Sünde überallWas fehlt, wenn Gott fehlt

Angst, Sünde, Buße und Strafe: All das bewegt auch atheistische Zeitgenossen. Doch ohne Gott ist keine Vergebung in Sicht – und erst recht keine Erlösung.

James Ensor (1860-1949): Les Péchés capitaux dominés par la mort, Bibliothèque royale de Belgique
James Ensor (1860-1949): Les Péchés capitaux dominés par la mort, Bibliothèque royale de Belgique© gemeinfrei/Wikimedia Commons

Obwohl der Begriff der Sünde seinen wirklichen Sinn nur im religiösen Zusammenhang gewinnt, hat er in der herrschenden Moral eine Karriere eigener Qualität hingelegt. Das betrifft zum Beispiel das Thema "Körperpflege und Gesundheitsreinigung", wie der unvergessene Jürgen von Manger zu sagen pflegte. Wer ungesund lebt, sich ungesund ernährt, versündigt sich nicht nur gegen den eigenen Körper, sondern auch gegen die Solidargemeinschaft, die für die Reparaturkosten aufkommen muss.

Der unbarmherzige Gott

Am sichtbarsten wird die Wiederkehr der Sünde auf dem weiten Feld des Klimaschutzes. Es lässt sich nicht übersehen, dass die Klimaschützer strukturell ähnlich argumentieren wie die strenggläubigen Anhänger einer monotheistischen Religion. In deren Augen ist irdisches Unheil die Folge eines sündhaften Lebenswandels.

In seiner säkularisierten Form wird der Glaube an Gott durch eine Verehrung der Natur oder des Natürlichen ersetzt. "Du musst dein Leben ändern!" ist auch hier das oberste Gebot. Im Fall des Zuwiderhandelns droht das Strafgericht der Klimakatastrophe, und "Natur", was immer darunter zu verstehen sei, wird zur höchsten sinngebenden Instanz, der zu dienen sich von selbst versteht. Wer sich diesem Dienst widersetzt, verlässt den Raum der Rechtgläubigen und muss mit Sanktionen rechnen.

Den asketischen Übungen der alten Religiosität (Freitagsgebot, Fastenzeit) entspricht die gegenwärtige Bußpraxis des Verzichts auf klimaschädliches Verhalten. Auch der Ablasshandel erlebt seine säkularisierte Wiederkehr – auf industrieller Ebene beim Handel mit Zertifikaten, im Alltag bei bescheidenen Bußübungen: Wenn ich etwa, um mein Gewissen zu beruhigen, Plastiktüten meide, Bioprodukte kaufe oder mit dem Rad fahre.

Anders als der alte Gott, dem die Bibel zwar Anfälle von Rachsucht nachsagt, in der Hauptsache aber eine liebende, eine fürsorgliche Nachsicht kennt, kennt der Klimagott, wenn ich seinen Anhängern glauben soll, so etwas wie Verzeihung (von Erlösung zu schweigen) in keiner Weise. Für ihn ist schon die schiere Existenz des Menschen ein unlösbares Problem, woraus die Anti-Natalisten ihre Abwehr jeglicher Fortpflanzung ableiten. Diesem Gott zu dienen ist anstrengender als jenem, der einst die Zehn Gebote erließ.

Jedenfalls ergibt sich das seltsame Fazit, dass auch Atheisten sündigen können. Doch es scheint so, als nehme die Zahl derer, die der Sündenlast überdrüssig geworden sind, allmählich zu. Die Macht des unbarmherzigen Klimagottes hat deutlich abgenommen. Sicherlich hat das auch mit den Kriegen zu tun, die überall toben. Die Umweltbilanz eines einzigen Tages im Irankrieg macht viele ökologische Bemühungen zunichte. Die Angst vor einem ökonomischen Niedergang hat die Angst vor einer Klimakatastrophe abgelöst.

Wer soll uns verzeihen?

Das Wort Sünde hat jenen seltsamen Doppelklang behalten, dem Thomas Mann einmal Ausdruck gegeben hat, als er Gerhart Hauptmann dafür um Entschuldigung bat, ihn in dem Roman "Der Zauberberg" verspottet zu haben. Er habe, schrieb er in einem Brief, "gesündigt. Ich sage 'gesündigt', weil das Wort eine doppelte Dynamik hat: Es ist stark und schwer, wie es sich gebührt, und doch auch wieder, in gewissem Gebrauchsfall, ein halb gutmütiges, vertrauliches und versuchsweise humoristisches Wort."

Wenn jemand erzählt, gestern Abend habe er gesündigt, so will er meist damit sagen, er habe zu viel getrunken oder gegessen. Da hätten wir die "gutmütige, humoristische" Seite des Wortgebrauchs. Wo aber ist die "starke, schwere" Bedeutung? Im Wort Todsünde scheint sie aufbewahrt. Es war der Mönch Evagrius Ponticus, der Ende des 4. Jahrhunderts acht "Dämonen" benannte: gula, die Völlerei; luxuria, die Unkeuschheit; avaritia, die Habgier; ira, der Zorn; tristitia, der Trübsinn; acedia, die Trägheit; gloria, die Ruhmsucht; superbia, der Hochmut. Papst Gregor (um 600) hat diesen Katalog dann auf sieben Todsünden reduziert.

Auffällig ist, dass hier nicht Taten verworfen werden, sondern Haltungen. Eine Nützlichkeitsethik würde nichts daran auszusetzen haben, wenn jemand dem Sex oder dem guten Essen übermäßig frönt, solange er niemand anderem schadet. Und Eigenschaften wie Habgier, Zorn oder Hochmut könnten, recht verstanden, zu Tugenden erklärt werden. Im modernen Kapitalismus sind sie das auch.

Die wachsende Zahl der Verbote, Maßregelungen und Ratschläge, mit denen wir uns gegenseitig zu einer gesundheitsbewussten, sozial verantwortlichen und ökologischen Lebensweise anhalten, scheint Ausdruck der Tatsache zu sein, dass dem christlichen Abendland das Christentum abhandengekommen ist, nicht aber die Sünde. Wer nun soll uns verzeihen?

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