Muße, Kult und KontemplationJosef Pieper und die Wiederentdeckung der intuitiven Erkenntnis

Lehrer des geistlichen Lebens: Josef Pieper zeigt, warum Wahrheit nicht nur erarbeitet, sondern auch empfangen wird – und was das für Theologie und Kultur bedeutet.

Kreuzgang
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Wer heute von Kontemplation spricht oder gar mit der Übung der Kontemplation vertraut ist, steht gewöhnlich in einer Tradition, die seit den 1970er Jahren in die christlich geprägten Kulturen des Westens Einzug gehalten hat.

Die Pioniere und frühen Lehrer dieser Bewegung kamen weitgehend darin überein, dass die Wiederentdeckung christlicher Mystik zu den Zeichen der Zeit gehört. Einige von ihnen haben aus der Begegnung mit dem Zen und anderen religiösen Traditionen Asiens wesentliche Anregungen gewonnen, sich wieder den vielfach vergessenen Quellen der eigenen, christlichen Tradition zuzuwenden. Andere sind aus der Rückbesinnung auf den nie abgerissenen Strom christlicher Mystik zu einer Neuentdeckung und Neubewertung bedeutender Lehrerinnen und Lehrer des geistigen Lebens gekommen, allen voran Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz und Ignatius von Loyola.

Das äußere Wort tritt zurück, die Wahrnehmung richtet sich nach innen.

Was die verschiedenen Richtungen miteinander verbindet und sie von einer rein akademisch-theologischen Rezeption christlicher Mystik unterscheidet, ist eine methodisch angeleitete Übungsform. Im Unterschied zum breiten Strom der klassischen Vortragsexerzitien, die noch bis in die 1950er und 1960er Jahre die katholischen Exerzitienkurse prägten, bewegen sich diese in den 1970er Jahren neu aufgekommenen Übungsformen in einem anderen Setting. Das äußere Wort tritt zurück, die Wahrnehmung richtet sich nach innen. Dabei soll grundsätzlich "nicht gedacht werden." Es geht um eine "bildlose Schau", um eine Intuition, die sich im "Erfassen der Wahrheit mit einem einfachen Blick ohne vorausgehende diskursive Untersuchung" vollzieht, sagt der Jesuit Enomiya-Lassalle, einer der Pioniere dieser Bewegung (Zen-Meditation für Christen, Bern u. a. 41976, 14; 32). Franz Jalics SJ, ein weiterer bedeutender Lehrer des geistlichen Lebens, beschreibt den kontemplativen Weg als "ein Innewerden von etwas, das immer da war, aber nie bemerkt wurde" (Der kontemplative Weg, Würzburg 2006, 7).

Was in diesen Kreisen nicht oder nur wenig bekannt ist, ist die Tatsache, dass sich bereits dreißig Jahre vor der in den 1970er Jahren einsetzenden Meditationswelle der Philosoph Josef Pieper intensiv mit diesen Fragen beschäftigt hat.

Muße und Kult

Die im Jahre 1947 erschienene Schrift "Muße und Kult" gehört zu den erfolgreichsten Büchern Piepers. Der mit dem Buch verbundene Anspruch ist nicht gering. Pieper möchte zeigen, dass die Muße "eines der Fundamente der abendländischen Kultur" ist (Werke in acht Bänden, Bd. 6, 2). Sie ist allerdings gefährdet und droht in Vergessenheit zu geraten, mit schwerwiegenden Folgen für Mensch, Kultur und Natur. Mit "Muße und Kult" beansprucht Pieper, aus philosophischer Sicht einen Beitrag zum geistigen Neuaufbau Deutschlands nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Totalitarismus zu leisten, der allerdings weit über das Gebot der Stunde hinausgeht.

In der Antike wurde die geistige Tätigkeit des Menschen nicht als Arbeit verstanden.

