Quo vadis, humanitas? Unter diesem vielsagenden Titel legt die päpstliche Internationale Theologische Kommission ein Dokument zur Reflexion auf die christliche Anthropologie im Lichte möglicher Szenarien der menschlichen Zukunft vor, wie sie aus den technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen unserer Tage resultieren könnten.
Konkret bedeutet dies ein erneutes "Lesen der Zeichen der Zeit" (25) im Angesicht der epochalen Umwälzungen, welcher unsere Spezies gegenwärtig ausgesetzt ist und wie sie namentlich in den Strömungen des Trans- und Posthumanismus beschrieben und gefördert werden.
Wo letztere – basierend auf Dataismus, Künstlicher Intelligenz und Biotechnologie – ein neues, technozentrisches Verständnis des Menschen und seiner Überwindung proklamieren, welches im Anspruch, den Tod zu besiegen, auch neo-soteriologische Züge annimmt (49), bemüht sich die Kommission um ein christliches Korrektiv.
Im Wesentlichen kommt dies einer Wiederbesinnung auf die Grundpfeiler des christlich fundierten Menschenbildes gleich. 60 Jahre nach dem Konzilsdokument Gaudium et spes wird so abermals an die "ganzheitliche Berufung des Menschen" (19) erinnert, die eine "göttliche Berufung" (123) im Glauben an Jesus Christus ist.
Quo vadis, humanitas? ist nicht das erste korrektive Dokument aus Rom zum Thema. Im vergangenen Jahr hatte das vatikanische Dikasterium für Kultur und Erziehung bereits die Note Antiqua et Nova über das Verhältnis von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intelligenz veröffentlicht.
"Endlich", ist man geneigt zu sagen, nimmt sich der Vatikan dieses Gegenstandes in gründlicher Form an. Es wird erwartet, dass sich auch die anstehende erste Enzyklika von Papst Leo XIV. mit dem Thema auseinandersetzen wird.
Flucht vor der Wirklichkeit
Vielsagend ist der Titel Quo vadis, humanitas?, weil sich darin drei bedeutungsvolle Motive verbergen: Zum ersten die Flucht des Petrus aus Rom (Quo vadis); zum zweiten die Anrede an die gesamte Menschheit (humanitas); und zum dritten eine Perspektive der Offenheit (?).
Man könnte sagen: Das Motiv der petrinischen Flucht rekurriert dabei auf die Stoßrichtung des Trans- und Posthumanismus, die in ihrer Getriebenheit, den Menschen technologisch zu überwinden, sowohl vor ihren eigenen Grundlagen als auch der Wirklichkeit fliehen (15). Ein solcher Eskapismus kommt einer ontologischen Verfehlung der eigentlichen Berufung des Menschen gleich.
Das zweite Motiv der adressierten Menschheit zeigt, dass hier alle angesprochen sind: jeder einzelne Mensch, ob reich oder arm; alle Nationen, ob befreundet oder verfeindet, und das gesamte "Volk Gottes" (93). Jede Partikularisierung verfehlt hier den Appell Gottes, der an uns alle ergeht, gerade auch die "Schwächsten und Schutzlosesten" (164).
An die Stelle von weltimmanenten Machbarkeitsfantasien muss der Glaube an die wahre Berufung des Menschen treten, die in seiner "unverdienten Vergöttlichung" durch Gnade liegt.
Und drittens der Fragemodus, der ins Offene gerichtet ist: Der Epochenwandel unserer Zeit lässt die Menschheit in eine ungewisse Zukunft blicken. Dieser Horizont ist selbst für den eschatologisch gestimmten Christen unendlich weit. Das Dokument stellt deshalb die Schicksalsfrage unserer Spezies: Wohin des Weges, Menschheit? Wer hier verkürzte Antworten sucht, verfehlt das Mysterium unserer Erlösung, die in Gott eine Fülle verheißt, "die wir uns nicht einmal vorstellen können" (152). An die Stelle von weltimmanenten Machbarkeitsfantasien muss der Glaube an die wahre Berufung des Menschen treten, die in seiner "unverdienten Vergöttlichung" durch Gnade liegt (147).
