Der Winter 1625/26 in London war außergewöhnlich kalt. In dieser klirrenden Kälte kam einer der berühmtesten englischen Denker ums Leben: Francis Bacon. Bacon gilt als Begründer des sogenannten Empirismus, einer Denkweise, nach der alle Erkenntnis aus Erfahrung gewonnen werden muss, vor allem durch Experimente, und durch nichts anderes.
Manchen gilt Bacon als Urvater der ökologischen Krise, weil er die gedanklichen Grundlagen für die Ausbeutung der Natur gelegt habe. Doch diese Sichtweise greift zu kurz.
Der Überlieferung nach führte Francis Bacon an einem frostigen Tag ein Experiment im Freien durch. Er wollte herausfinden, ob geschlachtete Hühner und andere Körper länger haltbar bleiben, wenn man sie mit Schnee ausstopft. Es sollte das letzte Experiment des damals 65-Jährigen sein. Offenbar zog er sich dabei eine schwere Lungenentzündung zu. Auf dem Rückweg nach London bat er im nahegelegenen Highgate den Grafen Arundel um ein Bett, so schlecht war sein Zustand geworden.
In seinem letzten Brief an den Grafen, den er nicht mehr selbst schreiben konnte, verglich Bacon seine Lage mit der des römischen Gelehrten Plinius des Älteren. Auch dieser war unter freiem Himmel beim Streben nach Erkenntnis gestorben. Plinius kam während des großen Vesuvausbruchs im Jahr 79 n. Chr. ums Leben. Am 9. April 1626 starb Francis Bacon, der sich nicht nur in London, sondern auch in Paris einen Namen als Staatsmann und Philosoph gemacht hatte.
Bacon wurde in eine angesehene Familie hineingeboren, erhielt eine exzellente Ausbildung in Cambridge – auch seine Mutter war hochgebildet – und verfasste später zahlreiche politische und philosophische Schriften. Sein Ehrgeiz und der Wunsch, Einfluss zu gewinnen, besonders am Hofe Elisabeths I., ließen ihm selten die Zeit, seine Werke vollständig abzuschließen. Doch was ihn antrieb, war die Idee, die praktische Seite der Wissenschaft zu fördern, also das, was dem Menschen nützt und ihn weiterbringt.
Fokus auf das Nützliche
Vielleicht war es auch dieser Fokus auf das Nützliche, der ihn daran hinderte, seine Texte immer zu vollenden. Das Ziel seines Gesamtschaffens bestand darin, Wissenschaft einem Zweck zuzuführen, weil sie sonst keinen Wert habe. Einer dieser Zwecke war für Bacon zum Beispiel die Gesundheitsvorsorge. Wenn es gelänge, neue Erkenntnisse über das menschliche Leben zu gewinnen, könnte man vielleicht die Beschwerden des Alters lindern, so sein Gedanke. Dafür musste die Natur mit völlig neuen Augen betrachtet und erforscht werden. Dazu sollten zunächst Daten gesammelt werden, die es ihm erlaubten, Rückschlüsse über die Funktionsweise der Natur zu gewinnen. Nur wer Wissen habe, könne schließlich verändern. Von Bacon stammt der berühmte Satz: Wissen ist Macht. Und zwar Macht über die Natur, um sie für den Menschen nutzbar zu machen.
Warum dieser Wandel im Denken nicht schon viel früher stattgefunden hat, erklärt sich Francis Bacon mit dem anhaltenden Einfluss der antiken Denker, die seiner Meinung nach in seiner Zeit noch immer zu viel Macht über das Denken hatten. Besonders im Visier hat er Aristoteles und dessen Werk, das im Mittelalter die Grundlage jedes Studiums bildete und auch zu Beginn der Neuzeit kaum zu umgehen war. Obwohl Bacon selbst Aristoteles verehrt und ihn als einen der größten Gelehrten überhaupt bezeichnet, wirft er ihm vor, Träumereien als Wissenschaft verkauft zu haben.
Für Bacon liegt die Grundlage echten Wissens in der Erfahrung, im Wissen, das durch Beobachtung und Experimente in der Natur gewonnen wird. Wie er im Vorwort seines Hauptwerks betont, braucht man dafür keine Sprachgelehrten. Ohne deren Einfluss, so meint er, wäre der Welt erspart geblieben, dass Philosophie und Wissenschaft über Jahrhunderte hinweg "in der Luft schwebten".
Bacon nimmt dabei kein Blatt vor den Mund; sein Ton würde heute wohl als politisch unkorrekt eingestuft werden. Er schreibt oft kämpferisch, gelegentlich spöttisch bis hämisch. Die alten Griechen, schreibt er, seien wie Kinder: Sie redeten viel, aber brächten nichts wirklich Nützliches hervor. Man lerne von ihnen zwar, wie man spitzfindig streitet, aber nicht, wie man etwas Neues schafft.
