Die meiner Wohnung nächstgelegene Kirche ist St. Elisabeth in Hamburg-Harvestehude. Das Gebäude wurde 1926 nach den Plänen von Heinrich Renard und Jos van Geisten errichtet und steht unter Denkmalschutz. Es geschah vermutlich in den Sechzigerjahren, als der Innenraum nicht allein den Geboten der Liturgiereform angepasst wurde, sondern auch dem zeitgenössischen Geschmack, dem alles missfiel, was unter Kitschverdacht hätte geraten können.
Darunter befand sich eine überlebensgroße Kreuzigungsszene von Gerhard Fugel. Der Maler, beeinflusst von der Schule der Nazarener, war spezialisiert auf religiöse Themen und hat einige Kirchen mit seinen Gemälden geschmückt. Das Altarbild in St. Elisabeth jedenfalls gab dem klassizistisch gestalteten Raum einen schönen und würdigen Blickfang.
Heute hängt es unauffällig und unbeleuchtet an der Seite. Es wurde ersetzt durch das brutalistische Triptychon eines Künstlers, dessen Name der Eintrag bei Wikipedia diskret verschweigt. Ursprünglich, so erzählte mir der nunmehr im Ruhestand befindliche Pfarrer der Gemeinde, sei das halbplastische Gebilde goldfarben gefasst gewesen. Die Farbe jedoch sei nach einige Jahren ins Schwarze oxidiert.
Ich erinnere mich reumütig an jene schrecklichen Sechziger, als der Zeitgeist alles Schöne verachtete.
Wann immer ich in St. Elisabeth bin, ergreift mich beim Anblick dieser tristen Finsternis ein tiefes Unbehagen, und ich erinnere mich reumütig an jene schrecklichen Sechziger, als der Zeitgeist alles Schöne verachtete – "reumütig" sage ich, weil ich damals vermutlich auch der Beseitigung des Gemäldes von Fugel zugestimmt hätte, wäre ich gefragt worden.
Wenn ich darüber nachdenke, so fällt mir auf, dass sich die unveränderliche Wahrheit des Christentums in höchst veränderlichen Architekturen manifestiert hat. Die kirchlichen Bauten richteten sich wie selbstverständlich nach dem jeweiligen Geschmack. Auf die Romanik folgte, als man die Gewölbetechnik zu beherrschen gelernt hatte, die Gotik mit ihren himmelstürmenden Kathedralen, und später dann, als die barocke Epoche dem Zeitgeist entsprach, wurden die ehrwürdigen Gebäude altmodisch gewordener Architektur gnadenlos barockisiert.
Im 19. Jahrhundert schließlich, das keine neue Ästhetik hervorgebracht hat, entdeckte man in längst vergangenen Epochen das eigentlich Eigene. Die Deutschen bauten neuromanische und neugotische Kirchen. Damals entstand die vollkommen irrige Überzeugung, die Gotik sei eine deutsche Baukunst. In Wahrheit kam sie aus Frankreich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, der viele Kirchen zerstört hatte, wurden fast ebenso viele neu gebaut, vor allem auch wegen der zugezogenen katholischen Vertriebenen. Die im weitesten Sinne moderne Architektur war selten überzeugend genug, um eine starke Identifikation zu begründen. Als die Zahl der Gottesdienstbesucher ebenso sank wie die der Priester, wurden Hunderte von Gotteshäusern profaniert oder einfach abgerissen.
Abrisse, Umbauten und die Frage der Stilreinheit
Mein Vater, der Architekt Harald Greiner, hat in den Sechzigerjahren im Bistum Limburg einige Kirchen gebaut. Die schönste ist St. Christophorus in Frankfurt-Preungesheim. Sie gleicht einem Schiff, ihr Bug wird von einem mächtigen Kreuz gekrönt. Diese Kirche steht auf einem wertvollen Grundstück. Eine Mehrheit der kleiner gewordenen Gemeinde will es verkaufen und das sanierungsbedürftige Gebäude abreißen, eine Minderheit will es erhalten. Der Streit dauert an.
Wann immer sich die Christen auf der Siegerseite wähnten, haben sie mit der Errichtung ihrer Kirchen über die unterlegenen Religionen triumphiert. Als es den Spaniern gelungen war, die Muslime zu vertreiben, errichteten sie inmitten der wunderschönen Moschee von Córdoba eine Kathedrale. Dafür mussten viele der 856 Säulen mit ihren hufeisenförmigen Bögen entfernt werden.
Ein anderes Beispiel ist der Dom von Syrakus in Sizilien. Er wurde in einen griechischen Tempel hineingebaut. Die Säulen hatte man durch ein Mauerwerk miteinander verbunden und so einen geschlossenen Raum geschaffen. Das Gebäude ist eine bizarre architektonische Mischung und enthält eigentlich alle Baustile, von der dorischen Tempelarchitektur bis zum sizilianischen Barock.
Als wir im Kunstunterricht die Merkmale der historischen Epochen durchgenommen hatten, machte ich mit einem Freund eine Radtour in die Niederlande. Dabei kamen wir auch durch Koblenz, wo ich eine Kirche erblickte, die exakt den Angaben im Lehrbuch über die Romanik entsprach. Begeistert fotografierte ich sie, erfuhr aber später (und schämte mich), dass es sich um ein unbedeutendes neuromanisches Gebäude handelte.
Seitdem weiß ich, dass Stilreinheit nicht unbedingt das Kriterium bedeutender Bauwerke ist. Und trotzdem mag ich mich mit der Verunstaltung von St. Elisabeth nicht abfinden.