ihrer Gottesvorstellungen übernommen, dass Gott nichts für uns tut, was nicht auch wir tun könnten und besser auch tun sollten."

Das ist laut Frisch die verbreitete Weltanschauung:

"Im Anthropozän ist nicht Gott, sondern der Mensch der Atlas, der unter einem leeren Himmel das Weltgebäude schultern muss. Alles hängt an uns. Unser Schicksal liegt allein in unseren Händen."

Wildwest-Theologie

Irgendwo in den Untiefen des Internets wird die Theologie von Ralf Frisch als "Krawalltheologie" bezeichnet. Darauf angesprochen sagt Frisch, geboren 1958 im Frankenwald, es sei ihm neu, dass er so etikettiert wird. Allerdings sei es ihm wichtig, sich Gehör zu verschaffen, um auch gehört zu werden. Dafür müsse man manchmal die Trommel rühren und konfrontieren. Ob er in seiner evangelischen Kirche ein Exot oder Outlaw sei – oder konservativer Revoluzzer? Das seien Stilisierungen, sagt er im Deutschlandfunk, um sich dann selbst mit Augenzwinkern so zu stilisieren: Seine Theologie sei "ein bisschen Wildwest-Theologie".

Einer seiner Lieblingsschriftsteller sei der raue US-Amerikaner Cormac McCarthy, den er auch aus dem Stand zitieren kann – auf Amerikanisch und auf Deutsch und in Anspielung auf Teresa von Ávila.

Ralf Frisch trägt Bart und den Schädel kahlgeschoren. Mit Parka und Jeans wirkt er eher wie ein Künstler oder Schriftsteller.

Warum Frisch sich so gern zwischen alle Stühle setzt, erklärt er so:

"Ich halte es mit dem evangelischen Theologen Paul Tillich, der mal gesagt hat: ‚Das Auf-der-Grenze-Sein ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.‘ Was so viel bedeutet wie: Wahre Einsicht und neues Lernen entstehen dort, wo wir uns an den Rändern von Gewissheiten bewegen."

Gegen den evangelischen Strom

Ralf Frisch ist Professor für Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg und Gründungsmitglied des "Forum Kirche & Theologie". Dieses Portal, für das auch der emeritierte evangelische Wiener Theologe Ulrich Körtner schreibt, schwimmt gegen den evangelischen Strom. Oder besser: will eigene Akzente setzen. Frisch geht es nicht um Polemik um der Polemik willen. Er plädiert dafür, seine Kirche sollte mehr von Gott reden und weniger von innerweltlicher Moral. Ihm geht es um die "Anderswelt". Er möchte, sagt er im Gespräch, "die theologische Rhetorik und Logik ein bisschen ihrer Selbstverständlichkeit und vielleicht auch ein bisschen ihrer Langeweile entkleiden." Er versteht sich als kritischer Begleiter seiner Kirche, damit sie "an das erinnert wird, was sie eigentlich sein sollte".

"Gott" von Ralf Frisch ist ein verwegenes, tollkühnes Buch. Frisch schreibt, wie er redet, wenn er uns Zeitgenossen charakterisiert:

"Wir versuchen, uns selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen und uns selber zu retten. Diese unendliche Selbstüberlastung des Menschen führt über kurz oder lang zum moralischen Hauen und Stechen von Letztinstanzen, die keine Letztinstanz mehr über sich selbst erkennen. Und es führt unweigerlich, so glaube ich, eben auch zur Erschöpfungsdepression."

Was das Ganze noch schlimmer macht: Der Gedankengang, im Endzeitalter des Menschen komme alles auf uns an, ziehe ein in Kirchen und Theologie. Als Indiz nennt er

"die Stimmung, die mich immer dann überfällt, wenn ich mediale Verlautbarungen von Theologie und Kirche, zu mir nehme. Ich habe verstärkt den Eindruck, dass da nur über den guten Menschen geredet wird und dass der wahre Gott unserer Zeit eigentlich der gute, ethisch sensible, achtsame, moralisch hochwertige Mensch ist. Ich leide wie ein Hund unter der Theologievergessenheit der evangelischen Kirche und ich leide wie ein Hund unter der Gottesvergessenheit dieser Theologie."

