Solche Bücher und solche Orden werden überlebenDie Benediktsregel neu gelesen

Eine Benediktinerin und drei Benediktiner lesen die Regel ihres Ordensgründers. Ihre Kommentare, die keine Kommentare sein wollen, sind mal frech, mal aufbauend, mal kritisch – und das in einem Buch, dessen Aufmachung widerspiegelt, wo die Orden heute stehen. Unser Autor hat eine der Autorinnen des Buchs getroffen: Schwester Raphaela Brüggenthies.

Abtei St. Hildegard
© Petra Klawikowski, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wer dieses Buch aufklappt, erschrickt zunächst: Der Buchdeckel löst sich vom Buchrücken. Schlamperei? Geht denn alles den Bach runter? Selbst ein Ordensverlag? Es braucht ein paar Sekunden: Dann muss ich über mich und meine kulturpessimistische Attitüde lachen. Aber es braucht noch einige Zeit, bis ich erkenne: Die Form dieses Buches, die alte Regel im modernen Gewand, will mir sagen: Tradition und Moderne gehen zusammen, können sich bereichern. Christliche Spiritualität, soll sie robust sein, hält Spannungen aus, umfängt sie mit ausgebreiteten Armen.

Das besondere Gestaltungsmerkmal: Der Buchrücken ist fadengeheftet. 14 rote Fäden sind zu sehen. Jeder endet auf unterschiedliche Weise. Kein Faden ist wie der andere. Gewiss ist das Buch mit Maschinen hergestellt worden – und doch wirkt mein Buch wie ein Unikat. Der Rücken ist geleimt. Der Leim und die Fäden fühlen sich an, als würden sie mich überleben, als würde es dieses Buch noch in einer Zeit geben, in der es womöglich gar keine gedruckten Bücher mehr gibt – und auch keine Orden. Oder in einer Zeit, in der es sie neu und erstarkt geben wird. Denn das Gute wird am Ende siegen.

Stabil

Der Buchdeckel, der den Blick freigibt auf die offene Fadenheftung, ist übrigens nicht aus edlem Leinen oder anderem feinen Material, sondern aus einfachem, aber stabilen Karton.

Womöglich spiegelt die Gestaltung dieses Buches die Situation der Orden wider: zerbrechlich auf den ersten Blick, aber stabil und auf Dauer angelegt. Dieses Buch ist fein, kommt aber nicht luxuriös daher. So wie die Nonnen und Mönche des Benediktinerordens ist es offen und einnehmend, aber biedert sich nicht an. Es orientiert sich an der Vergangenheit und ist auf Zukunft angelegt. Es will überdauern – allen Säkularisierungswellen zum Trotz. Es will am Markt bestehen, aber nicht plump marktgängig sein. Es hat Ecken und Kanten. Wer eine Wohlfühl- oder Wellness-Annäherung an die monastische Welt sucht, dem sei von diesem Buch abgeraten.

Auf dem Buchdeckel sind vier schematisierte Brillen zu sehen. Das Buch hat den Titel "Die Regel Benedikts als fremder Gast. Vier Lesarten." Raphaela Brüggenthies, Marcel Albert, Elmar Salmann und Beda Maria Sonnenberg leben in den Abteien in Eibingen, in Gerlewe und in Plankstetten. Sie schauen ihre Regel, einen der wichtigsten Texte der christlichen Spiritualitätsgeschichte, als "fremden Gast" an, was wohl sagen soll: Ja, die Regel kann auf uns Heutige fremd wirken. Es gibt diesen schaurig-breiten Graben von 1.500 Jahren zwischen dem Autor der Regel, Benedikt von Nursia, und uns. Die vier Ordensleute schauen mit einer heiteren Distanz auf die Regel, mit einem unverbrauchten Blick. Manchmal auch mit einem ungläubigen Staunen.

Dieses Buch schillert

Als ich das Buch erstmals las, kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 2023, habe ich es anders erlebt als jetzt, kurz vor einem längeren Gespräch mit Raphaela Brüggenthies in der Abtei St. Hildegard in Eibingen bei Rüdesheim, wo sie Priorin ist. Meine Erklärung für diese unterschiedlichen Leseeindrücke: Dieses Buch schillert.

Raphaela Brüggenthies ist Jahrgang 1980. Sie hat in Bonn und Paderborn Theologie studiert. Seit 2009 ist sie Ordensschwester in Eibingen. Ihre Profess legte sie 2011 ab. Nach einem Aufbaustudium am Zentrum für interreligiöse Studien in Bamberg wurde sie 2021 in Germanistik promoviert. Der Titel ihrer Doktorarbeit: "Heilige Schwelle: Der frühe Heine – ein jüdisch-christliches Itinerarium". Als Priorin ist sie Stellvertreterin der Äbtissin. Als Novizenmeisterin ist sie für die Ausbildung des klösterlichen Nachwuchses zuständig und außerdem verantwortlich für die Krankenstation.