Der Beginn einer wissenschaftlichen Revolution
Bacon war ein Karrierist, der mitunter scharfzüngig, hochmütig und intrigant agierte, dann wieder beinahe demütig und bescheiden. Wer sich mit ihm befasst, begegnet einer ambivalenten Gestalt. Als Francis Bacon starb, hinterließ er einen gewaltigen Schuldenberg. Er war bestechlich und nicht frei von Opportunismus; er wusste genau, wo für ihn Vorteile zu erwarten waren und wo nicht.
Und doch markiert sein Werk den Beginn einer wissenschaftlichen Revolution. Mit Energie und Überzeugung kämpfte er für eine neue Sichtweise des Menschen auf die Natur – eine Sichtweise, die uns heute so selbstverständlich erscheint, dass wir leicht vergessen, wie hart sie einst erstritten werden musste. Was störte Bacon an Aristoteles? Aristoteles vertrat die Ansicht, neue Erkenntnisse ließen sich allein aus Sätzen logisch ableiten. Das berühmteste Beispiel:
1. Alle Menschen sind sterblich.
2. Francis Bacon ist ein Mensch.
Also: 3. Francis Bacon ist sterblich.
Der dritte Satz ist eine neue Erkenntnis, die logisch aus den beiden vorhergehenden folgt. Aristoteles entwickelte daraus ein ganzes Denksystem.
Doch genau das war Bacon ein Dorn im Auge. Denn solche Erkenntnisse würden allein aus dem Verstand abgeleitet werden. Für Bacon bleibt der menschliche Verstand so letztlich in sich selbst gefangen, eine Sackgasse. Nur die Erfahrung, so meinte er, kann den Weg zu wirklichem und neuem Wissen ebnen. Es spielt an dieser Stelle keine Rolle, ob Francis Bacon Aristoteles damit Unrecht tut oder nicht. Entscheidend ist, wie er ihn verstanden hat und was er daraus gemacht hat.
Für Aristoteles war der Mensch ein geistiges Wesen, das letztlich dann sein wahres Glück erreicht, wenn es sich mit seinem Geist beschäftigt. Der Philosoph denkt über das Denken nach, was für den Griechen die höchste Form menschlicher Betätigung darstellt. Nur hier, im reinen Denken, verwirklicht der Mensch sein wahres Wesen. Natürlich beschäftigte sich Aristoteles auch mit der praktischen Seite des Lebens, etwa in seiner Ethik, in der er sich ausführlich mit dem menschlichen Handeln befasste. Er lebte keineswegs in einem Elfenbeinturm; immerhin war er der Lehrer Alexanders des Großen, des bedeutendsten Feldherrn seiner Zeit.
Für Aristoteles stand jedoch außer Frage, dass der Mensch in erster Linie ein geistiges Wesen ist, und dass Wissenschaft auf Logik und Sprache gründet. Seine entsprechenden Schriften wurden später unter dem Titel Organon gesammelt, das "Werkzeug".
Genau daran knüpft Bacon an und nennt sein Hauptwerk Novum Organum. Bacon wollte zeigen, dass mit ihm – gegenüber der Tradition Aristoteles' – etwas grundlegend Neues beginnt.
Für den Engländer des 16. Jahrhunderts war die Sichtweise des Griechen "ungesundes Zeug", Eitelkeit des Geistes. Der menschliche Verstand soll nicht mehr über sich selbst grübeln, sondern wie ein Werkzeug eingesetzt werden, um die Natur zu erforschen, zu nutzen, und letztlich zu beherrschen. Was wir als Menschen wissen können, erfahren wir nicht durch sprachliche oder logische Konstruktionen, sondern durch die Beobachtung der Natur.
Entscheidend ist, von den Wirkungen in der Natur auf die dahinterliegenden Ursachen zu schließen, so lange, bis wir diese Ursachen so gut verstehen, dass wir sie selbst anwenden und steuern können. Dann, so Bacon, wird der Mensch frei. Frei insofern, als er nicht länger der Natur ausgeliefert ist, sondern sie durch Erfindungen überwindet.
Ein neues Menschenbild
Bacon war überzeugt, dass nur durch diese neue Sichtweise der Mensch sich wirklich befreien könne, indem er seine Abhängigkeit von der Natur überwindet und sich durch Technik und Erkenntnis neue Möglichkeiten erschließt. Was Bacon vorschlägt, ist eine radikale Umkehr der Erkenntnismethode. Nicht der Geist, der von einem allgemeinen Begriff zum nächsten aufsteigt, soll die Wahrheit finden, sondern der Geist, der sich in Bewegung setzt, der beobachtet, prüft, vergleicht und Schritt für Schritt aus Einzelerkenntnissen zu einem verlässlichen Bild der Welt gelangt. Diese Bewegung verläuft nicht nach oben, sondern nach vorne. Hier zeigt sich das neue Menschenbild, das Bacon anstrebt: Der Mensch verwirklicht sich nicht im kontemplativen Denken, sondern im tätigen Erforschen und Erfinden.
