Paulus, der MystikerEine neue Identität aus der Christuserfahrung

Lehrer des geistlichen Lebens: Paulus machte eine Erfahrung, die alles auf den Kopf stellte – und zum Beginn einer radikalen Transformation wurde.

Guercino (1591–1666), Der Heilige Paulus (Zeichnung)
Guercino (1591–1666), Der Heilige Paulus (Zeichnung)© Guercino, CC0, via Wikimedia Commons

Wenn wir Kindern oder auch Erwachsenen, die sich für den christlichen Glauben interessieren, einen Zugang zum Neuen Testament erschließen wollen, beginnen wir gewöhnlich mit den synoptischen Evangelien. Die anschaulichen Erzählungen der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas versteht jedes Kind – zumindest scheint es so zu sein.

Würden wir einen durchschnittlich sozialisierten Christen unserer Tage fragen, was uns denn der Apostel Paulus in seinen Briefen zu sagen hat, so dürften wir auf ein ratloses Schulterzucken stoßen. Das ist eigenartig, denn eigentlich steht uns der Apostel Paulus viel näher als die Menschen, die mit Jesus auf den Straßen Palästinas unterwegs waren; denn auch Paulus hat, ebenso wie wir, den irdischen Jesus nicht gesehen.

Kein Geringerer als Romano Guardini zieht daraus die Schlussfolgerung, "der eigentliche Zugang" zum christlichen Glauben "müsse bei Paulus liegen […], und zwar deshalb, weil dieser sich Jesus gegenüber grundsätzlich in der gleichen Situation befunden hat, wie jeder Hörer der Botschaft sonst. Paulus war der einzige Apostel, welcher den irdischen Jesus, der auf den Straßen von Palästina umherging, in den Dörfern und Städten lehrte und heilte, endlich starb und auferstand, nicht persönlich gekannt hat." Für Guardini folgt daraus: "Erst durch Paulus werden die übrigen neutestamentlichen Texte aufgeschlossen" (Das Christusbild der paulinischen und johanneischen Schriften, 31987, in: Werke, 39; 41).

Eingedenk dessen wollen wir unsere Reihe über Lehrer des geistlichen Lebens – nach einer ersten philosophischen Vergewisserung im Anschluss an Josef Pieper – mit Paulus fortsetzen.

Die Damaskuserfahrung und ihre Folgen

Die Initialzündung der paulinischen Theologie gründet in der Damaskuserfahrung. Der Sache nach handelt es sich um eine tiefe mystische Erfahrung. Lange Zeit wurde dieser Zusammenhang ausgeblendet. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass in der liberalen evangelischen Theologie Mystik lange Zeit als etwas typisch Katholisches angesehen wurde, als eine aus der platonischen Philosophie stammende Überfremdung und Entstellung der jesuanischen Botschaft.

"Mystik ist ein vieldeutiger und umstrittener Begriff. Im Bereich der neutestamentlichen Exegese fand er im Verlauf der letzten Jahrzehnte vorwiegend negative Verwendung. Eine Interpretation wurde häufig dann als richtig angesehen, wenn festgestellt werden konnte, dass eine bestimmte Vorstellung nicht mystisch zu verstehen sei",

gesteht der evangelische Neutestamentler Hans-Christoph Meier ein (Mystik bei Paulus. Zur Phänomenologie religiöser Erfahrung im Neuen Testament, Tübingen – Basel 1998, 1).

In einflussreichen Kreisen der evangelischen Theologie herrscht diese Sicht auch heute noch vor. Doch aufs Ganze gesehen, hat sich die Diskussionslage verändert (vgl. u. a. Volker Leppin, Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln, München 2016). Inzwischen hat die Erkenntnis, dass "mystische Erfahrungen für Paulus von Anfang an von entscheidender Bedeutung" waren und ihnen gegenüber seiner Rechtfertigungslehre sogar ein gewisser Vorrang einzuräumen ist, Eingang in die Paulus-Exegese gefunden (Meier, ebd. 293).

