Veganes Ei, leeres GrabRückkehr zum Wesentlichen: Berliner Karfreitagsprozession

Die Debatte um "vegane Eier" entlarvt den Zeitgeist: entleerte Symbolik, Moral ohne Schuld. Die Karfreitagsprozession in Berlin setzt dieses Jahr einen Gegenakzent – und erinnert daran, worum es eigentlich geht.

Karfreitagsprozession in Berlin
© Carl-Victor Wachs

Manchmal liefert der Zeitgeist seine eigenen Karikaturen. In diesem Jahr übernimmt das ausgerechnet die Tierrechtsorganisation PETA, die fordert, Priester mögen zu Ostern bitte keine Eier mehr segnen – alldieweil nicht vegan. Stattdessen werden "eiförmige Steine" empfohlen. Man reibt sich kurz die Augen und erkennt dann: Präziser lässt sich der Zustand unserer Gegenwart kaum illustrieren.

Denn die Frage nach veganen Eiern ist nicht banal, sie ist symptomatisch. Historisch war die vierzigtägige Fastenzeit genau das, was heute als moralischer Fortschritt verkauft wird: Verzicht auf Fleisch, auf Eier, auf alles Tierische. Das Osterei markierte den Bruch dieses Verzichts – das Leben, das den Tod überwindet.

Die heutige Generation ist "vegan", um die Welt zu retten, aber sie hat vergessen, dass das christliche Ei symbolisiert, dass wir bereits erlöst sind. Wer heute ein veganes Ei sucht, findet ein Lifestyle-Produkt. Wer den Sinn von Ostern sucht, findet ein leeres Grab.

Das vegane Ei ist das perfekte Symbol für die Gefahr, sich in Äußerlichkeiten zu verlieren, während das Zentrum wegbricht.

Wir haben eine Moral ohne Gott. Wir wollen sündenfrei essen, aber nicht mehr über Schuld und Vergebung sprechen. Das vegane Ei ist das perfekte Symbol für die Gefahr, sich in Äußerlichkeiten zu verlieren, während das Zentrum wegbricht.

Und vielleicht erklärt genau das, warum die diesjährige ökumenische Karfreitagsprozession in Berlin so überraschend wirkte.

Der erste Hinweis darauf kam nicht aus einer Predigt, sondern von der Tür. Meine Frau geriet – leicht verspätet mit unserem Baby – mit einer wogenden Touristenmenge an den Berliner Dom. Die Szene war unerquicklich vertraut: Selfiesticks, Stimmengewirr, sakraler Raum als Durchgangsstation. Doch diesmal blieb die Tür zu. Freundlich, bestimmt, ohne Aggression: "Kommen Sie morgen wieder. Heute ist Jesus Christus für uns gestorben. Bitte warten Sie unser Gebet ab."

Jesus ist heute gestorben, kommen Sie morgen wieder

Man kann diesen Satz leicht überhören. Man kann ihn aber auch als das verstehen, was er ist: eine kleine Rückkehr zur Ernsthaftigkeit. In anderen Religionen wäre eine solche Grenzziehung selbstverständlich. Wir respektieren das dort – und sollten es auch für uns wieder lernen.

Diese neue Bestimmtheit setzte sich fort entlang der Prozession, die in diesem Jahr auffallend wenig mit sich selbst beschäftigt war – und erstaunlich viel mit den Wunden derer, die sie zu tragen haben. Die Prozession stand in diesem Jahr unter dem Motto "Wenn die Seele leidet" und widmete sich besonders dem Thema psychische Erkrankungen.

Am eindrücklichsten: der Text eines Mädchens, verlesen mitten in der Stadt. Pandemie, siebte Klasse, kein Unterricht, stattdessen kleine Quadrate auf dem Bildschirm. Die Mutter chronisch krank, die Wohnung zu eng, die Angst, sie anzustecken. "Ich fühle mich ohnmächtig", heißt es dort. "Ich will mich wieder so fühlen wie früher. Brauche Regeln, Rituale. Ich will bestimmen, will kontrollieren." Und schließlich: die Essstörung als letzter Halt, der Hunger als selbst gewählte Disziplin in einer Welt ohne Kontrolle.

Die Kirchen schwiegen, als sie gebraucht wurden

Es ist ein erschütternd präzises Dokument jener Jahre, in denen die Kirchen erstaunlich still blieben. Als die Gotteshäuser geschlossen wurden, als Schüler isoliert wurden, als alte Menschen starben, ohne Abschied. Die Institution, die für viele der letzte Anker ist, zog sich zurück, als sie am dringendsten gebraucht wurde.

Umso bemerkenswerter ist es, wenn dieser Schmerz nun öffentlich ausgesprochen wird. Nicht als abstrakte Klage, sondern als konkrete Erfahrung. Das ist mehr als Symbolik – es ist, wenn man so will, ein vorsichtiger Akt der Buße.

Ähnlich an der Neuen Wache: der Bericht eines Soldaten, der von der Angst spricht, im Krieg auf ein Mädchen schießen zu müssen. Sie bewegt sich auf ihn zu, obwohl er ihr mit einer Waffe bedeutet, keinen Schritt näher zu kommen. Es ist still. Wir hören keinen geopolitischen Kommentar, keine moralische Pose, sondern die nackte Konfrontation mit Schuld, Möglichkeit, Abgrund.

Die Kirchen sind – im besten Fall – ein Ort, an dem Menschen lernen, mit ihrer Endlichkeit zu leben, mit ihrer Schuld, mit ihrer Angst.

Hier berühren die Kirchen ihre eigentliche Kompetenz. Sie sind kein besserer Thinktank und keine NGO mit liturgischem Beiwerk. Sie sind – im besten Fall – ein Ort, an dem Menschen lernen, mit ihrer Endlichkeit zu leben, mit ihrer Schuld, mit ihrer Angst. Wo nicht alles gelöst wird, aber ausgesprochen werden darf.

Klima, Gender, Gaza und die Not derer, die vor der Tür stehen

Dass die Kirchen sich diesem Kern wieder nähern, ist keine Selbstverständlichkeit. Zu lange haben sie sich im tagespolitischen Klein-Klein verloren, in den richtigen Haltungen zu den falschen Themen. Klima, Gender, Gaza – alles wichtig, gewiss. Aber nichts davon ersetzt die konkrete Not derer, die tatsächlich vor der Tür stehen.

Die Prozession dieses Jahres wirkte, als habe man das begriffen. Noch zögerlich, aber spürbar. Man beginnt, die eigene Rolle wieder ernster zu nehmen – und vielleicht auch die eigene Verantwortung.

Man hätte deutlicher sprechen können über das Versagen während der Pandemie.

Das bedeutet nicht, dass alles gut ist. Im Gegenteil. Man hätte deutlicher sprechen können über das Versagen während der Pandemie, über die verpasste Nähe, über die verlorenen Jahre. Die Kompassnadel vieler Menschen irrt umher, seit die Türen geschlossen wurden. Diese Schuld verschwindet nicht durch einen Text.

Die Kirche muss die Welt nicht retten

Aber sie wird zumindest sichtbar.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied zu jenen "veganen Eiern", die derzeit als moralischer Fortschritt verkauft werden. Dort wird das Symbol entkernt, bis nur noch die Form übrigbleibt. Hier beginnt – leise, tastend – eine Rückkehr zum Inhalt.

Der diesjährige Karfreitag in Berlin macht Hoffnung: Wir werden Zeugen einer Rückbesinnung darauf, dass die Kirche die Welt nicht retten muss – das hat bereits ein anderer für uns erledigt.

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