Und wirft man dann ein, dass es ja durchaus auch Theologinnen und Theologen gebe, die in eine andere Richtung denken und schreiben, holt Frisch nochmal aus und beklagt "die tiefe Trostlosigkeit einer selbst-säkularisierten, insgeheim atheistischen Theologie. Die "macht mir wirklich zu schaffen".

Kein Buch für Vorsichtige

Die so genannte "öffentliche Theologie" der evangelischen Kirche hält er für einen Irrweg. Und wer Frisch zuhört oder liest, kann das übertragen auf manch eine Einlassung katholischer Würdenträger die in Vorträgen auf die Rede von Gott weitgehend verzichten. Jenen Strömungen hält Frisch entgegen:

"Wenn Menschen noch irgendein Interesse an Kirche haben, vielleicht religiös oder kirchlich unmusikalische Menschen, dann wünschen sie sich eine Kirche, die sich so ernst nimmt, dass sie diesen Menschen etwas anderes zu sagen hat, als sie sie sich selber sagen können."

Selten hat mich ein theologisches Buch so elektrisiert wie das von Ralf Frisch. Es wird nicht verstauben. Es ist großartig geschrieben, kommt ein wenig feuilletonistisch daher und ist trotzdem ein Fachbuch. Wer es allerdings vorzieht, in vorgefertigten Erwartungskorridoren zu denken, sollte dieses Buch meiden. Es ist kein Buch für die Vorsichtigen.

Vielleicht

Denn "Gott" ist gewiss das Wort, das in diesem Buch am häufigsten vorkommt. Dicht gefolgt von einem kleinen unscheinbaren Wort – und zwar dem Wort "vielleicht". 186-mal kommt es vor. 23-mal "womöglich". Frisch will nicht fundamentalistisch daherkommen; das dürfte das Motiv dieser Selbstrelativierung sein. Zugleich ist es ein hoffnungsvolles Vielleicht. "Vielleicht ist es ja wahr, …". "Vielleicht gibt es Rettung…"

Buber und Ratzinger, DeLillo und Celan, Carossa und Hölderlin – und immer wieder Nietzsche: Ralf Frisch ist belesen. Ich blättere nochmals durch dieses Buch, das mich so fesselt, um einen Satz zu finden, der widerspiegelt, wie dieser Autor schreibt. Ich orientiere mich an den kleinen Bleistift-Kreisen, mit denen ich markiere, was mir wichtig ist. Der Haken: Meine Bleistift-Kreise helfen mir in diesem Fall nicht weiter. Denn es sind 196 Passagen, die ich markiert habe. Fast so viel, wie das Buch Seiten hat.

Also nehme ich einfach diese Sätze:

"Wer den Himmel als Abgrund unter sich hat, muss sich keine Illusionen über den Zustand einer Welt machen, der zum Himmel schreit. Er kann es sich getrost herausnehmen, untröstlich zu sein, Gott nicht zu schonen, in die Abgründe der Welt hineinzuschreien und den Herrn des Himmels und der Erde herbeizuklagen. Wer den Himmel als Abgrund unter sich hat, weiß aber auch, dass es letztlich unmöglich ist, tiefer zu fallen als in Gottes Hand. Und weil er das weiß, hat er keine Angst davor, dass dieser Satz für unsäglich oder unsäglich kitschig gehalten werden könnte."

Ralf Frisch setzt der "Verstofftierung Gottes" die "Anderswelt" entgegen. Mein Fazit nach der Lektüre: Ein wenig "Gott" und "ein wenig Theologie" täten dem Anthropozän "vielleicht" gut – und "womöglich" auch den Kirchen- und Katholikentagen.

Ein kleiner Nachtrag: Jüngst bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Berlin sprach der katholische Pastoraltheologe Jan Loffeld davon, dass Kirche nicht zu NGO werden dürfe. Und auch wenn er sich in vielen Punkten von Frisch unterscheidet – auch Loffeld benannte das zentrale Distinktionsmerkmal: Gott.

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Gottloses Amen: Ralf Frisch gegen die moderne Religion der Selbsterlösung
Ralf Frisch

25,00 € (D), 220 S., 3. Auflage, Theologischer Verlag Zürich

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