Auf dem Rückflug seiner ersten internationalen Reise als Papst gab Leo XIV. einen Einblick in seine geistliche Prägung. Im Gespräch mit Journalisten erwähnte das Oberhaupt der katholischen Kirche, dass für ihn neben den Schriften des heiligen Augustinus das Buch "Übung der Gegenwart Gottes von Bruder Lorenz" eine große Bedeutung habe. Leo XIV. sagte:
"Ich habe es vor vielen Jahren gelesen; es beschreibt eine Art des Gebets und der Spiritualität, bei der man einfach sein Leben dem Herrn übergibt und sich vom Herrn führen lässt."
Er erklärte auch, welche Rolle das Buch für sein Leben gespielt hat:
"Und wenn Sie etwas über mich wissen möchten: Das ist seit vielen Jahren meine Spiritualität, inmitten großer Herausforderungen – als ich in Peru lebte, in Zeiten des Terrorismus, als ich zu Einsätzen an Orten gerufen wurde, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich dort einmal dienen würde – ich vertraue auf Gott, und diese Botschaft teile ich mit allen Menschen."
Wer war dieser Bruder Lorenz und worum geht es in dem Buch, das weltweit in verschiedenen Sprachen von Katholiken und auch von Protestanten immer wieder gelesen und aufgelegt wurde – diesem Buch, das die Kraft zu geben scheint, um inmitten von Terror und verschiedensten Nöten am Glauben festzuhalten, ja, mit einem zuversichtlichen Glauben durchzukommen?
Eine frühe Erfahrung
Bruder Lorenz wurde als Nicolas Herman 1614 geboren. Gestorben ist er am 12. Februar 1691 in Paris. Nicolas wuchs in Hériménil bei Lunéville in Lothringen auf. Von seinen Eltern wurde er zu einem religiösen Leben angeleitet.
Schon im jungen Erwachsenenalter, mit 18 Jahren, hatte er eine spirituelle Erfahrung der Größe Gottes beim Betrachten eines entlaubten Baumes im Winter. Er sah, wie dieser bald wieder grüne Blätter bekam, in Blüte und mit Früchten dastehen würde. Dieses eindrückliche Erlebnis hat er 40 Jahre später seinem Biografen als eine Art Bekehrungserlebnis berichtet.
In die Zeit des 30-jährigen Krieges hineingeboren, ließ er sich als Soldat im Heer des Herzogs von Lothringen anwerben. Schwer verletzt in einer Schlacht gegen die Schweden 1635, musste er die militärische Laufbahn beenden. Er war in der Folge gehbehindert durch eine Lähmung eines Beines.
Nicolas wendete sich einem geistlichen Leben zu. Er lebte als Eremit, später als Diener eines Adligen. Doch auch diese Lebensweisen konnten ihm keine innere Befriedigung geben. Im Alter von 26 Jahren bewarb er sich um die Aufnahme als Laienbruder bei den Unbeschuhten Karmeliten in Paris. Unter dem Ordensnamen Lorenz von der Auferstehung wurde er aufgenommen und legte 1642 sein Gelübde ab.
Er erlebte einen inneren Zwiespalt. "Ich habe eine große geistige Qual erlitten: Ich glaubte ganz sicher, ich sei verloren. Kein Mensch auf der Welt hätte mir diese Meinung ausreden können." Auf der anderen Seite erlebte er innere Gnadenbeweise, die Gott ihm gewährte. Nach dem Noviziat erhielt er die Aufgabe als Koch für die etwa 100 Personen des Klosters. Diese Tätigkeit übte er 15 Jahre lang aus, trotz der Beschwernisse durch seine Gehbehinderung.
In der Lebensbeschreibung wird sein Leiden unter dieser Tätigkeit erwähnt. In seinen Alltagsgeschäften gewöhnte er sich an ein regelmäßiges Gebet, das ihn von der Beschwerlichkeit der Arbeit ablenkte.
Hinwendung des Geistes zu Gott
In den von Lorenz erhaltenen Aufzeichnungen sind auch Beschreibungen seiner Methode enthalten. Der Karmelit hat geistliche Weisungen hinterlassen, die er in einem einfachen Schreibstil als Anleitungen aufgeschrieben hatte. Im 5. Kapitel der gesammelten Werke unter der Überschrift "Über die Gegenwart Gottes" sind seine Gedanken in schlichter Form niedergelegt:
"Die Gegenwart Gottes ist eine Hinwendung unseres Geistes zu Gott oder ein Sich-daran-Erinnern, dass Gott gegenwärtig ist, was entweder durch die Vorstellungskraft oder durch den Verstand geschehen kann. Ich kenne eine Person, die seit 40 Jahren die Gegenwart Gottes, für die sie noch andere Bezeichnungen hat, auf geistige Weise übt. Einmal nennt sie sie einen einfachen Akt, dann klares und deutliches Erkennen Gottes. Manchmal dunkle Schau oder liebevoller Blick auf Gott, Denken an Gott. Wieder andere Male nennt sie es Aufmerken auf Gott, schweigendes Gespräch mit Gott, Vertrauen auf Gott, das Leben und den Frieden der Seele. Diese Person hat mir auch gesagt, dass all diese Bezeichnungen für die Gegenwart Gottes bloß Synonyme für dieselbe Sache sind und dass sie ihr jetzt ganz natürlich vorkommt."
