In einem bemerkenswerten Brief hat Dom Geoffrey Kemlin, Abt des Benediktinerklosters Solesmes, dem Papst den Vorschlag unterbreitet, den alten Ordo Missae und den neuen Ordo Missae in ein Messbuch zusammenzuführen, um so den anhaltenden Liturgiestreit zu lösen.
Der Brief ist auf den 12. November 2025 datiert, wurde aber erst im März bekannt. Zur Kongregation von Solesmes gehört auch das altrituelle Kloster Fontgombault, in dem die Messe nach dem Altarmessbuch von 1965 gefeiert wird. Der Ordo Missae von 1965 nimmt das von der Konzilskonstitution "Sacrosanctum Concilium" (1963) formulierte Anliegen einer liturgischen Reform auf, ist aber enger mit dem von Johannes XXIII. herausgegebenen "Missale Romanum" (1962) verbunden als das Missale Pauls VI. (1970).
In der französischen Benediktinerkongregation von Solesmes, deren Vorsitzer Dom Kemlin ist, führte die altrituelle Praxis in der Abtei Fobtgonbault und ihren Neugründen anfänglich zu Spannungen. Inzwischen respektiert man aber die unterschiedlichen Formen der lateinischen Messliturgie mit Gregorianischem Gesang in den verschiedenen Abteien und Prioraten.
Eine authentische spirituelle Erfahrung
In den französischen Diözesen hat die Messfeier nach dem Missale von 1962 viele Anhänger, nicht zuletzt unter den jungen Gläubigen und Priestern. Der Abt von Solesmes ist überzeugt, dass die überwiegende Zahl der Personen, die in Frankreich der traditionellen lateinischen Messe verbunden sind, "darin eine starke und authentische spirituelle Erfahrung machen, die sie mit dem neuen Messbuch nicht erleben können" und es nicht zu erwarten sei, dass sie ihre altrituelle liturgische Beheimatung aufgeben. Daher schlägt er dem Papst eine Integration der beiden Ordines Missae vor, verbunden mit einigen Änderungen am alten Ordo Missae, "um ihn mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Einklang zu bringen", indem man ihn optional "für den Gebrauch der Volkssprache, die Konzelebration und die vier eucharistischen Gebete öffnet, während der neue Ordo Missae unverändert bleibt".
Die von Kardinal Joseph Ratzinger auf einer Tagung in der Abtei Fontgombault (2001) ins Spiel gebrachte "Reform der Reform" hält Dom Kemlin für keine gute Lösung, vielmehr sieht er damit das Risiko einer weiteren Spaltung verbunden. Zwar zielt die "Reform der Reform" auf eine moderate Überarbeitung des Ordo Missae Pauls VI. Doch hat Ratzinger vor einer übereilten Reform gewarnt, er hoffte auf eine wechselseitige Beeinflussung der beiden Messordines, die sich so aneinander angleichen könnten.
Dem Abt von Solesmes schwebt dagegen eine neue Editio typica des "Missale Romanum" mit dem alten und neuen Ordo Missae sowie einem einheitlichen Kalender vor. Auch eine optionale Verwendung der neuen Präfationen und der neuen Hochgebete des Messbuchs Pauls VI. könnte er sich vorstellen, was freilich wenig realistisch sein dürfte. Der Vortrag der Schriftlesungen ausschließlich in der Volkssprache hätte dagegen vielleicht Aussicht auf Erfolg.
Zwei legitime Formen des römischen Messritus?
Eine Integration des alten und neuen Ordo Missae, wie sie der Abt von Solesmes empfiehlt, setzt voraus, dass es sich beim alten und neuen Ordo Missae um zwei legitime Formen des römischen Messritus handelt.