Trotz berechtigter Kritik an einseitigen Verengungen, die ein solches Menschenbild fraglos nach sich gezogen hat, ging es Bacon offenbar um das Wohl des Menschen. Es ging ihm nicht um Ausbeutung, sondern um eine kluge Nutzung des menschlichen Geistes. Eine Entwicklung wie die zerstörerischen Folgen der Industrialisierung für die Natur konnte er weder vorhersehen noch beabsichtigen.
Der Natur gehorchen
Seinen neuen Weg nennt er die wahre Methode, den "unbetretenen Pfad". Während die traditionelle Philosophie aus allgemeinen Sätzen alles Weitere ableitet, beginnt Bacon mit dem Einzelnen, mit der sinnlichen Wahrnehmung. Aus ihr entstehen ihm zufolge über Induktion die mittleren und schließlich die allgemeinen Prinzipien, nicht umgekehrt. Diese Art des Wissens führt zur Handlung, zu einer neuen Macht über die Natur, was für ihn keine willkürliche Dominanz ist. Im Gegenteil: Die Macht über die Natur wächst nur dann, wenn man ihr gehorcht.
Denn der Mensch, als Diener und Dolmetscher der Natur, wirkt und erkennt nur so viel, wie er von der Ordnung der Natur durch seine Werke oder seinen Geist beobachtet hat. Darüber hinaus weiß und vermag er nichts. Denn keine Kraft vermag die Kette der Ursächlichkeit zu lösen. Sie wird nur besiegt, wenn man ihr gehorcht.
Hier zeigt sich Bacons wahres Anliegen: Erkenntnis ist für ihn ein Bündnis mit der Natur. Der Mensch soll nicht Herrscher im Sinne eines Ausbeuters sein, sondern ein Verbündeter, der die Kräfte der Natur erkennt, respektiert und gezielt nutzt. So entsteht ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Welt, das getragen ist von Demut, Neugier und dem Wunsch, das Leben zu verbessern. Wie sehr ihm bei seinen Forschungen die geistige Verantwortung bewusst war, zeigt ein Gebet, das er seinem Hauptwerk Novum Organum voranstellt. Darin bittet er:
"Da dies aber nicht in meinem Belieben steht, so richte ich zu Beginn dieses Werkes mein innigstes und heißestes Flehen an Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist:
Mögen sie der Not des menschlichen Geschlechts gedenken und des mühseligen Lebens mit seinen wenigen und schweren Tagen. Mögen sie sich in neuer Gnade erbarmen und durch meine Hände der menschlichen Familie eine Ausstattung bereiten.
Ich bitte inständig, dass das Menschenwerk das göttliche Werk nicht verhüllen möge – und dass, wenn ich die Wege der Wahrnehmung eröffne und das natürliche Licht entzünde, daraus keine Ungläubigkeit oder Verdunkelung des Geistes gegenüber den göttlichen Mysterien entstehe.
Vielmehr möge der gereinigte Verstand, befreit von Einbildungen und Eitelkeiten, der göttlichen Offenbarung untertan und gehorsam bleiben und dem Glauben geben, was des Glaubens ist.
Schließlich bitte ich Gott, dass, wenn die Wissenschaft vom Gift der Schlange befreit worden ist – jenem Gift, das den menschlichen Geist aufbläht und aufschwemmt –, er uns nicht übermütig oder maßlos werden lasse, sondern dass wir die Wahrheit in Liebe pflegen."
Für Bacon stellt Maßlosigkeit eine große geistige Gefahr dar, der auch er nicht schutzlos ausgeliefert sein wollte. Für ihn steht der menschliche Geist indes nicht über den Dingen, sondern ist Werkzeug, ein Mittel zum Zweck, um die Natur zu verstehen und durch dieses Verständnis das menschliche Leben zu verbessern. Geist ist bei ihm nicht die höchste Form des Menschseins, wie es Aristoteles sah, sondern ein Instrument zur Überwindung von Mangel, Leid und Unwissenheit.
"Instrumentelle Vernunft"
Den menschlichen Geist als Instrument zur Optimierung des Daseins zu verstehen, was Max Horkheimer später mit dem Ausdruck der "instrumentellen Vernunft" zum Ausdruck gebracht hat, geht in seiner Einseitigkeit durchaus auf Bacons Konto. Dennoch nimmt mit ihm eine Entwicklung ihren Anfang, auf deren Errungenschaften heute kaum jemand verzichten möchte. Mit Bacon und den Empiristen begann die europäische Neuzeit, die mit einer ungeheuren Vergrößerung der Weltreichweite – mit allen ihren Ambivalenzen – verbunden ist. Darum ging es Bacon letztlich: um die größere Welt.
Entsprechend ruft Bacon dazu auf, Wissenschaft nicht "hochmütig in den Zellen des menschlichen Geistes", sondern "bescheiden in einer größeren Welt" zu suchen. Am Ende, so hofft er, soll ein Geschlecht von Erfindern entstehen, das der Menschheit hilft, ihre Not und ihr Elend zu lindern. Nicht um Macht zu gewinnen, nicht um des Wissens selbst willen, sondern aus Liebe zum Menschen.