Und das Schöne stirbt uns unter der schreibenden HandMarie Luise Kaschnitz zum 125. Geburtstag

Ihr gelang, woran ich täglich scheiterte: Sie erkannte und hielt fest, was alltäglich geschah. Sie vermochte den Schrecken zu schildern, ohne zu klagen. Auch in trostlosesten Zeiten nahm sie weiterhin die Schönheit des Lebens wahr.

Eva Sichelschmidt und Marie Luise Kaschnitz
© mit KI erstellt

Mein erstes Zusammentreffen mit Marie Luise Kaschnitz fand in der Schulzeit statt. Da war sie noch das "dicke Kind" und ich konnte nicht viel mit ihr anfangen, vergaß sie schon bald. Marie Luise, was war das überhaupt für ein Name? Dass sie adelig war, vertiefte die Fremdheit nur noch.

Jahrzehnte waren ins Land gegangen, da traf ich sie zufällig wieder, in Rom. Auf der Engelsbrücke kam sie mir entgegen, stark verschlankt. Ihr Haar trug sie nun kess zum Bubikopf frisiert. Guido mag es so lieber, sagte sie. Guido sei ihr Ehemann, klassischer Archäologe und Österreicher. Und so treu, wie sie dabei blickte, war mir klar, der Mann musste ihre große Liebe sein.

"Es ist schwer in Rom zu leben, genauer gesagt, sein eigenes Leben zu leben. Die Spannungen, denen man hier ausgesetzt ist, sind nicht die gewohnten", resümierte sie, und ich seufzte: "Wem sagst du das?"

Sie lud mich zu sich ein, was eigentlich nicht ihre Art war, sie war nicht der Typ für Vertraulichkeiten. Gemeinsam mit ihr tat sich der Durchgang zum stattlichen Palazzo Orsini unweit der Piazza Navona auf. Erst ein paar Tage zuvor hatte mich ein strenger Torhüter fortgescheucht, als ich den plätschernden Springbrunnen betrachten wollte – nur für privat!

"Obwohl das Geld immerzu knapp ist, werde ich einmal, von all den vielen Wohnstätten in Rom, am liebsten in dieser gelebt haben", gestand sie mir. "Hörst du das dumpfe Klopfen, den Hammer des Schmieds auf dem Amboss unten im Hof?" Doch ich vernahm nichts als die lärmenden chinesischen Touristen im Aperolsuff in der benachbarten Bar.

Kurz darauf wurde sie Mutter. Die Mutterrolle passte zu ihr, wie ich fand. Doch sie entgegnete nur müde: "Ich eine gute Mutter, eine gute Erzieherin, ach nein." Ihre Tochter Iris leide immerzu unter kindlicher Einsamkeit, im leeren Zwischenraum der innigen Beziehung der Eltern.

Den Schrecken schildern, ohne zu klagen

Es wunderte mich nicht, dass sie mit ihrem Gedicht "Die Wellen" das Preisausschreiben der Mode-Zeitschrift "Die Dame" gewann. Sie hatte schon immer geschrieben, wenngleich nur im Verborgenen. Die Arbeit als Hausfrau, die dem Mann den Rücken freihielt, ließ für die Ausübung ihrer Kunst wenig Zeit. Von dem Preisgeld kaufte sie sich einen Audi. Ihre Leidenschaft fürs Autofahren war mir neu. Von da an brauste sie mit dem Gatten über die Straßen des Führers, denn der Guido hatte, nach einer Station in Königsberg, eine Anstellung in Marburg und schließlich in Frankfurt gefunden. Dass einen selbst in faschistischen Notzeiten die Italienliebe nicht verlassen konnte, kam mir bekannt vor.

Doch ihr gelang, woran ich täglich scheiterte: Sie erkannte und hielt fest, was alltäglich geschah. Sie vermochte den Schrecken zu schildern, ohne zu klagen. Auch in trostlosesten Zeiten nahm sie weiterhin die Schönheit des Lebens wahr. Mich hingegen machte die tägliche Zeitungslektüre sprachlos und auch meine Kollegen waren verstummt oder in sinnlosen Grabenkämpfen verstrickt. Uns fehlten die Worte, die ornamentlose Sprache der Kaschnitz. Der Duktus der Klarheit, geschult an christlichen Werten. 

"Und das Schöne stirbt uns unter der schreibenden Hand", notierte sie, als ihr das Ausmaß der Katastrophe ihrer Zeit gewahr wurde.

"Ich wünschte dieser Satz wäre von mir", sagte ich ihr.

"Und was tatest Du?" fragte sie mich.

In der Essay-Sammlung "Orte" stellt sie die Frage an ihre Zeitgenossen:

"Worin soll sie denn bestanden haben, unsere sogenannte innere Emigration?"

Im Frühjahr 2026 schalteten wir die Tagesschau aus, wenn uns die Gräuel zu bunt wurden, und dämmerten weg, im fahlen Computerlicht der Streamingprogramme.

In ihrem Text von der Schuld konsternierte sie die Ehrfurcht vor dem Bösen.

"Die Ehrfurcht, von der ich spreche, gilt den wandelnden Mächten, die auch das Zeitalter der Maschinen noch hervorzubringen vermag. Diesen blinden, drängenden und stoßenden Mächten, kraft denen Massen gegen Massen anstürmen und in der Wucht ihres Kampfes den Einzelnen zerreiben zu Staub, kraft denen die Völker ihre Heimat verlassen und im Elend ihren Herd aufrichten müssen. Kraft denen sich totschlagen, die Brüder sein könnten, der Arme den Armen und der Fröhliche den Fröhlichen, und sie ahnen kaum, warum. Ich weiß, dass fast alle Menschen dieser Zeit Opfer solcher geheimnisvoller und unwiderstehlicher Mächte sind. Aber es scheint mir, dass in dem Schicksal unseres Volkes wie nie und nirgendwo die Entfaltung eines urkräftig bösen und guten Willens zum Ausdruck gekommen sei. Und es scheint auch, dass wir als die vornehmlichen Träger eines geschichtlichen Willens, mit der Schuld einer ganzen Epoche beladen, die Straße des Untergangs ziehen."

Zu schade, dass wir den schreckenerregenden Einfluss der KI auf die Menschheit nicht mehr besprechen konnten.

1955 wurde ihr als erster Frau, als erster Schriftstellerin der Georg-Büchner-Preis verliehen.

Nach einer Krebsdiagnose und zwei schweren Jahren, in denen sie dem Siechtum ihres geliebten Ehemannes zusehen musste, kehrte sie zurück nach Rom, immer wieder aufs Neue. Ihre Tochter lebte in der Ewigen Stadt und unter der südlichen Sonne fand sie neuen Lebensmut.

Ich traf sie noch einmal auf dem Pincio, auf der breiten Allee unter den Pinien. Sie war in Begleitung ihrer zwanzig Jahre jüngeren österreichischen Schriftstellerkollegin. Etwas ältlich wirkte sie, wie sie dastand, in ihrem Faltenrock, die schwere Perlenkette um den Hals, neben der kapriziösen Blondine. Doch der Schein trog. "Hast du eine Zigarette, Ingeborg?", fragte sie und lachte. Ihr Lachen hatte immer noch etwas Entwaffnendes. Man borgt sich Zigaretten, weil man glaubt, von ihnen nicht so schnell Krebs zu bekommen, wie von denen, die man sich selbst kauft, sagte sie.

Am 9. Oktober 1974 ging sie schwimmen, im Meer von Ostia. Am Tag darauf starb sie. Am 31. Januar 2026 hätte man ihren 125. Geburtstag feiern müssen, doch die große Dichterin ist beinahe vergessen.

Für wen schreibt der Schreibende? Vielleicht darf sich der Schriftsteller diese Frage nie stellen. Gerät der potenzielle Leser ins Blickfeld, gleitet die Kunst ab in Kommerz.

Was werden wir getan haben?

Ich habe, auf diese eine Frage eine Antwort gefunden: Ich schreibe für die Schreibenden, für meine Idole. Nicht alle, aber viele von ihnen kann ich nur noch in ihren Werken besuchen. Einer meiner Schutzheiligen ist Marie Luise Kaschnitz. Ihr Schreiben tröstet mich und gibt mir Kraft mich den dringenden Fragen zu stellen. Ihren Fragen. Fragen wie diesen:

Was werden wir getan haben, als himmelschreiende Ungerechtigkeiten die Welt erschütterten? Was taten wir, gegen die alltägliche Gewalt auf offener Straße und in den Parlamenten? Gegen den Fremdenhass? Wer schritt ein, gegen die Ausgrenzung, die immerzu stattfand, wenige Meter von uns entfernt, Tag für Tag? Zu einer Zeit, als die Zuwiderhandlungen gegen die Menschlichkeit in unserer Welt uns hätten zum Äußersten treiben sollen. Als wir hätten kämpfen müssen, mit aller unserer zur Verfügung stehenden Kraft. Was werden wir dereinst getan haben?

Die Antwort ist ein Zitat, das Ende eines kurzen Prosatexts der Kaschnitz:

"Steht noch dahin, steht noch alles dahin".

Rom, am 31. Januar 2026

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