Der große niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom ist mit 92 Jahren in seinem Haus auf Menorca gestorben. Dort habe ich ihn einmal besucht, zusammen mit meiner Frau und unseren beiden halbwüchsigen Töchtern. Sein Haus stand in Sant Lluis, einer an der Südwestküste gelegenen Kleinstadt. Es war beileibe keine Villa, sondern ein höchst bescheidenes bäuerliches Anwesen. Vom Wohnzimmer aus blickte man in den japanisch anmutenden Garten. Kakteen wuchsen dort, Kiefern und Agaven, eingefasst von einer niedrigen Mauer aus grauen und gelben Feldsteinen.
Wir machten einen längeren Spaziergang durch die sonnenverbrannte und dennoch grüne Landschaft. Stolz, als wäre er der Besitzer dieser Ländereien, erklärte er die Besonderheiten der Vegetation. Er kannte die Namen der Blumen und Sträucher, die Kinder hörten ihm gerne zu.
Leicht wie Luft, schwer wie Regen
Nooteboom, der damals schon etwa siebzig Jahre zählte, verband die Eigenschaften eines Kindes mit denen des gereiften und weit gereisten Mannes, Neugier mit Bildung und Erfahrung, Wissbegier mit Weisheit und Melancholie. Schon sein erster Roman Philipp und die anderen, den er im Alter von 22 Jahren schrieb, war ein Geniestreich. Er ist leicht wie die Luft und schwer wie der Regen, flüchtig wie ein Gedanke und schmerzlich wie eine Erinnerung.
Im Süden Frankreichs begegnet der Erzähler einem Mädchen. "Du bist als altes Kind geboren, du wirst nichts erleben, sondern dich nur erinnern", sagt Jacqueline zu Philip. Sie haben auf der Place du Forum in Arles getanzt, und nun kommt die Nacht. "Du darfst mich nicht küssen, wenn du mich nach Hause bringst", sagt sie, denn sie hat sich in ihn verliebt. Er gehorcht und geht. Und als er durch die nächtlichen Straßen wandert, trifft er einen alten Mann. Der singt ein Lied und sagt zu ihm:
"'Komm mit, ich muss dir eine Geschichte erzählen. Hol dein Gepäck, dann fahren wir' - 'Wohin?', fragte ich, aber er sah mich erstaunt an und sagte 'Zu der Geschichte natürlich', und darum bin ich mit ihm gegangen. In jener Nacht fuhren wir durch ein totes, unheimliches Land. Königlich wuchs der Mond aus der erloschenen rötlichen Erde. Nebel und Dunst zogen durch die Täler, umringten uns wie eine Gefahr, der wir jedesmal wieder zwischen hartem, scharfem Gestrüpp entwichen, das wie eine Herde längst gestorbener Tiere die Hänge zu den bizarren, im Nachtlicht blühenden Felsen emporkletterte."
Und die Toten sind noch da
Die Kategorien der Zeit geraten in Verwirrung. Das Vergangene ist stärker als das Gegenwärtige, und die Toten sind noch da. In dem Erzählungsband Nachts kommen die Füchse (2009) gibt es einen Mann, der beim Aufräumen ein altes Foto findet. Es erinnert ihn an Paula, eine vergangene Liebe. Er denkt so intensiv an sie, dass sie zu ihm spricht. Wir können hören, was sie sagt:
"Ich bin meine Erinnerungen, aber ich weiß nicht, wie lange ich sie noch festhalten kann. Ich bin zwar gestorben, aber ich bin nicht tot. Für mein Gefühl muss ich vorher noch etwas zu Ende bringen."
Und dazu gehört, dass sie bekennt, wie sehr sie ihn geliebt hat, so sehr, dass sie sich von ihm trennen musste. Sie hätte sich, sagte sie, seiner Abwesenheit ausliefern müssen. "Das, weswegen du allein in deinem Zimmer sitzt, hat es schon immer gegeben. Ich habe es sofort erkannt. Du bist nicht wesenhaft da für andere Menschen." Und am Ende heißt es:
"Du hast dein Fenster geöffnet. Windstoß. Das war ich. Rascheln, Flüstern. Das Geräusch von Füchsen, eine Nacht in der Wüste. Gedachte Füchse, keine echten. Alles sehr flüchtig. Wie wir. Weg."
Die Erinnerung ist wie ein Hund …
Nooteboom war ein Meister der sparsam illustrierten Szene. Und er war ein stoizistischer Denker, der die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod erzählend erforschte. Man erkennt das in dem Bildband Tumbas, worin er zusammen mit seiner Frau, der Fotografin Simone Sassen, die Gräber von Schriftstellern auf dem ganzen Erdball besucht und beschreibt; oder in seinem Berlin-Roman Allerseelen (1999), wo die Toten der Kriege in die Gegenwart der Erzählung zurückkehren.
In dem Roman Die folgende Geschichte (1991) erleben wir die Geschichte eines Mannes, der in einem Hotel in Lissabon aufwacht, obwohl er am Abend zuvor in Amsterdam zu Bett gegangen ist. Allmählich begreifen wir, dass er gestorben ist, aber sein Geist lebt und erzählt nicht allein aus seinem früheren Leben, sondern auch von seiner Fahrt ins Reich der Toten.
"Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will", heißt es in dem Roman Rituale (1985). Wir sind nicht der Herr dieses Hundes. Nooteboom zeigt, was es heißt und welche Mühe es kostet, mit ihm auf verständige Weise umzugehen.
Zweifelnder, ungläubiger Katholik
Nooteboom war übrigens Katholik – ein zweifelnder, ungläubiger, nicht praktizierender Katholik. In Allerseelen meldet sich einmal eine Stimme zu Wort, ein Engel über Berlin, ein allwissender Geist, der im Pluralis majestatis die seltsamen Wege der Menschen kommentiert: "Eines der Dinge, die wir nicht verstehen können, ist, wie schlecht ihr in euer eigenes Dasein paßt."
Diesen Geist, diesen Engel kann man durchaus Gott nennen.