Deutlich wird, dass Bruder Lorenz nicht an einer besonderen Begrifflichkeit interessiert ist, sondern dieses Erleben in verschiedenen Facetten zu beschreiben sucht. Er benutzt dabei zum Teil biblische Begriffe, aber auch Ausdrücke, die ihm zur weiteren Verdeutlichung in den Sinn gekommen sind. Es fällt ihm schwer, das Erlebte in einen einzigen passenden Wortlaut zu fassen. Was er erfährt, beschreibt er in der dritten Person:
"Sie sagt, dadurch, dass sie sich so oft geistig in die Gegenwart Gottes versetzt hat, habe sie sich so sehr daran gewöhnt, dass sich, sobald sie von äußeren Beschäftigungen frei ist und oft sogar, wenn sie sich gerade mitten darin befindet, die Spitze ihres Geistes oder der oberste Teil ihrer Seele ohne ihr Zutun emporhebt und gleichsam über allen Dingen in Gott befestigt hängen bleibt, am Ort ihrer Mitte und ihrer Ruhe. Da sie beinahe immer ihren Geist – vom Glauben begleitet – in diesem Schwebezustand fühlt, genügt ihr das. Und das bezeichnet sie mit der wahren Gegenwart Gottes, die alle anderen Arten der Gegenwart und noch viel mehr beinhaltet, sodass diese Person nun so lebt, als gäbe es nur Gott und sie auf der Welt. Sie spricht überall mit Gott, sie bittet ihn um das, was sie braucht, und erfreut sich ohne Unterlass auf vielerlei Weise in ihm. Indessen ist es von Vorteil zu wissen, dass dieses Gespräch mit Gott in der Tiefe und Mitte der Seele geführt wird. Dort spricht die Seele mit Gott von Herz zu Herz und das immer in einem großen und tiefen Frieden, dessen sich die Seele in Gott erfreut: Alles was außerhalb geschieht, ist für die Seele nur wie ein Strohfeuer, das genauso verlöscht, wie es sich entzündete, und das eigentlich niemals oder nur selten ihren inneren Frieden stört."
Die Methode
In einem weiteren Abschnitt seiner Erläuterungen nennt der Mönch seine Methode. Ja dieser Begriff taucht wiederholt in seinen Ausführungen auf. Lorenz ist davon überzeugt, dass die Gegenwart Gottes einer Übung offensteht. Wenn die Methode beachtet wird, ist es seiner Ansicht nach für jeden Menschen möglich, sich in der Gegenwart Gottes aufzuhalten, und dies eben unabhängig von den äußeren Gegebenheiten, von den Aufgaben, in denen ein Mensch steht:
"Das erste Mittel ist eine große Reinheit des Lebens. Das zweite eine große Treue in der Übung dieser Gegenwart und dass wir in unserem Inneren den Blick auf Gott gerichtet halten, was immer ruhig, demütig und liebevoll geschehen soll, ohne irgendeine Verwirrung oder Unruhe aufkommen zu lassen. Es gilt besonderes dafür Sorge zu tragen, dass dieser innere Blick, der Bloß einen Moment zu dauern braucht, euren äußeren Handlungen vorangeht, dass er sie von Zeit zu Zeit begleitet und ihr alles mit ihm beschließt. Da es Zeit und viel Mühe braucht, um diese Übung zu erlernen, darf man nicht den Mut verlieren, wenn man darin fehlt, denn eine Gewohnheit entwickelt sich nur mit Mühe; aber wenn man einmal so weit ist, wird man alles mit Freude machen. […] Es wäre nicht schlecht, wenn die, welche diese Übung in Angriff nehmen, zunächst im Inneren einige Worte sprechen, wie: 'Mein Gott, ich bin ganz dein'; 'Gott der Liebe, ich liebe dich aus ganzem Herzen'; 'Herr tue mit mir, was dir gefällt' oder einige andere frei formulierte Worte. Aber sie sollen darauf achten, dass ihr Geist sich nicht zerstreut, dass er sich nicht wieder dem Geschaffenen zuwende, und sie sollen ihn auf Gott allein gerichtet halten, dass er so, wenn er sich durch den Willen gedrängt und genötigt sieht, gezwungen ist, bei Gott zu bleiben."