Die scharfe Kritik, die Andrea Grillo am Vorschlag von Dom Kemlin übte, war daher nicht überraschend. Auf seinem Blog kritisierte Grillo die Integration des alten und des Ordo Missae in einem Messbuch als rein "typographische Lösung" (soluzione tipograficamente), mit der "die Illusion der Einheit" (l’illusione della unità) vorgetäuscht werde.
Grillo, Professor für "Theologie der Sakramente und Religionsphilosophie" an der Benediktinerhochschule San Anselmo in Rom, gilt als einer der einflussreichen Berater von Papst Franziskus bei der Abfassung seines Apostolischen Schreibens "Traditionis custodes" (16. Juli 2021). Felix Neuman nennt Grillo auf dem Portal katholisch.de "die graue Eminenz hinter Traditionis custodes". Gegenüber der "Herder Korrespondenz" hatte Grillo zwar 2022 eine Beteiligung an der Entstehung des Dokuments abgestritten, aber betont, dass er inhaltlich sehr einverstanden mit der Regelung sei.
Franziskus widersprach Benedikt
Mit seinem Motu proprio hatte Franziskus das Apostolische Schreiben "Summorum Pontificum" Benedikts XVI., der 2013 auf das Papstamt verzichtet hatte, noch zu dessen Lebzeiten kassiert. Gleich der erste Artikel markiert die Kontraposition zu seinem Vorgänger klar und unmissverständlich: "Die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. in Übereinstimmung mit den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgierten liturgischen Bücher sind die einzige Ausdrucksform derLex orandi des Römischen Ritus".
Im Motu proprio Benedikts XVI. lautet Art. 1 dagegen: "Das von Paul VI. promulgierte Römische Messbuch ist die ordentliche Ausdrucksform der Lex orandi der katholischen Kirche des lateinischen Ritus. Das vom hl. Pius promulgierte und vom sel. Johannes XXIII. herausgegebene Römische Messbuch hat hingegen als außerordentlich Ausdrucksform derselben Lex orandi zu gelten, und aufgrund seines verehrungswürdigen und alten Gebrauchs soll es sich der gebotenen Ehre erfreuen."
Die Rolle von Kardinal Arthur Roche
Dass Franziskus gegen die alte Messe vorgehen würde, stand spätestens seit der Ernennung von Arthur Roche zum Präfekten des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung fest. In den "Responsa ad Dubia (4. Dezember 2021) und dem "Rescript (20. Februar 2024) ging Kardinal Roche noch über das Motu proprio von Franziskus hinaus.
Der Liturgiewissenschaftler Martin Klöckner formulierte es in einem Kommentar für das Portal kath.ch so: "Es ist offenkundig, dass Papst Franziskus das Nebeneinander zweier Formen des römischen Ritus definitiv beenden möchte".
"Traditionis custodes" enthält gegenüber "Summorum Pontificum" nicht nur Restriktionen zur Eindämmung und Musealisierung der traditionellen lateinischen Messe. Mit der Autorität des päpstlichen Lehramtes hat Franziskus die Liturgie der von Paul VI. und Johannes Paul II. promulgierten liturgischen Bücher zur alleinigen Form des Römischen Ritus erklärt und damit die alte Messe delegitimiert.
Andrea Grillo zieht daraus eine weitreichende Konsequenz: Allen, die der alten Messe verbunden sind, hätte die Gründe verloren, mit der römischen Kirche weiterhin in Gemeinschaft zu stehen (aver smarrito le ragioni per essere ancora [… ] in comunione la Chiesa romana).
Leo XIV.: Das Ende des Konfrontationskurses
Inzwischen heißt der Papst nicht mehr Franziskus, sondern Leo XIV. und mit ihm ist der Konfrontationskurs seines Vorgängers vorbei. Im Oktober 2025 erlaubte Leo XIV. ein Pontifikalamt nach dem Missale von 1962 im Petersdom. Es wurde von Kardinal Raymond Leo Burke, einer Gallionsfigur der Anhänger der alten Messe, zelebriert, den Leo XIV. kurz nach seiner Wahl in Privataudienz empfangen hatte.