Piepers Erörterungen gehen von dem eigentümlichen Begriff des "Geistesarbeiters" aus. In diesem Begriff gibt sich nach Pieper ein Totalitätsanspruch der Arbeit zu erkennen, der dem Wesen des Menschen widerspricht. In der Antike wurde die geistige Tätigkeit des Menschen nicht als Arbeit verstanden:

"Dass nun dieser Bereich des geistigen Tuns insgesamt, die Provinz der philosophischen Bildung nicht ausgenommen, erobert wurde durch das Richtbild der Arbeit; dass auch dieser Bezirk unter den ausschließlichen Anspruch der Arbeitswelt gestellt wurde – dies ist die jüngste Phase jenes Prozesses der Machtergreifung der ‚imperialen Figur‘ des 'Arbeiters'. Und es sind die Begriffe 'geistige Arbeit' und 'Geistesarbeiter' sowie der ihnen innewohnende Geltungsanspruch, worin diese Machtergreifung sich besonders deutlich und herausfordernd manifestiert" (6).

Unter "Arbeit" versteht Pieper jede Form von Aktivität, also nicht nur die körperliche und handwerkliche Arbeit, sondern alles, was in irgendeiner Form dem Modus des Tuns zuzurechnen ist. Wenn geistige Erkenntnis aber nichts als Arbeit ist und sein soll, dann, so fährt Pieper fort, enthält diese Aussage einen zweifachen Anspruch: einen "Anspruch an den Menschen" und einen "Anspruch des Menschen". Der Anspruch an den Menschen lautet: "Wenn du etwas erkennen willst, so musst du arbeiten" (10). Der Anspruch des Menschen lautet: "Wenn Erkennen Arbeit ist, ausschließlich Arbeit, dann erringt also der Erkennende, indem er erkennt, die Frucht seiner selbsteigenen, subjektiven Aktivität und nichts sonst; es ist also in der Erkenntnis nichts, das nicht der eigenmenschlichen Anstrengung verdankt wäre; es ist nichts Empfangendes darin" (10). Pieper spricht vom "harte[n] Zug des Nicht-empfangen-Könnens, des Unvermögens, empfangen zu wollen; es ist die Versteinerung des Herzens, das sich nichts widerfahren lassen will" (11).

Der einfache Schaublick

Unter dem hier angesprochenen Gesichtspunkt einer von Arbeit geprägten Aktivität gibt Pieper einen kurzen, idealtypischen Abriss der Geschichte der Erkenntnislehre; dabei unterscheidet er zwei Modelle: In dem einen besteht die geistige Erkenntnis aus reiner Aktivität. Dem anderen, älteren Modell zufolge enthält jeder geistige Erkenntnisakt ein rezeptives Element. Um dieses rezeptive Element in der geistigen Erkenntnis des Menschen, das – streng genommen – nicht mehr durch "Arbeit", nicht mehr durch Anstrengung hervorgerufen wird, geht es Pieper. Es ist das Einfallstor der Muße, genauer: Es ist die Muße, die jeder menschlichen Aktivität, wenn sie denn fruchtbar sein soll, ihr inneres Maß gibt.

Das neuere Modell, das Erkennen ausschließlich als Ergebnis menschlicher Arbeit versteht, veranschaulicht Pieper an Kant:

"Für Kant etwa ist das geistige Erkennen des Menschen ausschließlich ‚diskursiv‘, das heißt: nicht anschauend. […] Nach der Meinung Kants […] verwirklicht sich menschliches Erkennen wesentlich in den Akten des Untersuchens, des Verknüpfens, des Vergleichens, des Unterscheidens, des Abstrahierens, des Schlussfolgerns, des Beweisens – lauter Formen und Weisen der aktiven denkerischen Anspannung. Erkennen (geistiges Erkennen des Menschen!) sei, dies ist die Kantische These, ausschließlich Aktivität, nichts als Aktivität". (7)

"Die alte Philosophie", so Pieper, "hat in dieser Sache anders gedacht. Sowohl die Griechen, und Aristoteles nicht minder als Platon, wie auch die großen mittelalterlichen Denker sind der Meinung gewesen: Es gebe nicht allein in der Sinneswahrnehmung, sondern auch im geistigen Erkennen des Menschen ein Element rein empfangenden Hinblickens, oder, wie Heraklit sagt, des ‚Hinhorchens auf das Wesen der Dinge‘" (8).

