Gershom Scholem, der Kabbala-Forscher und Gelehrte, hat sein akribisches Interesse nicht nur auf mystische Texte und das Leben der Kabbalisten verwandt, sondern auch auf seinen Jugendfreund Walter Benjamin. Als sich dieser 1940 zum Freitod entschloss, weil er an der Grenze zu Spanien befürchten musste, zurückgewiesen und erneut interniert zu werden, waren er und seine Werke noch in einigen Kreisen, meist Emigranten, bekannt; nach 1945, in der Bundesrepublik, so gut wie niemandem.
Zu einer Art von Zusammenschau, die auch Benjamins Betätigung in der Jugendbewegung umfassen würde, war am ehesten Scholem in der Lage. Er hatte schon in Berlin und ab 1923 in Jerusalem die ihm zugegangenen Texte des Freundes archiviert. 1955 hat er mit Theodor W. Adorno Benjamins "Schriften" und 1966 eine Auswahl seiner "Briefe" in zwei Bänden herausgegeben. Im Zusammenhang mit der Herausgabe der Briefe kommt Alois Maria Haas (1934–1925) ins Spiel und zu Forscherehren.
Haas hatte in Zürich bei Max Wehrli über Wolframs Parzival promoviert. Zum Kreis um Hans Urs von Balthasar gehörend, hat er sich 1964 über die deutsche Mystik (Eckhart, Tauler, Seume) habilitiert. Die Verbindung zu Scholem war daher eine fachliche. Scholem bedankte sich am 10. März 1978 bei Haas für die Zusendung des Eckhart-Buches und von Aufsätzen zur deutschen Mystik. An die kollegiale Anerkennung knüpfte er noch ein kleines Ansinnen:
"Darf ich an Sie als Parzifalkenner die Frage richten, ob die Benennung der Ideenwelt als das 'Tal Eidorzhann' aus Wolframs Dichtung stammt, die ich nicht kenne?"
Haas war vermutlich der Kontext nicht ganz klar. Die Anfrage galt einem vom 9.3.1915 stammenden Brief Benjamins an Gustav Wyneken. In dem Schreiben sagt er sich von dem – von ihm lange sehr geschätzten – Reformpädagogen aufgrund von dessen Stellungnahme zum Weltkrieg los. In der Absage bezieht sich Benjamin auf einen Text Wynekens, worin jene Wendung zitiert ist, die von dem Blick zweier in das "Tal Eidorzhann" handelt.
Scholem fand für den ungewöhnlichen Ausdruck keinen Beleg und war für die Neuauflage der "Briefe" bemüht, den beunruhigenden Sachverhalt aufzuklären. Die Antwort von Haas am 31.5.1978 war eindeutig, bezog sich jedoch gar nicht auf den nachgefragten Umkreis der Parzival-Dichtung.
Er verwies als "Gewährsmann" auf den Kollegen Werner Stauffacher, der eine ähnliche Wendung bei Carl Spitteler, einem nach der Jahrhundertwende sehr bekannten Autor, entdeckt hatte. Die Wendung stelle, so Haas, einen "Höhepunkt der Entdeckungsfahrt Apolls mit Artemis durch den Metakosmos" dar und steht in Spittelers "Olympischer Frühling III. Teil, 5. Gesang (Gesammelte Werke II, 327 u. 329)"; sie lautet: "Und hoffe niemand zu entzweien,/Die einst ins Tal Eidophane geblickt zu zweien". Weil sich "Eidophane" aber von "Eidorzhann" deutlich unterscheidet, meinte Haas, der Hinweis wäre wohl nicht die gesuchte Antwort.
Umso überraschender Scholems Replik vom 8.6.78 an Haas:
"Hurrah!! Ihr Nachweis durch den Kollegen Stauffacher (dem ich herzlich danke!) ist offenkundig (entgegen Ihrem Zweifel) der gesuchte! Denn Benjamins Zitat (Briefe I p 121) aus einer Schrift Wynekens enthält genau das was bei Spitteler steht: den ‚Blick zu zweien ins Tal E." wo eben in der uns seinerzeit allein gesandten Maschinenkopie ein Fehler unterlaufen ist und statt des richtigen Eidophane (= Erscheinung der Ideen!!!) irrig Eidorzhann gelesen wurde. Das war für einen mit den Quellen und Benjamins Handschrift nicht Vertrauten ein graphisch leicht erklärbarer Lesefehler! Jetzt haben wir also die Lösung. Ich bin sehr froh, Sie gefragt zu haben."
Für die Neuauflage der "Briefe" (1978) kam die Aufklärung zu spät. In der von Christoph Gödde und Henri Lonitz verantworteten Edition Gesammelte Briefe, Bd 1, 1910-1918, Frankfurt 1995, S. 265, ist die von Benjamin nach Wynecken zitierte Spitteler-Stelle korrigiert ('ins Tal Eidophane') wiedergegeben.
Ein Ritterschlag
Selten hat Scholem so gejubelt. Seine freudige Antwort kann als Ritterschlag für die einer doch viel jüngeren Generation angehörenden Wissenschaftler verstanden werden. Scholem war als Historiker und Philologe auf jene Art von Belegen versessen, die in der Semantik als kausale Kommunikationskette gilt: der Nachweis durch Dokumente oder andere Datierungen.
Offen ist, warum er sich bei der Herausgabe der Briefe oder später nicht an Benjamins Adressaten als Quelle gehalten hat. Wynekens bis 1915 publizierte Werke waren überschaubar. Womöglich waren sie Scholem nicht einsehbar. Der zu Beginn der Zwanzigerjahre wegen Missbrauchs verurteilte Pädagoge lebte nach 1945 in der DDR und ist 1962 verstorben. Scholems Anfrage gleicht dem Wurf eines Steines in einen ihm neuen, anderen Brunnen und war im vordigitalen Zeitalter eine Option, netzwerkübergreifend zu arbeiten.
In seinem Handexemplar der "Briefe" hat Scholem die Spitteler-Stelle und deren Zitation in Wynekens "Schule und Jugendkultur", Jena 1913, 47, notiert.1 Der Aufsatz, in dem Spitteler anonym angeführt ist, trägt den Titel "Koedukation und Sexualerziehung", gilt dem Mädchen, dem Jungen und ihrem idealen Verhältnis zueinander. Benjamin hat in seiner Absage darauf angespielt. Wer Wynekens Aufsatz liest, findet zwei Seiten später (49), als "strahlendes Bild", den Verweis auf den "Olympischen Frühling", nun mit Nennung des Autors Spitteler. Eine weitere Erwähnung folgt auf Seite 178.
Hängen bleiben Scholems "Hurrah", die bestätigte Seriosität des Mystik-Forschers Haas und ein Fazit zur Vorgehensweise. In alter Zeit konnte eine fehlerhafte Transkription grauenhafte Folgen haben. Die Erhellung von "Eidorzhann" ist dagegen nur eine günstige Kompilation im Sektor der bisweilen fröhlichen Wissenschaft. Auch falsche Vermutungen können zu einer Aufklärung führen.