Eine unfassbar keusche Hochzeitsnacht:
"Im Pfarrhaus entkleidete unser Vater unsere Mutter, entkleidete unsere Mutter unseren Vater, Vater zog Mutter ihre Kleider wieder an, Mutter zog Vater seine Kleider wieder an, nun standen sie sich wieder in ihrer eigenen Kleidung gegenüber, das war die Hochzeitsnacht".
Es ist eilig, weil das junge Paar fliehen muss. Kurz vor Kriegsende fliehen sie aus Ungarn in Richtung Osten, nach Rumänien, wo der Mann, der reformierter Pfarrer ist, viele Verwandte hat.
Das Paar bekommt sieben Kinder. Da Pfarrer Visky überall, wo er hingeschickt wir, eine religiöse Erweckung herbeiführen kann, sowohl in größeren Städten als auch in Dörfern, wird er in 1958 verhaftet und zu zweiundzwanzig Jahre Haft verurteilt.
Seine Frau ist nicht bereit, ihn zu verleugnen, und so wird sie mit Kindern in ein Lager in der Bărăgan-Steppe, in der Nähe des Donaudeltas, ausgesiedelt. Die Keuschheit, die an jener Nacht begonnen hat, dauert fort: Im Lager entsteht eine Existenz im reinen Glauben. Der Glaube wird zum Medium, das die Kälte, die Zwangsarbeit, die Entbehrung und die Ferne des Familienvaters erträglich, ja lebbar macht.
Schwere Leichtigkeit
András Visky, der auf Ungarisch schreibende reformierte Autor aus Klausenburg (Cluj-Napoca), hat zwanzig Jahre lang an seinem Roman Die Aussiedlung gearbeitet.
Die zugleich gewaltige und ungewöhnlich leichte Sprachwelt des Romans hat eine starke Wirkung auf die Leser. Im Gespräch mit COMMUNIO sagt Visky:
"Die Sprache, in der ich denke, ist von der Bibel durchdrungen. Aber sie beeinflusst auch, wie die Geschichten erzählt werden: Jede kleine Geschichte ist in eine große Geschichte eingebettet. Und die großen Geschichten stehen im Zusammenhang mit der großen Erlösung."
Bei seiner Suche nach der angemessenen Sprache waren ihm seine Theatererfahrungen eine große Hilfe, denn Visky ist seit 1990 Dramaturg und künstlerischer Leiter des Theaters in Cluj-Napoca. Als Theaterkünstler interessiert sich Visky für spirituelle Themen. Er will, wie er sagt, eine "Gegenwart schaffen", in die Gott eintreten kann:
"Der Mensch ist in der Gegenwart, aber das ist eine außergewöhnliche Erfahrung, die nur dann stattfindet, wenn er unreflektiert glücklich ist. Vielleicht in hingebungsvoller, glücklicher Liebe. Die unkontrollierbare Heiligkeit strömt hervor, aber es ist auch wichtig, dass sie keine Kontrolle duldet. Auch im Theater bemühen wir uns, eine Gegenwart zu schaffen. Das Theater versucht, den Zuschauer in diesen Raum voller Echos eintreten zu lassen, der ihn mit der Erfahrung erfüllt, dass sein Leben nicht im Sichtbaren beginnt und nicht im Sichtbaren endet. Wenn Gott in unsere eigene Gegenwart eintritt, werden die Dinge sehr spannend. Die Satzform, nach der ich zwei Jahrzehnte lang gesucht habe, zielte darauf ab, den Leser in diese Gegenwart hineinzuziehen".
Die Sprache des Romans ist weder tragisch noch ironisch, sondern ist von einer "schweren Leichtigkeit" durchtränkt, die dadurch entsteht, dass die ganze Unmenschlichkeit der Aussiedlung mit der Wirklichkeit Gottes in Verbindung gebracht wird.
Gott und die Geschichte
Das Ganze beginnt mit einer offiziellen Erklärung der Kommunisten über die Nichtexistenz Gottes. Nach dem Roman gibt es
"einen einstimmigen Parteibeschluss, dass es keinen Gott gibt, […] was sie dann ganz offiziell auch Gott selbst zu verstehen gegeben haben, ja, wirklich, so ist es anständig, man muss ihm in die Augen schauen und es ihm sagen, bis hierher und nicht weiter, komm ja nicht auf die Idee zu existieren".
Das klingt ironisch, wird aber bedrückend ernst, als sich die reformierte Kirche dieser Einstellung anschließt und die neue Staatsgestalt für die Erfüllung des Evangeliums hält.
Später, im Lager, sagt die Mutter:
"wir müssen uns mit dem Allmächtigen zufriedengeben, der sich jedoch mit den Bedingungen im rumänischen Gulag todsicher nicht auskennt".
Die Geschichte der ausgesiedelten Familie wird zur Teilnahme an der Geschichte Gottes in der Welt.
So wird die Geschichte der Ausgesiedelten in die biblische Geschichte eingeschrieben: Die Bibel erklingt in der Stimme der Mutter, die regelmäßig Texte aus dem Alten Testament vorliest, aus dem Neuen Testament in erster Linie Passagen aus dem Lukasevangelium, das ja für die Armen und über die Armen geschrieben wurde. Die Schilderung der Welt des Lagers ist von biblischer Sprache durchtränkt:
"Drückende Hitze und Staub, unsere Mutter würde am Fenster stehen und die Worte von dort aus auf ihren Weg schicken, wenn sie noch Kraft in den Beinen hätte, doch die hat sie wieder nicht, die Erde ist wüst und leer, und es ist finster auf der Tiefe."