Anhand einer Reihe von Belegen verdeutlicht Pieper diese beiden Seiten menschlicher Erkenntnis. Dabei greift er auf die Unterscheidung von ratio und intellectus der mittelalterlichen Philosophen zurück:

"Ratio – das ist die Kraft des diskursiven Denkens, des Suchens und Untersuchens, des Abstrahierens, des Präzisierens, des Schlussfolgerns und Beweisens. Intellectus aber ist der Name der Vernunft, sofern sie das Vermögen des simplex intuitus ist, des ‚einfachen Schaublicks‘, dem das Wahre sich darbietet wie dem Auge die Landschaft. Die geistige Erkenntniskraft des Menschen nun, so haben die Alten es verstanden, sei beides in einem: ratio und intellectus; und menschliches Erkennen sei ein Zusammenwirken von beiden. Der Weg des diskursiven Denkens sei begleitet und durchwirkt vom mühelos gewahrenden Schaublick des intellectus, der ein nicht aktives, sondern passives oder vielmehr rezeptives, ein tätig empfangendes Vermögen der Seele sei". (8–9)

Nach Thomas von Aquin hat der Mensch im intuitiven Teil seiner Erkenntnis Teil an der

"nicht-diskursiven Schaukraft der Engel, denen es gegeben ist, das Geistige so zu gewahren, wie unser Auge das Licht wahrnimmt und unser Ohr den Laut. Es gibt im menschlichen Erkennen das Element des nicht-aktiven, des rein empfangenden Hinblickens – freilich nicht kraft des eigentlich Menschlichen, sondern kraft einer Übersteigerung des Menschlichen, die aber just die höchste menschliche Möglichkeit erfüllt und also doch wieder 'eigentlich menschlich' ist (wie, nach des gleichen Thomas Wort, die vita contemplativa, wiewohl die erhabenste Weise menschlichen Daseins, non proprie humana, sed superhumana, 'nicht eigentlich menschlich, sondern übermenschlich' ist)." (9)

Mit dieser Unterscheidung gelangt Pieper zu einem ersten, grundlegenden Ergebnis: "Der einfache Schaublick des intellectus aber, Anschauen ist nicht Arbeit." (9)

Kontemplation

Pieper identifiziert den intuitiven Schaublick mit der Kontemplation. Das schweigende Vernehmen der Wirklichkeit in der kontemplativen Versenkung ist eine Form von Erkenntnis. Sie ist möglich, weil sich die Wirklichkeit zeigt, sich dem Erkennenden mitteilt, sich offenbart: "Muße ist eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. Solches Schweigen ist nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen […] Muße ist die Haltung des empfangenden Vernehmens, der anschauenden, kontemplativen Versenkung in das Seiende" (23).

Die Bereitschaft, sich dem zu öffnen, was sich zeigt, ist eine sehr subtile Form von Aktivität.

Muße, wie Pieper sie hier aus der philosophischen Tradition des Abendlandes entfaltet, hat also nichts mit Müßiggang zu tun. Die Bereitschaft, sich dem zu öffnen, was sich zeigt, ist eine sehr subtile Form von Aktivität. Muße "kann erst dann zur Frucht gedeihen, wenn es dem Menschen von sich aus möglich geworden ist, ‚Muße zu wirken‘ (so lautet die griechische Ausdrucksweise – σχολὴν ἄγειν –, worin das gar nicht ‚müßige‘ Wesen der Muße zutage tritt)" (36).

Das äußerste Glück

Zehn Jahre später, im Jahre 1957, veröffentlicht Pieper "Glück und Kontemplation". Berthold Wald, der Herausgeber der gesammelten Werke, empfiehlt diese kleine Schrift als die beste Einführung in die Philosophie Piepers. Das luzide geschrieben kleine Buch kann als Fortführung und Vertiefung von "Muße und Kult" gelesen werden.

Das äußerste Glück, auf das der Mensch von Natur aus angelegt ist, so Pieper, liegt in der Kontemplation. Kontemplation ist nicht denkendes, sondern schauendes Erkennen des Anwesenden, schweigendes Vernehmen von Wirklichkeit: "Der Schauende hat gefunden, wonach der Denkende sucht; es ist anwesend und 'vor Augen'" (195).

Piepers Lehre von der Kontemplation enthält eine kultur- und gesellschaftskritische Komponente.