Das Evangelium als Gegenkultur
Werfen wir einen genaueren Blick auf das Dokument: In vier Oberkapiteln untersucht es 1. Die Entwicklungen von Humanismus und Posthumanismus, 2. Das Leben als Berufung, 3. Das Leben als Gabe in Anbetracht der Szenarien künftiger Menschheit und 4. Die bejahte, gerettete und erhöhte Menschheit, um mit einer Conclusio zur Gabe der Vergöttlichung als wahrer Menschwerdung zu enden.
Die kritische Analyse zeigt dabei vorrangig die Unvereinbarkeit der christlichen Anthropologie mit dem Trans- und Posthumanismus auf. Diese werden in ihrem funktionalistischen, positivistischen (28), und technokratischen (29) Gestus als "naiv und anmaßend" (14) charakterisiert. Im Geist totaler Machbarkeit wird die geschaffene Natur auf "zu verarbeitende Materie reduziert". Der Mensch versucht, den Schöpfer zu ersetzen (50). Religion verkommt darin zu einem "religiösen Markt" (48) beliebiger Verfügbarkeit, der Trans- und Posthumanismus wird zum ideologischen Narrativ einer neuen Anthropologie (54). In seinem Wirklichkeitseskapismus verfehlt er aber die Identität des Menschen (57) als Kind Gottes (101), gerade auch in seiner "neo-gnostisch" anmutenden Körperverachtung (61). Durch seinen "individualistischen und elitaristischen Perfektionismus" (58) wohnt ihm die große Gefahr einer hierarchischen Zweiklassengesellschaft von technischen optimierten und nicht-optimierten Menschen inne (59). Diese wäre nichts weniger als dehumanisierend (23) und damit diametral entgegengesetzt zur christlichen Anthropologie und ihrem "integralen Humanismus" (27).
Der Mensch weiß sich in ein Heilsgeschehen integriert, das "in der Geschichte" durch Gott stattfindet und nicht technologisch erwirkt werden kann.
Dem gegenüber wird das Evangelium als "eine Art Gegenkultur" (73) stark gemacht, welche den Menschen in seiner Authentizität als den ganzheitlich zu Gott Berufenen denkt (19). Der Mensch ist eine substanzielle Person mit Würde (107) Als solcher ist er Frucht einer vorangegangenen Gabe (2) und kann er selbst zur Gabe für andere werden (106). Als intersubjektives Wesen gehört er so der ganzen Familie der Menschheit an (85) und weiß sich in ein Heilsgeschehen integriert, das "in der Geschichte" durch Gott stattfindet (73) und nicht technologisch erwirkt werden kann.
In seiner "Ambivalenz von Größe und Zerbrechlichkeit" (1) muss der Mensch ferner als relationales und nicht uniformes Wesen gedacht werden. In der Spannung von Geist und Materie bzw. von Seele und Leib, darf er sich deshalb im Glauben an die Auferstehung der Leiber harmonisiert wissen, wodurch sich der menschliche Körper letztlich als Geschenk und nicht als Defizit erweist (153). Ebenso erfüllt sich seine geschlechtliche Spannung von Männlichkeit und Weiblichkeit in der "Einheit beider" gemäß ihrer Ebenbildlichkeit Gottes (154). Desgleichen konvergiert die menschliche Spannung zwischen Individuum und Kollektiv in der eucharistischen Gemeinschaft sowie jener der Heiligen (155); und löst sich jene seiner Endlichkeit und Unendlichkeit in der Liebe Gottes und seiner erlösenden Verheißung der Vergöttlichung des Menschen auf (152).
Im Letzten erhellt sich "das Geheimnis des Menschen nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes" (148) und in keiner technozentrischen Ideologie. Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde, und zwar durch Gnade und nicht durch Technologie (24). Theosis, nicht Transhumanismus; menschliche Transfiguration, nicht Posthumanismus.
Die Wiederentdeckung der Theosis
Die Stärken des Dokuments sind mannigfach, vier seien besonders betont.