Einmal erklärt sogar die Mutter, dass dieses Buch "unser einziges Zuhause" ist, und hält "die Heilige Schrift hoch" – es ist aber gerade Pfingsten, und "das zunehmende Brausen eines Windes [erfüllt] die gesamte Baracke und das Herz, die Brust, den Magen und die hohlen Knochen jedes Einzelnen von uns".
Der Roman besteht aus 822 nummerierten Textabschnitten, die alle mit einem Kleinbuchstaben beginnen und an keinem Ende einen Punkt haben – diese formale Vorgehensweise spiegelt wider, dass die erzählte Geschichte kein Ende hat, vielleicht, weil sie in die sich ständig weiterentwickelnde biblische Geschichte der Erlösung eingebunden ist.
Und Visky erklärt ausdrücklich, dass "die Erzählung unserer eigenen Geschichte, befreit von Hass, eine Rache ist, die Segen spendet und die Falten des Leidens aus dem Gesicht der Welt glättet". Er beklagt auch, dass das Verschweigen von Geschichten schweren Schaden anrichtet. Seiner Erfahrung nach basieren osteuropäische Gesellschaften immer noch auf unausgesprochenen Geschichten.
Dass Gott an der Geschichte teilnimmt, heißt aber auch, dass er überall gegenwärtig ist und vor seiner Gegenwart niemand fliehen kann. Auf die Frage, wie Gott in der Welt des Romans präsent ist, antwortet Visky, dass "es Zeiten gibt, in denen zwischen Karfreitag und Ostersonntag viele Jahre in der Geschichte vergehen. Von Karfreitag bis zur Auferstehung meines Vaters vergingen sieben Jahre. Wenn Gott sich aus der Geschichte zurückzieht, wird die Zeit unermesslich." Es ist eine Zeit, die die Gegenwart und den Entzug Gottes gleichermaßen kennt. Die absurden und inhumanen Verhältnisse des Lagers ermöglichen eine Erfahrung Gottes, die sonst unbekannt bliebe.
Dieser Umstand wird auch dadurch hervorgehoben, dass in den Personalausweis der Mutter die Buchstaben D. O. gestempelt werden – sie weisen auf dimiciliu obligatoriu hin, bedeuten also "Zwangswohnsitz", und werden als Deo ausgesprochen. Der Glaube wird zum Wohnort der Ausgesiedelten: Nicht mehr sie bewahren ihren Glauben, sondern ihr Glaube bewahrt sie. Er verhindert, dass sie in die verführerische Leere des Todes stürzen.
Es ist fast notwendig, dass die Gestalt des verhafteten Vaters und des nah-fernen Gottes sich in der seltsam seligen Lagererfahrung treffen:
"von dem Ewigen wissen wir […] nicht, wo er sich aufhält, zumindest aber ist er überall anwesend, darin ähnelt er eurem Vater und euer Vater dem Ewigen, für uns ist euer Vater überall da, nur hier ist er gerade nicht".
Alles Geistige wird leiblich erfahren
Die universelle Gegenwart Gottes wird im Roman auch darin spürbar, dass Leib und Seele, Materie und Geist, sinnliche Erfahrung und Gotteserfahrung sich unentwirrbar verschmelzen. Wenn der Blick der Mutter die Kinder in der Ferne erreicht, spüren sie, dass er "feiner und zärtlicher" ist als der Lichtstrahl der aufgehenden Sonne, und "er kratzt sie unter dem linken Schulterblatt". Alles Geistige wird sogleich leiblich erfahren. Der Text kann geradezu als ein Siegeszug des menschlichen Leibes in die göttliche Seinssphäre gelesen werden.
Die miserable Pracht der leiblichen Existenz kulminiert bei Visky in den Darstellungen der Liebe der Eltern. Liebe, leibliche Liebe, leuchtet im Glühen der sich liebenden Körper auf und wird später zu einem universalen Medium im Lagerleben der Kinder.
Auch Visky selbst spricht davon, wie kühn es war, das Liebesleben der Eltern zu schildern. "Wenn wir diese fleischgewordenen Charaktere in der Erzählung nicht wahrnehmen, bricht der Roman zusammen", sagt er. "Ich habe ständig mit mir selbst gekämpft, um über die Sache selbst zu schreiben und nicht der Versuchung zu erliegen, immer wieder essayistische Überlegungen anzustellen. Natürlich kenne ich das Liebesleben meiner Eltern nicht, und auch mein eigenes nur in Maßen", fügt er mit seiner typischen Ironie hinzu. Es ist kein Zufall, dass im Text das Böse häufig in der Gefahr der Vergewaltigung auftritt – in der leiblichen Erscheinung des Widerspruchs zur Liebe.
Die Freiheit des Glaubens
Für Visky ist die Existenz im Lager ein universales Phänomen des menschlichen Lebens: Sie kann als eine leibliche Gestalt des Mangels an Freiheit gelesen werden.
"In einem Lager kann man sich sehr gut orientieren – die Regeln sind streng, jede Bewegung dient dem Überleben, sogar der Blick eines Menschen, die Art, wie er die Dinge betrachtet. Wir sind äußerst kreativ darin, Räume der Freiheitsberaubung, der Auslöschung und der Selbstauslöschung zu schaffen."
Im Roman liest man:
"bei ihrer Hochzeit war unsere Mutter doch keine Jungfrau mehr, vor ihrem Mann hatte sie sich bereits ganz und gar der Freiheit hingegeben".
In der Sicht des Romans ist die größte Unfreiheit die Illusion, ohne Gott leben zu können. Und András Visky erzählt über die große Freiheit des Glaubens, aus der Sicht eines Kindes, das erfahren musste, dass die Schimpfworte, mit denen sie im Lager beschimpft werden – Fremdlinge, Wanderer und Juden – in Wirklichkeit "die Lieblingswörter des Ewigen" sind.