Es lastet viel Verantwortung auf ihren Schultern. Es gilt, Geld aufzutreiben für die Sanierung der Abteikirche, gestaltet Anfang des 20. Jahrhunderts von Künstlermönchen der Beuroner Kunstschule. Auch passt das Raumprogramm der Abtei nicht mehr zur Größe des 30-köpfigen Konvents. Eine Mitschwester hat ausgerechnet, dass jeder Schwester theoretisch ungefähr ein Einfamilienhaus zur Verfügung steht. Das soll sich ändern. Ein Transformationsprozess steht an.

Sehnsucht nach Struktur

Schwester Raphaela lächelt viel. Ein Schmunzeln, das von innen strahlt und das man auch hören kann, wenn man ihr nicht gegenübersitzt. Wir sitzen in einem Anbau des Klosters. Hier sind die Decken nicht so hoch wie in jenen Räumen neben der Kirche, wo die Ordensfrauen Gäste empfangen, die sie geistlich begleiten. Schöne Räume, aber schwierig für ein Radio-Interview.

Im Deutschlandfunk sagt Schwester Raphaela:

"Ja, der Abstand ist groß, mehr als 1.500 Jahre, aber die Zeit Benedikts und unsere Zeit – die ähneln sich doch sehr. Es war und ist eine Zeit großer Unsicherheit: Völkerwanderungen, Kriege, Auseinandersetzungen. Benedikt schafft da in seiner Zeit eine Ordnung, eine Stabilität."

Auch heute gebe es eine "Sehnsucht nach Struktur, nach Ordnung, nach Sicherheit, nach Gemeinschaft".

Den vier Ordensleuten gelingt es, die alten Texte wohlwollend in die Gegenwart übersetzen. Schwester Raphaela formuliert es so: Die vier wollten sich zu ihrer Regel verhalten wie zu einem fremden Gast: also "mit diesem fremden Text gastfreundlich umgehen, also erst mal wertschätzen, willkommen heißen, nicht gleich ablehnen oder als antiquiert in die Ecke stellen, sondern wie mit einem Gast behutsam, freundlich auf Entdeckungsreise gehen."

Die vier sind das ganze als Experiment angegangen – auch als Exerzitium. Sie haben sich verpflichtet, jede und jeder habe jeden vierten Tag einen Text zu liefern – zu jenem Teil der Regel, der an diesem Tag vor der Mahlzeit gelesen wird.

Das "Geniale an guten Texten" sei, sagt Schwester Raphaela, dass sie "immer wieder neu und anders zu einem sprechen". Sie plädiert für einen "inspirierten Umgang mit geistlichen Texten". Das bedeute, in "diesen Resonanzraum zu gehen und sich zu fragen: Was schwingt in mir, in meiner Seele, was klingt in mir?"

Aktion und Kontemplation

Sie vergleicht die Seele mit einer Harfe. Sie sei "ein Saiteninstrument. Wenn der Hauch Gottes daran entlangfährt, kommt etwas zum Klingen und Schwingen". Es habe sie immer wieder überrascht, was ihre Mitbrüder zu einer Passage geschrieben haben. Da habe sie gemerkt, wie viel Spielraum so ein Text bietet.

"Wir könnten das Gleiche nochmal von vorne beginnen, weil die Regel jetzt schon wieder ganz anders zu mir spricht. Und im Gegensatz zu unseren Texten ist sie halt nicht so schnell überholt."

Wir sprechen über ein hörendes Herz, über Demut, Ge-hor-sam. Das Menschenbild des Benedikt, wie es sich im Prolog widerspiegelt, skizziert Raphala Brüggenthies so: Es sei

"das Bild eines Menschen, der bereit ist, in die Stille zu gehen, sich etwas sagen zu lassen, der lauschen kann, der sich zurücknehmen kann, der nicht das erste und das letzte Wort haben muss, sondern der sich auf die Suche begibt."

Der Prolog beginne "behutsam und langsam, aber dann, nach wenigen Versen, sind wir schon bei einem Engagement." Benedikt werde sehr deutlich:

"Eile, laufe, solange noch Zeit ist. Er fordert richtig was ein. Es ist keine Regel für die, die einen Meditationskurs suchen und es nur ruhig und bedächtig haben wollen, sondern für die, die auch was wollen."

Kurzum: "Aktion und Kontemplation – das geht nur Hand in Hand."

Schwester Raphaela Brüggenthies hat für ihr Exemplar ihres Buches einen Schutzumschlag aus Geschenkpapier gebastelt. "Ich möchte nicht, dass es leidet, wenn ich es im Rucksack bei mir habe." Diese Haltung rührt mich. Einst bastelte mir meine Mutter solche Umschläge. Das ist Liebe auch gegenüber Dingen – auch verletzlichen. Das Mönchlein in mir sagt sich: Solche Bücher und solche Orden werden überleben.

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Solche Bücher und solche Orden werden überleben: Die Benediktsregel neu gelesen
Elmar Salmann (Hrsg.)

24,95 € (D), 256 S., EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien 2023

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