Ganz praktische Anweisungen findet unser Karmelit, die auf alten christlichen Gebetsweisen beruhen. Die kirchliche Meditationspraxis kennt schon immer das kurze Weihegebet, die Willensbekundung, Gott zu begegnen, sich ihm hinzugeben und dies in Gebetsworte zu fassen. Dieses Vorgehen ist elementarer Bestandteil der Übung der Gegenwart Gottes. Lorenz erwartet eine Reaktion Gottes auf diese Gebete. Er ist davon überzeugt, dass Gott sich nicht umsonst bitten lässt, sondern auf diesem Weg seine Gegenwart mitteilt. Die eigene Erfahrung hat er in seinen seelsorgerlichen Briefen und Gesprächen so immer wieder betont.
Der Nutzen
Wenn wir von einer Übung sprechen, könnte gefragt werden: Was bringt mir diese Übung? Hat sich Lorenz auch dazu geäußert? Hat er in solch einer Nützlichkeits-Kategorie gedacht? Aus seinen Schriften erhellt sich dazu:
"Der erste Nutzen, den die Seele aus der Gegenwart Gottes zieht, ist der, dass der Glaube lebendiger und in allen Lebensbereichen tatkräftiger wird, vor allem in unseren Bedürfnissen, da er leicht die in unseren Versuchungen und im unvermeidlichen Umgang mit den Geschöpfen nötigen Gnaden erwirkt. Da die Seele, die sich durch diese Übung an den Akt des Glaubens gewöhnt hat, Gott in seinem einfachen Aufmerken gegenwärtig sieht und fühlt, kann sie ihn leicht und wirksam anrufen."
Lorenz spricht von einem "tatkräftigen" Glauben. Es geht also wohl nicht nur um eine gedankliche Bewegung hin zu Gott – sondern auch das Tun und Lassen im Alltag wird von dieser Übung beeinflusst. Er hat nicht primär eine meditative Versenkung im Blick, sondern eine Gebetsform, die sich in den Aufgaben und Anforderungen des Alltags bewährt. Die Übung der Gegenwart Gottes ist Hilfe zum Gebet. Durch die Gewöhnung an das Gebet und an das Wissen um die Gegenwart Gottes, fällt es leichter, zu beten. Ja, das Beten wird zu einem Lebenselement: zum "Beten ohne Unterlass" (1 Thess 5,17), das in den Briefen des Neuen Testaments empfohlen wird.
Lorenz macht Mut, diese Übung auch selbst zu übernehmen, wie dies aus seinem seelsorgerlichen Briefwechsel an verschiedenen Stellen herausleuchtet. Er sieht eine Veränderung an sich, die er nicht genug weiterempfehlen kann:
"Diese Gegenwart Gottes, die anfangs etwas mühsam ist, bewirkt, getreu geübt, im Verborgenen der Seele wunderbare Dinge, zieht auf sie die Gnaden des Herrn in Fülle herab und führt sich unmerklich zu diesem einfachen Aufmerken, zu dieser liebevollen Schau des überall anwesenden Gottes, was die heiligste, dauerhafteste, einfachste und wirksamste Art des Gebetes ist."
Die Übung bewirkt also "wunderbare Dinge in der Seele" – dies ist die Erfahrung des Küchen-Mönches. Papst Leo XIV. hat das nach eigenem Bekunden auch so erlebt. Was in der Konfrontation mit Terrorgeschehen in Peru und in der Gegenwart der Kriege des 21. Jahrhunderts standhält, hat schon eine wunderliche Kraft.
"Um auf unsere Gegenwart Gottes zurückzukommen möchte ich sagen, dass dieser ruhige und liebende Blick auf Gott in der Seele unmerklich ein göttliches Feuer entfacht, das sie mit so glühender Liebe zu Gott verzehrt, dass man sich genötigt sieht, irgendetwas Äußerliches zu tun, um es zu mäßigen."
Es geht um diesen liebenden Blick auf Gott, der geübt wird und der das Glaubensleben fördert – ja selbst ein "göttliches Feuer entfacht", das dann auch zur Actio, zum Dienst für den Herrn im praktischen Leben führt. Dies scheint bei Mönchen in der Küche wie auch in kirchlichen Ämtern möglich zu sein.
Der heutige Papst hat in seinen früheren Aufgaben durch diese Übung die Verbindung mit Gott gehalten und ist durch dieses stetige Verbundensein in den Anforderungen seiner beruflichen Laufbahn gestärkt worden. Ein fokussierter innerer Blick auf die Gegenwart Gottes wirkt so auch stabilisierend in einer Welt, die an Traditionen und Stabilität ärmer zu werden scheint.
Leo hat diesen Aspekt seiner Spiritualität öffentlich erwähnt und damit auch dazu motiviert, sich mit ihr zu beschäftigen. Er verweist darauf, dass er in seiner geistlichen Persönlichkeit so verstanden werden will und möchte seine Erfahrung teilen.