Ein Beben des MitgefühlsHerman Melvilles Erzählung "Billy Budd"

Die erschütternde Novelle war der letzte Text, an dem Melville gearbeitet hat.

Segelschiff
© Unsplash

Als eine Freundin mich kürzlich nach meiner liebsten literarischen Erzählung fragte, wusste ich nicht sofort eine Antwort. Doch als ich darüber nachdachte, wurde mir klar: Meine liebste Erzählung ist "Billy Budd" von Herman Melville.

Die Geschichte spielt 1797, als das revolutionäre Frankreich sich anschickt, dem britischen Empire die Vorherrschaft auf See streitig zu machen. Schauplatz ist das englische Kriegsschiff "Bellipotent". Die Mannschaft besteht nicht nur aus erfahrenen Seemännern, sondern auch aus zwangsrekrutierten Matrosen. Die Marine litt unter Personalmangel. Deshalb war es in Hafenstädten Usus, frei herumlaufende Männer zu "pressen" und an Bord zu zwingen. Auch wurden brauchbare Matrosen von Handelsschiffen eingezogen.

Unschuldiger Mörder

Einer von ihnen ist Billy Budd, 21 Jahre alt, ein Waisenkind, das seine Eltern nicht kennt, des Lesens und Schreibens unkundig. Melville wird nicht müde, die Unschuld, die Schönheit des Jungen hervorzuheben. Er verfügt nicht allein über eine gewaltige körperliche Kraft, sondern auch über eine natürliche Freundlichkeit, über ein inneres Leuchten. In Kürze ist er der Liebling aller. Sein einziger Defekt ist das Stottern. Es überfällt ihn immer dann, wenn er hochgradig erregt ist.

Sein Gegenspieler ist Claggart, seines Zeichens Waffenmeister, zuständig für die 74 Geschütze und die dafür eingeteilten Matrosen. Zugleich ist er eine Art Polizeichef und hat ein paar Spitzel an der Hand, die ihn über aufrührerische Reden unterrichten. Das scheint insofern angebracht, als es kürzlich schwere Meutereien gegeben hat, angestachelt durch die Ideen, die sich aus Paris wie ein Lauffeuer bis nach London verbreitet haben.

Claggart ist keineswegs unansehnlich. Er besitzt sogar eine samtweiche, angenehme Stimme. Aber er hat eine widrige Ausstrahlung. Er ist unbeliebt. Und voller Neid registriert er die Schönheit Billys. Weil er an dessen Arglosigkeit nicht glauben kann, stellt er ihm Fallen. Schließlich denunziert er ihn bei Kapitän Vere.

Melville schreibt:

"Ohne die Kraft, das elementare Böse in sich auszulöschen, obgleich er es gut zu verbergen wusste; das Gute wahrnehmend, aber ohne die Kraft, gut zu sein; überladen mit Energie, wie solche Naturen es immer sind – was bleibt einer Natur wie der Claggarts anderes, als auf sich selbst zurückzufallen und, wie der Skorpion, für den allein der Schöpfer selbst verantwortlich ist, bis zum Ende jene Rolle zu spielen, die sein Los ist?"

Kapitän Vere ist die komplexeste Figur des Dramas. Er glaubt nicht an die Schuld Billys. Um kein Aufsehen zu erregen, bestellt er die beiden in seine Kajüte und fordert Claggart auf, seine Vorwürfe dem Beschuldigten ins Gesicht zu sagen. Billy ist derart sprachlos, dass ihn sein Sprachfehler lähmt. Von Vere um eine Stellungnahme gebeten, schnellt – wie in einem ohnmächtigen Reflex – Billys Faust voran und trifft Claggarts Stirn tödlich.

Als der Arzt den Tod des Waffenmeisters feststellt, sagt Vere: "Von einem Engel Gottes erschlagen! Und doch muss der Engel hängen!" Der fromme Kapitän sieht ein Gottesgericht am Werk und nennt Billy einen "Engel Gottes". Zugleich weiß er, dass hier nicht Gott zuständig ist, sondern die militärische Gerichtsbarkeit. Es geht darum, dass ein einfacher Matrose einen Offizier getötet hat. Das ist das eine Faktum. Das andere ist der Krieg. In den Augen des Kapitäns scheint es gefährlich, mildernde Umstände zu bedenken und den Vorgang lange zu diskutieren. So verlangt er von dem eilig einberufenen Gericht das Todesurteil.

Kurz vor der Vollstreckung ruft Billy: "Gott segne Kapitän Vere!" Durch die versammelte Mannschaft geht ein Rumoren. Niemand versteht die Hinrichtung, doch Disziplin ist das oberste Gebot.

Der Text bezieht sich häufig auf biblische Vorstellungen. So vergleicht er den schönen Matrosen mit "Adam vor dem Sündenfall". Melville war davon überzeugt, dass der Mensch durch den Sündenfall nachhaltig beschädigt ist. Über Claggart heißt es einmal, er hätte "Billy sogar lieben können, wenn's Fluch und Schicksal nicht verhindert hätten".

Melville versteht es, die zentralen Figuren so anschaulich und mitfühlend zu schildern, dass man der Tragödie atemlos folgt. Er tritt zumeist als unparteiischer Berichterstatter auf, sodass die Vorgänge den Charakter eines unabänderlichen Fatums gewinnen. Und doch spürt man hinter der scheinbaren Objektivität des Erzählers ein Beben des Mitgefühls.

Melville wurde im 20. Jahrhundert wiederentdeckt

"Billy Budd, Sailor" lautet der Originaltitel dieser erschütternden Novelle. Sie war der letzte Text, an dem Melville gearbeitet hat. Nach anfänglichen Erfolgen mit seinen Südseeromanen, nach der ernüchternden Resonanz auf sein Meisterwerk "Moby-Dick", nach weiteren Rückschlägen sah er sich gezwungen, eine Stelle als Zollinspektor im Hafen von New York anzunehmen. Das geschah 1866. Er war 47 Jahre alt. 1891 starb er, weitgehend vergessen. "Billy Budd" wurde erst 1924 im Nachlass zufällig entdeckt und publiziert. Damit begann die internationale Wiederentdeckung Herman Melvilles.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen