Allein den Betern kann es noch gelingenGebet um Frieden oder Krieg gegen Gewalt?

Schriftsteller von Reinhold Schneider bis Thomas Mann haben über die Frage nachgedacht, wie menschenverachtender Gewalt zu begegnen ist. Ihre literarischen Reflexionen beleuchten das Spannungsfeld zwischen Gottvertrauen, Widerstand und militärischer Gegenwehr.

Kampfflugzeuge
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In den letzten Monaten stellte sich immer wieder die Frage, wie sich Christen, wie sich die Kirche gegenüber menschenverachtenden Gewaltsystemen und Aggressionen verhalten sollen.

Sollen sie militärische Abhilfs- oder Gegenaktionen gutheißen und unterstützen oder sich, wie es der Papst bevorzugt, auf das Beten für den Frieden und mithin auf göttliche Hilfe beschränken?

Die Frage ist nicht neu und wurde von Theologen gewiss schon ausgiebig erörtert. Sie war aber auch schon Gegenstand literarischer Reflexionen, auf die ein Blick geworfen werden soll, denn in ihnen zeigt sich das Problem in ganzer Schärfe.

Eine viel zitierte Einlassung dazu stammt von dem katholischen Schriftsteller Reinhold Schneider (1903–1958). Er schrieb im Jahr 1936, als die Unrechts- und Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten im Glanz der Berliner Olympiade unumstößlich zu sein schien, ein Sonett, das das Beten als einziges noch verbliebenes Mittel gegen das schon erkennbare geschichtliche Unheil nannte:

Allein den Betern kann es noch gelingen,
Das Schwert ob unsern Häupten aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.
Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.
Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen.
Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert,
Die trocknen Brunnen sich mit Leben füllen.

Diese Zufluchtnahme zum Gebet und zur Fürsorge Gottes, die im Gebet angerufen wird, wurde in der Debatte über die Literatur der inneren Emigration vielfach als Ausdruck eines defizitären Quietismus kritisiert: Beten statt Widerstand leisten bedeute schuldhaftes Versagen!

Mitunter wurde die Kritik durch einen Verweis auf Bertolt Brechts Drama Mutter Courage und ihre Kinder (1939–1941) verschärft: Das Stück spielt im Dreißigjährigen Krieg, und wenn dort (im elften Bild) die katholischen kaiserlichen Truppen im Schutz der Nacht zum Sturm auf das protestantische Halle anrücken und die Bauern, die als Wegweiser dienen sollen, keinen anderen Rat mehr wissen, als auf die Knie zu fallen und Gott zu bitten, er möge die Stadt wecken und auf das drohende Unheil aufmerksam machen, steigt Kattrin, die stumme und einfältig wirkende Tochter der Mutter Courage, auf das Dach des Hauses und schlägt so lange eine Trommel, bis in Halle die Sturmglocken läuten.

Versagen vor der Aufgabe des Widerstands?

Damit stellt das Stück den Betern – und implizit dem Sonettdichter Schneider, der sich zu ihnen bekennt und in ihnen die letzten Nothelfer sieht – ein schlechtes Zeugnis aus: Sie versagen vor der Aufgabe, praktische Widerstands- und Rettungsarbeit zu leisten.

Der Gang in die Kirche war, wenn es sich nicht gerade um eine Veranstaltung der Deutschen Christen handelte, nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch eine Aufforderung zum Dissens und mithin eine niederstufige Form von Widerstand.

Das sollte aber nicht das letzte Wort über Schneiders Gedicht sein. Wenn sich Schneiders Beter in den Dom zurückziehen, ist das nicht nur eine Hinwendung zu Gott, sondern auch eine Abwendung von dem, was "auf dem Markte feiert", und bei der dichten Sozialkontrolle, die im Dritten Reich herrschte, wurde dergleichen als Ausdruck von Distanzierung und Ablehnung wahrgenommen.

Ja, man kann weitergehen und sagen: Der Gang in die Kirche war, wenn es sich nicht gerade um eine Veranstaltung der Deutschen Christen handelte, nicht nur ein Bekenntnis, sondern auch eine Aufforderung zum Dissens und mithin eine niederstufige Form von Widerstand.

Freilich hat man den Eindruck, dass Schneider dem Widerstand keine Chancen mehr einräumte und deswegen nur noch auf die Macht des Betens hoffte. Und ganz zweifellos ist die Hauptbotschaft des Sonetts nicht darin zu sehen, dass Kirchenbesuch unter den gegebenen Umständen Demonstration von Dissens ist, sondern in der Feststellung, dass nur noch Beten als Flehen um Gottes Hilfe das geschichtliche Unheil aufhalten oder zum Guten wenden kann.

Etwas anders verhält es sich bei Eberhard Meckel (1907-1969). Der gebürtige Freiburger schrieb 1936 das Gedicht Mutter Gottes vom Breisgau, das in vorsichtigen Formulierungen das über dem Land schwebende Unheil andeutet und mit einer Anrufung der Schutzpatronin des Freiburger Münsters und der Freiburger Diözese endet:

Unsre Bitte: "Schütze dieses Land!"
Glüht empor aus unsres Volks Gewissen,
Daß wir unter Deiner Gnadenhand
Uns doch alle selber helfen müssen . . .

Diese letzte Strophe ist ein Gebet. Aber zu ihm gehört die Feststellung, dass der Mensch die Bekämpfung des Unheils nicht an himmlische Mächte delegieren dürfe, sondern selbst in die Hand nehmen müsse.

Die große Meisterregel

Dieser Gedichtausgang erinnert an den berühmten Aphorismus 251 aus Balthasar Gracians Handorakel und Kunst der Weltklugheit von 1647 (hier in der Übersetzung von Arthur Schopenhauer): "Man wende die menschlichen Mittel an, als ob es keine göttlichen, und die göttlichen, als ob es keine menschlichen gäbe." Dieser paradox wirkenden, aber nichtsdestoweniger konsequenten Devise fügte Gracian eine lapidare Qualifikation an: "Große Meisterregel, die keines Kommentars bedarf."

Thomas Mann erteilte dem pazifistischen Denken eine Absage und plädierte immer wieder für einen Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland.

Vermutlich hat Gracian sich eines Kommentars oder konkretisierender Exemplifizierungen enthalten, weil die Frage, wie sich göttliche und menschliche Mittel zueinander verhalten und wo sie auf welche Weise einzusetzen sind, in hochproblematische Gefilde führen würde, in denen eine Vermittlung zwischen beiden vielleicht nicht mehr leicht ist.

Als Schneider nur noch auf die Beter hoffte, waren andere überzeugt, dass Hitlers Gewaltherrschaft nur durch einen Krieg zu beenden sei.

Thomas Mann erteilte dem pazifistischen Denken mit einer Tagebuchnotiz vom 4. April 1935 eine Absage und plädierte in den folgenden Jahren immer wieder für einen Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland, so etwa am 11. Februar 1938, an dem er notierte: "Ohne Krieg, der unmöglich zu wünschen, sind glückliche Wendungen kaum denkbar", und am 17. März 1938 unter dem Eindruck der Gräuelnachrichten aus dem eben okkupierten Österreich mit der bekannten Voltaire’schen Hassformel: "Käme der Krieg! Écrasez l’infâme! Befreiung von diesem Alp des Ekels!"

"Moral bombing" über Deutschland

Anderthalb Jahre später waren England und Frankreich gezwungen, der kriegerischen Expansionspolitik, die von Anfang an mit Ausrottungen in großem Maßstab verbunden war, mit militärischen Mitteln entgegenzutreten, und 1941/42 einigte sich die Anti-Hitler-Koalition aus USA, Großbritannien und Sowjetunion darauf, Deutschland bis zu bedingungslosen Kapitulation zu bekämpfen, um die NS-Herrschaft restlos und endgültig zu beseitigen.

Das setzte die Niederwerfung der deutschen Wehrmacht und die Besetzung Deutschlands voraus. Der Weg zu diesem Ziel musste durch wirkungsvolle menschliche Mittel freigemacht werden.

Das ist Geschichte, und wir hoffen, dass es Geschichte bleibt. Was aber, wenn es wieder zu einer Situation käme, in der man sich zwischen Beten und Bomben entscheiden müsste?

Ab dem Frühjahr 1942 begannen alliierte Bomberflotten nach dem Plan des britischen Luftwaffengenerals Arthur Harris deutsche Städte systematisch und schonungslos zu bombardieren, um Sachschäden anzurichten und die Moral der Bevölkerung durch "moral bombing" zu schwächen. Hätte Harris Schneiders Beter-Gedicht gekannt, hätte er ihm vielleicht mit militärischem Sarkasmus entgegengesetzt: Allein den Bombern kann es noch gelingen …!

Mit diesem dem Bomber-General angedichteten Kalauer soll Schneiders Beter-Gedicht nicht entwertet oder als naiv belächelt werden. Er soll nur die schroffe Diskrepanz zwischen dem auf Gottes Hilfe hoffenden Mittel des Gebets und dem exklusiv menschlichen und zugleich sehr unmenschlichen Mittel der Bombardierungen verdeutlichen.

Angemerkt sei, dass Reinhold Schneider später bedauerte, zu Widerstandshandlungen nicht fähig gewesen zu sein.

Eine Vermittlung gab es da nicht; auch eine „schonende“ Bombardierung etwa nur von Industrieanlagen, Energiedepots, Bahnhöfen, Brücken und dergleichen hätte zu schweren menschlichen "Kollateralschäden" geführt.

Das ist Geschichte, und wir hoffen, dass es Geschichte bleibt. Was aber, wenn es wieder zu einer Situation käme, in der man sich zwischen Beten und Bomben entscheiden müsste?

Angemerkt sei, dass Reinhold Schneider später bedauerte, zu Widerstandshandlungen nicht fähig gewesen zu sein. Als er in seiner autobiographischen Schrift Verhüllter Tag (1954) auf die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zu sprechen kam, schrieb er: "Am Tage des Synagogensturms hätte die Kirche schwesterlich neben der Synagoge erscheinen müssen. Es ist entscheidend, dass das nicht geschah. Aber was tat ich selbst? Als ich von den Bränden, Plünderungen, Greueln hörte, verschloss ich mich in mein Arbeitszimmer, zu feige, um mich dem Geschehenden zu stellen und etwas zu sagen."

Freilich, weder ein Wort des Dichters noch Protestversuche von kirchlicher Seite hätten das Pogrom verhindern und den weiteren Gang der Dinge wesentlich verändern können. Es halfen nur noch sehr robuste militärische Mittel.

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