Nach Hans-Christoph Meier ist in der Damaskuserfahrung "das Ursprungsmotiv für den Glauben und das gesamte Wirken des Christen Paulus zu sehen" (ebd. 94f). Paulus wird im Innersten seiner Existenz so sehr erschüttert, dass es für ihn seitdem ein "Vorher" und ein "Nachher" gibt.

Sein früheres Leben ist in der Begegnung mit Christus zusammengebrochen. "Ihr habt doch von meinem früheren Lebenswandel im Judentum gehört und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. […] Als es aber Gott gefiel, in mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkünde, da zog ich nicht Fleisch und Blut zu Rate" (Gal 1,13.15). Was ihm einst Gewinn war, hält er rückblickend "um Christi willen für Verlust" (Phil 3,7).

Ausgelöst durch die Offenbarung Jesu Christi, die ihm vor Damaskus zuteilwurde, vollzog sich an ihm jener Transformationsprozess, den er als den Kern des christlichen Glaubens erkannte und als Apostel den Völkern verkündete.

Die Christuserfahrung hat tiefgreifende Folgen für seine eigene Identität. Nach Udo Schnelle handelt es sich bei der Damaskuserfahrung um "eine externe Transzendenzerfahrung, die eine neue Identität begründet. […] Paulus erfährt Damaskus als Schnittpunkt zweier Welten, in Raum und Zeit erscheint ihm der Sohn Gottes. Die Schau des Auferstandenen führt Paulus zur Preisgabe des bisherigen Ich, zu einer ‚Entselbung‘, die als Negation Voraussetzung für das neue Sein in Christus ist. Damaskus erlebt Paulus als Partizipation am Christusgeschehen, die ihm eine neue Identität schenkt und zugleich zu einer Umstrukturierung seines Selbst- und Weltbildes zwingt" (Paulus. Leben und Denken, Berlin – Bosten, 22014, 91f).

Ausgelöst durch die Offenbarung Jesu Christi [Genitivus objectivus], die ihm vor Damaskus zuteilwurde, vollzog sich an ihm jener Transformationsprozess, den er als den Kern des christlichen Glaubens erkannte und als Apostel den Völkern verkündete.

Transformation

Eines der wesentlichen Merkmale einer authentischen mystischen Erfahrung ist der durch sie ausgelöste Transformationsprozess: "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden. Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,19f). Mystik im christlichen Verständnis weist eine christologische Struktur auf. Die Identität eines Menschen wird zutiefst verwandelt. Allerdings bedarf dieser Prozess der entschiedenen Annahme und Mitgestaltung; es handelt sich nicht um einen Automatismus, dem der Betroffene willenslos ausgeliefert wäre.

Dass sich dieser Transformationsprozess in einer ersten grundlegenden Phase auch bei Paulus über mehrere Jahre hin erstreckt hat, können wir mit guten Gründen aus seiner Biografie erschließen.

Es dauert in der Regel Jahre, bis das in Christus neu gewonnene Leben allmählich Gestalt annimmt, selbst wenn die mystische Erfahrung im engeren Sinne – wie ein Blitzschlag – nur wenige Sekunden umfasst, gleich einem Wimpernschlag. In einem seiner letzten Briefe schreibt Paulus: "Nicht, dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin" (Phil 3,12).

Dass sich dieser Transformationsprozess in einer ersten grundlegenden Phase auch bei Paulus über mehrere Jahre hin erstreckt hat, können wir mit guten Gründen aus seiner Biografie erschließen. Denn zwischen der Damaskuserfahrung, die in das Jahr 33 n. Chr. datiert wird, und dem ältesten überlieferten Brief des Apostels, dem Brief an die Thessalonicher, der zeitlich um 50/51 n. Chr. anzusetzen ist, liegen rund siebzehn Jahre. Wir wissen kaum, was er in dieser Zeit getan hat. Vieles spricht dafür, dass es eine Zeit der Inkubation war, bis der Vulkan zu brodeln begann und ausbrach (vgl. Schnelle, ebd. 95).