Und nun hat er die französischen Bischöfe gebeten, die wachsende Zahl der Katholiken in Frankreich, die der alten Alte anhängen, nicht auszugrenzen, sondern zu integrieren. In einem von Kardinalstaatssekretär unterzeichneten Brief vom 18. März ist die Rede von einer "schmerzhaften Wunde hinsichtlich der Feier der Messe, dem Sakrament der Einheit". Um sie zu heilen, brauche es wechselseitigen Respekt und konkrete Lösungen, "diejenigen großzügiger einzubeziehen, die aufrichtig an der traditionellen lateinischen Messe festhalten, gemäß den vom Zweiten Vatikanischen Konzil festgelegten Leitlinien in Bezug auf die Liturgie".
Franca Giansoldati von der Tageszeitung Il Messagero sieht in dem Brief eine entscheidende Wende im Liturgiestreit. Offensichtlich habe Kardinal Parolin seine Meinung zur alten Messe geändert. Nach der Veröffentlichung von "Traditionis custodes" war er mit den Worten zitiert worden: "Wir müssen der Alten Lateinischen Messe für immer ein Ende setzen". Giansoldati rechnet Parolin, Roche und Grillo zu denen, die Franziskus in dem seinem "polarisierenden Kreuzzug" (crociata polarizzante) gegen die alte Messe am stärksten unterstützt hätte (Il Messagero, 26. März 2026).
Andrea Grillo war vom Brief des Papstes an die französischen Bischöfe offensichtlich völlig überrascht. Auf seinem Blog spielte er die Bedeutung des Briefes mit der Bemerkung herunter, er nicht von Leo XIV., sondern von Kardinal Parolin unterschrieben, er enthalte Worte des Kardinalstaatssekretärs, nicht Aussagen des Papstes.
Es gibt mindestens eine offizielle alternative Ausdrucksform
Es ist ein Rätsel, wie die Erklärung zustande kam, es existiere nur eine einzige Ausdrucksform der lex orandi des Römischen Ritus, steht sie doch im Widerspruch zur Approbation des "Divine Worship: The Missal" (2015) durch den Heiligen Stuhl. Es handelt sich um das Messbuch für die zur katholischen Kirche konvertierten anglikanischen bzw. episkopalen Christen der vom Heiligen Stuhl errichteten römisch-katholischen Personalordinariate.
Das Messbuch, dessen Sprache das Prayer Book English ist, nimmt anglikanische und altkirchliche Traditionen auf, orientiert sich aber am römischen Messritus. Ausdrücklich sollte mit dem neuen Messbuch, für das die Normen und Prinzipien der allgemeinen Einführung in das "Missale Romanum" gelten, kein eigener Ritus innerhalb der katholischen Kirche begründet werden. Es wird als "expression [Ausdrucksform] of the Roman Rite" bezeichnet (The Missal, Introduction, Nr. 7). In der Literatur spricht man von der "anglikanischen Form" oder dem anglican use des Römischen Ritus. Damit gibt es schon zwei Formen der lex orandi des Römischen Ritus, und wenn man die zairische Variante des Römischen Ritus hinzunimmt, sind es gar drei.
Grillo und die Piusbrüder: Les extrêmes se touchent
Die Erklärung von "Traditionis custodes", dass es nur eine einzige Form der lex orandi des Römischen Ritus gibt, diente ausschließlich der Delegitimierung der überlieferten römischen Liturgie, die Andrea Grillo bis heute mit großer Vehemenz betreibt. Grundlage seines unerbittlichen Kampfes gegen alte Messe ist das Phantasma, die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" des Zweiten Vatikanischen Konzils habe einen Bruch mit der vorkonziliaren Liturgie vollzogen. Grillo streitet gegen die alte Messe, die Piusbrüder gegen die neue Form. Les extrêmes se touchent.