Erstens wird zurecht das Erschütternde (159) und Dramatische (160) der aktuellen Lage akzentuiert. Noch nie sah sich der Mensch in seiner bisherigen Existenz derart bedroht wie heute, sieht er sich "Risiken ausgesetzt, die zuvor unvorstellbar waren." (160) Die trans- und posthumanistischen Visionen sind keine bloße Rhetorik mehr, da ist das Dokument glasklar.
Zweitens ist es deshalb lobenswert, dass die damit einhergehenden theologischen Herausforderungen hier konkret angegangen und der Kontrast zur christlichen Anthropologie deutlich herausgearbeitet wird. Die Unvereinbarkeit des Christentums mit dem Trans- und Posthumanismus ist unbestreitbar.
Drittens ist folglich auch das dargelegte Menschenbild aus phänomenologischer, hermeneutischer sowie offenbarungstheologischer Hinsicht positiv hervorzuheben. Der Mensch wird relational als dynamische "Einheit von Zweien" (132) gedacht , und zwar sowohl deskriptiv als auch normativ, im Sinne einer ambivalenten Dialektik seiner Spannungen, die jeden falschen Monismus und Dualismus sprengt, und zugleich in seiner Berufung als Gabe, Liebe und Freiheit erkannt, die sich nur in seiner Teilhabe am göttlichen Leben erfüllen kann (Theosis).
Es ist deshalb, viertens, gerade auch die Wiederbesinnung auf die Vergöttlichung des Menschen, die hier mit Nachdruck positiv zu würdigen ist. Wo die westliche Theologie oft an einer seltsamen Theosisvergessenheit zu leiden scheint, beteuert das Dokument zurecht, dass die dem Menschen wesenhafte Neigung zur Transzendierung (23) ihre wahre Erfüllung nur in seiner Vergöttlichung durch Gottes Gnade erfahren kann, von welcher das Christentum unmissverständlich Zeugnis ablegt (24) und die "das genaue Gegenteil der Selbstvergöttlichung transhumanistischer Prägung" (161) ist.
Der Kontrast muss noch klarer benannt werden
Obgleich die Kontrastlinien klar und deutlich gezogen werden, fehlt dem Dokument aber der Mut, die Dinge in letzter Konsequenz zu benennen. Denn was "das genaue Gegenteil" der christlichen Botschaft ist, ist nichts anderes als Häresie und ein Werk des Widersachers. Indem auf den Sündenfall verwiesen wird, der gerade darin besteht, "wie Götter" werden zu wollen – was der Trans- und Posthumanismus zweifelsohne anstreben (24) –, wird das zwar angedeutet, aber nicht beim Namen genannt.
Gerade die Rhetorik unserer Tage im Zeitalter des Postfaktischen verlangt nach klaren Abgrenzungen, um eindeutig verstanden zu sein.
Die Gründe für eine solche Rhetorik der Zurückhaltung in der Spätpostmoderne sind bekannt. Hier wird in Zukunft aber mehr Mut erforderlich sein. Gerade die Rhetorik unserer Tage im Zeitalter des Postfaktischen verlangt nach klaren Abgrenzungen, um eindeutig verstanden zu sein. Bloße Worte indes werden nicht mehr genügen. Es braucht eine gelebte Gegenkultur zu den technozentrischen Fantasmagorien auf der Grundlage des Evangeliums.
Dies wird eine theotische Kultur sein, welche die Theosis nicht nur mit Worten, sondern auch in actu als wahre Berufung des Menschen gemäß dem Willen Gottes – und nicht jenem der Menschen – ins Werk setzt.
Dazu hat das Dokument Quo vadis, humanitas? einen weiteren Grundstein gelegt, in Vorbereitung auf Kommendes. Zusammenfassend wird darin der alte Appell zur Metanoia laut: zur steten Umkehr zu Gott. Wohin des Weges, Menschheit? Die Antwort muss lauten: zurück nach Rom, zurück vors Kreuz, zurück zum Glauben an Jesus Christus.