I.
In den großen Liturgien der römisch-katholischen Kirche bleibt wenig dem Zufall überlassen. Liturgie ist ein komplexes, symbolisch verdichtetes Zusammenspiel von Raum, Zeit, Gesten, Texten und Gegenständen, das transformationsproduktiv, dynamisch und offen ist. Liturgie entfaltet ihre Wirkung daher nicht allein durch eindeutige Botschaften, sondern durch eine Zeichenordnung, die auch Deutungsspielräume eröffnet.
Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, dass Leo XIV. am 6. Januar, dem Hochfest "Erscheinung des Herrn", erstmals seine neue Ferula pontificalis – also einen päpstlichen Kreuzstab – verwendete? Die neue Ferula ist ein Zeichen der Hoffnung, das auf Wandlung zielt. Dies unterstreicht auch die Predigt des Papstes in derselben Feier. Leo sprach von den Pilgern, die auf dem Weg zum neuen Jerusalem (vgl. Offb 21,25) durch die Heilige Pforte gezogen sind. Leo sieht sie als die Sterndeuter von heute.
Die Ferula ist seit dem Spätmittelalter bezeugt. Ihre Gestalt und Verwendung haben seitdem selbst mehrere Wandlungen erfahren. Beim Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils am 8.12.1965 verwendete Papst Paul VI. erstmals eine Ferula mit dem Gekreuzigten, den er selbst als Sinnbild einer "kraftvollen und ausdrucksstarken, […] zum Himmel gespannten Schleuder" beschrieb. Die von Leo XIV. erneuerte Ferula steht in dieser Tradition, verschiebt allerdings den Akzent bedeutsam: Sie wahrt die Kontinuität, richtet den Blick jedoch neu aus – weg vom leidenden Schmerzensmann hin zum auferstandenen Christus.
II.
Eine Akzentverschiebung: Der Gekreuzigte ist verherrlicht dargestellt, nicht gefesselt, nicht in sich verschlossen. Die Arme sind erhoben, vom Kreuzesbalken gelöst und auf den Vater hin geöffnet. Die Wunden bleiben sichtbar. Sie sind Zeichen verwandelten Leidens, Ausdruck freiwilliger Hingabe (sacrifice), leuchtende Chiffren der Liebe.
Vulnerabilität – Verletzlichkeit – wird hier nicht verleugnet, sondern neu gerahmt. Sie erscheint nicht als bloßer Mangel, sondern als paradoxe, produktive Schwelle: Leben wächst gerade dort, wo es sich preisgibt. Hoffnung entsteht nicht aus überzogener Selbstverknappung, sondern aus einer riskanten Offenheit, die Verschwendung zulässt – jener "lebensstiftenden Selbstverschwendung", die Georges Bataille als Gegenentwurf zu einer ökonomisierten Logik des Selbsterhalts beschreibt.
Diese Offenheit ist jedoch kein romantisierter Schonraum. Verletzlichkeit bleibt ambivalent. Sie vermag Solidarität zu ermöglichen, Nähe zu stiften und Sorgebeziehungen zu eröffnen; zugleich kann sie aber auch in Angst kippen, Aggressionen freisetzen und zerstörerische Dynamiken auslösen. Diese negative Lesart wird von Hildegund Keul als Herodesstrategie markiert. Eine solche abträgliche Vulneranzspirale sprach am 6. Januar auch der Papst in seiner Predigt an: Herodes fürchtet "um seinen Thron und ist angesichts dessen beunruhigt, was sich seiner Kontrolle entzieht. Er versucht, die Sehnsucht der Sterndeuter auszunutzen und ihre Suche auf seinen Vorteil hinzulenken. Er ist bereit zu lügen und zu allem entschlossen; denn seine Angst macht ihn blind."
Die offenen Arme Christi gewinnen ihre Bedeutung vor allem darin, dass sie Verletzlichkeit nicht auf ein Opfersein reduzieren, sondern als bewusst gewendete Offenheit deuten: Verwundung bleibt real, wird jedoch in den Horizont freiwilliger Hingabe und Beziehung gestellt. Vulnerabilität erscheint so nicht als bloßes Erleiden, sondern als riskanter Möglichkeitsraum, der nicht auf Absicherung zielt, sondern auf Ausrichtung auf das Gute, das den Menschen trägt.
Die hieraus erwachsende Resilienz – Widerstandsfähigkeit – ist dabei kein einfacher Gegenpol zur Verletzlichkeit und kein Durchhalteprogramm. Es geht um ein Geschehen, in dem Verwundung – unter bestimmten Bedingungen – zu Wandlung und neuer Handlungsfähigkeit führen kann.
Die sichtbaren und verklärten Wunden Christi bewahren die Erinnerung an das Leid und verweisen zugleich auf seine Verwandlung. Im Wegschenken ohne Berechnung, im Verzicht auf Sicherheit und Unversehrtheit, kann eine Kraft entstehen, die mitten in der Geschichte Hoffnung und Heilung eröffnet. Solidarität, Mitgefühl und Fürsorge wachsen nur dort, wo die falsche Utopie der Unverwundbarkeit einer vulnerabilitätssensiblen, resilienten christlichen Existenz weicht.
III.
Hoch gesicherte Gesellschaften sind paradoxerweise umso intoleranter gegenüber tatsächlich erfahrenem Leid, je größer das Wissen darüber ist, wie Leiden vermeidbar wäre. Dieses Verletzlichkeitsparadox hat gravierende Konsequenzen: Obwohl Absicherung und objektive Resilienz steigen, wird der Umgang mit Unsicherheit, Risiko und Kontingenz schwieriger.
So entstehen "Flüchtlinge des Nihilismus" – Menschen, die äußerlich abgesichert sind, innerlich jedoch eine diffuse Sehnsucht nach Sinn, Tiefe und Bedeutung verspüren. In einem "rundum sakrophobischen Umfeld" (Bernd Ulrich) werden Opfer und Selbsthingabe tabuisiert, weil sie als Zumutung erscheinen. Genau hier jedoch setzen liturgische Zeichen an; so auch der neue Hirtenstab von Papst Leo XIV.
Sind es nicht gerade die kleinen, sinnenfälligen Zeichen, die das Opfer nicht verschweigen und zugleich seine lebensstiftende Dimension erschließen? Sind es nicht jene unscheinbaren Gesten, deren Deutungen in auf Skandal und Perfektion getrimmten Gesellschaften verlernt worden scheinen?
Die neue päpstliche Ferula steht für diese Logik. Die neue künstlerische Gestaltung ist weniger machtpolitische Insigne als vielmehr Zeichen riskierter Verletzlichkeit. Sie verweist auf eine Widerstandsfähigkeit, die nicht verordnet werden kann, sondern aus der Bereitschaft zur Wandlung erwächst – aus der Freiheit, sich im Zweifel verwunden zu lassen, ohne dann aber im Schmerz der Wunde zu versinken, "weil alles mit dem Licht seiner Gnade erhellt wird" (Schlussgebet, 6. Januar). Riskierte Vulnerabilität – gesteigerte Resilienz: abwärts gewendete Kreuzesbalken – offene, schöpferisch nach oben ausgerichtete Arme.