"Aber den lieben Gott spielt keiner"Grillparzers Erzählung "Der arme Spielmann"

Dass Theater und Literaturbetrieb Franz Grillparzer nahezu vergessen haben, spricht gegen sie, nicht gegen Grillparzer.

Moritz Daffinger (1790–1849): Franz Grillparzer
Moritz Daffinger (1790–1849): Franz Grillparzer© Moritz Daffinger, Public domain, via Wikimedia Commons

In diesen Weihnachtstagen war in der ARD abermals der 2024 zuerst gezeigte Film "Bach – Ein Weihnachtswunder" zu sehen. Unter anderem geht es darin um einen Streit zwischen Bach und seinem Leipziger Dienstherrn. Der erhebt den Vorwurf, das gerade entstehende Weihnachtsoratorium sei zu opernhaft und lenke vom Eigentlichen ab, nämlich von Gott. Bach verteidigt sich: Das Ziel seiner Musik bestehe einzig darin, die Gläubigen zu Gott hinzuführen.

Die Frage, die mir in den Sinn kam: Wie müsste eine Musik beschaffen sein, die zu Gott hinführt? Und ich erinnerte mich an die wunderbare Erzählung "Der arme Spielmann", die ich vor Jahren gelesen und die mich tief beeindruckt hatte. 1848 war sie erstmals erschienen. Sie stammt von dem österreichischen Schriftsteller Franz Grillparzer.

Held der Geschichte ist ein älterer armer Stehgeiger, der bei Volksfesten am Wegesrand ziemlich erfolglos aufspielt. Der Erzähler macht seine Bekanntschaft, sie kommen miteinander ins Gespräch, und der Spielmann sagt über seine Kollegen: "Sie spielen den Wolfgang Amadeus Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner."

Der seltsame Satz ist mir im Gedächtnis geblieben. Klingt er nicht so, als ob er in dem Leipziger Streit rückblickend Partei ergreife? Als hätte ein Geiger, der lediglich Mozart oder Bach spiele, das eigentliche Ziel des Musizierens verfehlt? Und wenn es stimmt, dass der arme Spielmann wirklich den "lieben Gott spielt", wie hört sich das an?

Grillparzers Geschichte nimmt mehrere Wendungen. Die erste besteht darin, dass der Erzähler auf den armen Spielmann vor allem dadurch aufmerksam wird, dass dieser offenkundig überhaupt nicht spielen kann, sich aber dennoch unverdrosssen darum bemüht. Der Erzähler wundert sich über "so viel Kunsteifer bei so viel Unbeholfenheit".

Zugleich fällt ihm auf, dass der Mann einen ehemals wertvollen, nun aber abgetragenen Anzug trägt. Auch seine Diktion lässt auf einen gebildeten Menschen schließen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass der Spielmann aus einer angesehenen Wiener Familie stammt. Im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern ist es ihm nie gelungen, das Wohlwollen oder gar die Liebe des Vaters zu erlangen, weil alle Versuche, ihm eine bürgerliche Karriere zu eröffnen, an seiner Untüchtigkeit gescheitert sind.

Was den Mann hingegen vor seinen Mitmenschen auszeichnet, sind seine Herzensgüte und seine Frömmigkeit. Er verliebt sich in die Tochter eines kleinbürgerlichen Ladenbesitzers, weil sie so schön singen kann. Ein bestimmtes Lied, das sie manchmal anstimmt, rührt ihn zu Tränen. Das Mädchen mag den Mann, weil er so freundlich, so liebenswürdig ist und nie auf seinen Vorteil bedacht. Doch zugleich ist sie lebenstüchtig genug, um an ihre Zukunft zu denken. Als sie erfährt, dass er das kleine, von dem plötzlich verstorbenen Vater geerbte Vermögen an einen Schurken verloren hat, heiratet sie einen Fleischergesellen.

Er ist einfach ein guter Mensch. Allein, in der Welt, die ihn umgibt (sie ist der unsrigen durchaus ähnlich), kann er damit nicht bestehen.

Das Bild des Stehgeigers, das Grillparzer hier entwirft, spielt auf die Seligpreisungen Jesu an. Der Mann hat ein reines Herz, er hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, er ist arm vor Gott, er ist barmherzig. Seiner ist das Himmelreich. Zu allem, was Erfolg verspricht, ist er untüchtig. Er ist einfach ein guter Mensch. Allein, in der Welt, die ihn umgibt (sie ist der unsrigen durchaus ähnlich), kann er damit nicht bestehen. Er weiß das, und er tröstet sich mit dem Gedanken, dass wir am Ende unserer Tage "nach unsern Absichten gerichtet werden und nicht nach unsern Werken".

Der arme Spielmann sehnt sich nach der "ewigen Wohltat und Gnade des Tons und des Klangs", und wenn er auf seiner Geige spielt, beschreibt der Erzähler das so: "Ein leiser, aber bestimmt gegriffener Ton schwoll bis zur Heftigkeit, senkte sich, verklang, um gleich darauf bis zum lautesten Gellen emporzusteigen, und zwar immer derselbe Ton mit einer Art genußreichem Daraufberuhen wiederholt."

Österreichs Nationaldichter

Es ist, als suche der Spielmann den einzigen und wahren Ton, jenen entscheidenden Ton, der zu Gott hinführt. Wenn er ihn bislang nicht gefunden hat, so macht das nichts. Was zählt, ist die Absicht, nicht das Ergebnis.

Ich fragte mich: Was hätte Bach dazu gesagt? Vermutlich, dass Gott zwischen Könnerschaft und Dilettantismus zu unterscheiden wisse. Kann sein, doch woher wissen wir das?

Franz Grillparzer wurde 1791 in Wien geboren und starb dort 1872. Er war so etwas wie der österreichische Nationaldichter und hatte mit Dramen wie "Sappho" (1818) oder "König Ottokars Glück und Ende" (1825), "Ein treuer Diener seines Herrn" (1828) oder "Ein Bruderzwist in Habsburg" (1848) Erfolge sowohl in Wien als auch auf deutschen Bühnen. Heute, nach rund hundert Jahren, haben ihn das Theater und der Literaturbetrieb nahezu vergessen. Das spricht aber gegen diese und nicht gegen Grillparzer.

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