Seit der Damaskuserfahrung war Paulus mit einem Schlag klar, dass er bezüglich des christlichen Glaubens in einer fatalen Täuschung gefangen war. In einer tiefen Durchbruchserfahrung wurde ihm offenbart, dass Jesus der Sohn Gottes ist und dass er, Paulus, dazu berufen ist, ihn unter den Völkern zu verkünden. Doch dieses Kerygma in seinem ganzen Ausmaß im Rahmen seines bisherigen Wissens wirklich zu verstehen, das ging nicht in kurzer Zeit. Man kann die "dunklen Jahre" zwischen Damaskus (33 n. Chr.) und dem ersten Brief an die Thessalonicher (50/51 n. Chr.) als eine Zeit verstehen, in der sich Paulus den christlichen Glauben aneignete, ihn geistig zu durchdringen suchte und sich auf seine Aufgabe als "Apostel der Völker" vorbereitete. Dies geschah, soweit noch erkennbar, im Rückzug in die Stille der Wüste (Arabia), im Kontakt mit der christlichen Gemeinde in Damaskus, wo er die Taufe empfing, in einem 15-tägigen Aufenthalt in der Urgemeinde zu Jerusalem, wo er sich mit Petrus und Jakobus austauschte, in seiner Heimat Kilikien (Gal 1,17–21) und dann vor allem seit den frühen 40er Jahren in der christlichen Gemeinde von Antiochien, in die ihn Barnabas eingeführt hatte (Apg 11,25f).

Teresa von Avila warnt eindringlich davor, "vor der Zeit herauszugehen", um andere zu belehren.

Formal gesehen handelt es sich bei den hier angesprochenen Ereignissen um jene Phase, die als Integration einer mystischen Erfahrung zu verstehen ist. Das braucht Zeit. Teresa von Ávila warnt eindringlich davor, "vor der Zeit herauszugehen", um andere zu belehren – ein Fehler, von dem sie eingesteht, dass sie ihn selbst begangen hat (Vida 7,10; 13,8–9; Gedanken zum Hohelied 7,9).

"Die Übermittlung des Evangeliums vollzog sich dem paulinischen Selbstverständnis nach sowohl als unmittelbare Christusoffenbarung als auch durch menschliche Vermittlung. Wann und wo Paulus über sein Vor- und Spezialwissen hinaus im christlichen Glauben unterwiesen wurde, lässt sich nicht mehr sagen" (Schnelle, ebd. 95).

Christliche Mystik

Der christliche Glaube ist von seinem Ursprung her ein mystischer Glaube. Joseph Ratzinger hat es so ausgedrückt: "Die Schrift ist geboren aus einem mystischen Kontakt der Hagiografen mit Gott, sie kann daher richtig verstanden werden wiederum nur auf einer letzterdings 'mystisch' zu nennenden Ebene" (Gesammelte Schriften, 2, 518). Paulus ist gleichsam "der archetypische Mystiker" (Bernard McGinn, Die Mystik im Abendland, Bd. 1, 118).

Die zahlreichen Dualismen und Dichotomien wie Gesetz – Gnade, Licht – Finsternis, Geist – Fleisch und viele andere mehr, die in seinen Briefen anzutreffen sind, haben ihren biographischen Haftpunkt in der Christuserfahrung auf dem Weg nach Damaskus: "Ihr seid entweder Sklaven der Sünde, die zum Tod führt, oder des Gehorsams, der zur Gerechtigkeit führt" (Röm 6,16). Sie gehören zum Kern der christlichen Botschaft und finden sich in unterschiedlichen Variationen auch in den Evangelien: "Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts" (Joh 6,63).

Es gibt so etwas wie einen Bruch, einen Sprung auf eine andere Ebene, einen Übertritt in einen anderen Bereich, einen Übergang vom Tod zum Leben. Ohne den ist der christliche Glaube nicht zu verstehen.

Diese und ähnliche Aussagen ergeben nur einen Sinn, wenn die sinntragenden Begriffe als kontradiktorische und nicht als konträre Begriffe zu verstehen sind, also als Begriffe, die ein entsprechendes Spektrum vollständig abdecken und nicht mit einem tertium datur rechnen: "Ihr alle seid Söhne des Lichtes und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein" (1 Thess 5,5f).