Diese Form der Erkenntnis ist dem Menschen bereits in der Zeit seiner irdischen Pilgerschaft möglich. Pieper spricht von der "irdischen Kontemplation". Sie ist eine Vorform der jenseitigen visio beatifica, "eine inchoatio vitae aeternae […], eine Vorahnung der ewigen Glückseligkeit" (215).

"Dies bedeutet: Gott ist anwesend in der Welt; er kann dem auf die Tiefe der Dinge gerichteten Blick 'vor Augen kommen'" (ebd. 199). Die Kontemplation ist ein vom Staunen begleitetes Erkennen. Staunen kann nur, wer noch nicht das Ganze sieht. Zum Wesen der Kontemplation gehört allerdings auch, "dass sie nicht mitgeteilt werden kann. […] Es gibt keinen Zuschauer" (204).

Piepers Lehre von der Kontemplation enthält, wie unmittelbar einsichtig, eine kultur- und gesellschaftskritische Komponente. Die Kontemplation ist "durch nichts tödlicher bedroht […] als durch die unaufhörlich produzierte Scheinwelt leerer Reizdinge, deren optischer Lärm die Vernehmungskraft der Seele taub macht" (ebd. 212).

Innerlich verbunden mit der Kontemplation ist der Kult: "Die tiefste Wurzel also, aus welcher die Muße lebt […] liegt in der kultischen Feier" (40). Daraus ergeben sich tiefgreifende Anfragen an die Art und Weise, wie heute Liturgie gefeiert wird. Vor allem in den 1970er Jahren hat sich Pieper mehrmals und pointiert gegen die von ihm als trostlos erlebten "entsakralisierten Gottesdienste" ausgesprochen und in der "orientierungslosen Experimentiererei" ein alarmierendes Zeichen des Glaubenszerfalls gesehen (vgl. Die Dimension des Heiligen zurückgewinnen, herausgegeben und eingeleitet von Berthold Wald, Freiburg: Johannes Verlag 2021).

Die dunkle Nacht gehört zum Wesen der Kontemplation.

Pieper tritt dem verbreiteten Missverständnis entgegen, "die vita contemplativa für eine bare Vergnüglichkeit zu halten. Das Glück der Kontemplation ist kein bequemes Glück" (ebd. 612). Die dunkle Nacht gehört zum Wesen der Kontemplation. "Irdische Kontemplation ist unvollkommene Kontemplation. Mitten in der Ruhe ist Beunruhigung. Sie rührt daher, dass im Augenblick ihres Gelingens die überwältigende Unendlichkeit des Gegenstandes und die eigene Grenze erfahren wird. Es gehört zur Natur der irdischen Kontemplation, dass sie eines Lichtes ansichtig wird, dessen abgründige Helligkeit beides zugleich erzeugt: Beglückung und Erblindung" (216).

Theologie studieren

Die Konsequenzen für den christlichen Glauben und das Studium der Theologie können hier nur angedeutet werden. Der Jesuit und Japanmissionar Hugo M. Enomiya-Lassalle und der aus Westfalen stammende Philosoph Josef Pieper kommen unabhängig voneinander zu dem gleichen Ergebnis: "Theologiestudium ohne Meditation ist für den heutigen Menschen eine Gefahr. Das diskursive Denken muss durch das intuitive ergänzt werden. Erst wenn das geschieht, ist der Mensch befähigt, die Wahrheit ganz zu erfassen" (Lasalle, Zen-Meditation, 60). Und bei Josef Pieper, der in den "nachkonziliaren Wirrnissen" (Werke, Ergänzungsband 2, 527–548) die "Verwüstungen der Theologie" beklagt und dagegen angeschrieben hat (Werke, 7, 213), heißt es:

"Kontemplation ist nicht denkendes, sondern schauendes Erkennen. Sie ist nicht der ratio zugeordnet, nicht der Kraft des schlussfolgernden und beweisenden Denkens, sondern dem intellectus, dem Vermögen des 'einfachen Schaublicks'. Schauen ist die vollkommene Gestalt von Erkennen schlechthin. […] Kontemplation also ist Schauen, das heißt, eine Weise der Erkenntnis, die sich nicht erst auf ihren Gegenstand hin bewegt, sondern in ihm ruht" (Werke 6, 194–195).
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