 Es gibt also so etwas wie einen Bruch, einen Sprung auf eine andere Ebene, einen Übertritt in einen anderen Bereich, einen Übergang vom Tod zum Leben. Ohne den ist der christliche Glaube nicht zu verstehen.

Einübung

Allerdings bedarf diese Aussage einer zweifachen Ergänzung. Zum einen zeigt die Erfahrung, dass sich der Übergang vom einen in den anderen Bereich gewöhnlich über einen längeren Zeitraum hin erstreckt. Es bedarf einer Vorbereitung und längerer Einübung, um in den christlichen Glauben hineinzufinden. Damit beschäftigen sich die klassischen Katechesen.

 Hält man jedoch daran fest, dass der christliche Glaube von seinem Ursprung her ein mystischer Glaube ist, dann kommt auch das Modell des allmählichen Übergangs nicht daran vorbei, mit einem Sprung zu rechnen. Die Erleuchtung kommt in der Regel plötzlich, auch dann, wenn jemand das Evangelium – zunächst – von Menschen empfängt.

Bei Paulus war die Reihenfolge eine andere; er wird nicht müde, dies zu betonen: "Paulus, zum Apostel berufen, nicht von Menschen oder durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und durch Gott" (Gal 1,1). Der Bruch stand am Anfang; er geschah in Form einer klassischen Spontanerfahrung, völlig überraschend und unvorbereitet – wenn man nicht seinen vorherigen Eifer im Judentum (Gal 1,14) als eine verborgene Vorbereitung auf diesen Sprung verstehen will.

Das neue, in Christus gewonnene Leben bedarf einer ständigen und lebenslangen Einübung.

Eine zweite Ergänzung lässt sich in das Wort fassen: "Eine Erleuchtung macht noch keinen Erleuchteten." Selbst nach dem Sprung auf die andere Ebene geht der Weg weiter. Das neue, in Christus gewonnene Leben bedarf einer ständigen und lebenslangen Einübung.

Vor diesem Hintergrund sind die eindringlichen Ermahnungen des Apostels Paulus an "die berufenen Heiligen" (1 Kor 1,1) zu verstehen. Es besteht immer die Gefahr des Rückfalls in das alte Leben, das der Bekehrte mit seiner Bekehrung eigentlich schon hinter sich gelassen hat. Das alte Ego meldet sich auf subtile Weise immer wieder zu Wort, und sei es in der Form, dass es stolz darauf ist, eine "spirituelle Erfahrung" gemacht zu haben (vgl. 1 Kor 1–3).

Doch solange da noch ein Ich ist, das eine Erfahrung gemacht hat, sind wir noch nicht dort, wohin der Weg führt: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht" (Joh 12,24). Fundiert und gerahmt werden die ethischen Weisungen des Apostels vom Konzept der Verwandlung, der Metamorphose: "Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln (μεταμορφοῦσθε/transformamini) durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene" (Röm 12,2). Dieser allen Christen gemeinsame Transformationsprozess führt in der Gemeinde, in der Einheit des Leibes Christi, zur Herausbildung unterschiedlicher Gaben (Charismen): "Jedem wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt" (1 Kor 12,7).

Paulus war sicherlich "die komplexeste religiöse Gestalt seiner Zeit" (McGinn, ebd. 118). Umso erstaunlicher ist, dass nach Romano Guardini die paulinische Christuserfahrung, so wie sie in der Apostelgeschichte erzählt wird (Apg 9,3: "Ein Licht vom Himmel umstrahlte ihn"), nicht etwas völlig Außergewöhnliches darstellt, sondern dass es sich bei ihr "um eine Erfahrung" handelt, "die immer wieder gemacht werden kann." Guardini fährt fort: "Das ‚Licht vom Himmel her‘ gibt es wirklich; dafür bürgen Erfahrungen, deren geistige Gesundheit und sittliche wie religiöse Ernsthaftigkeit außer Zweifel stehen" (ebd. 52).

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