Die erste veröffentliche Erzählung von Franz Kafka trägt den Titel "Gespräch mit dem Beter". Sie ist 1909 in der Zeitschrift "Hyperion" erschienen und beginnt so:
"Es gab eine Zeit, in der ich Tag um Tag in eine Kirche ging, denn ein Mädchen, in das ich mich verliebt hatte, betete dort knieend eine halbe Stunde am Abend, unterdessen ich sie in Ruhe betrachten konnte. Als einmal das Mädchen nicht gekommen war und ich unwillig auf die Betenden blickte, fiel mir ein junger Mensch auf, der sich mit seiner ganzen mageren Gestalt auf den Boden geworfen hatte. Von Zeit zu Zeit packte er mit der ganzen Kraft seines Körpers seinen Schädel und schmetterte ihn seufzend in seine Handflächen, die auf den Steinen auflagen. In der Kirche waren nur einige alte Weiber, die oft ihr eingewickeltes Köpfchen mit seitlicher Neigung drehten, um nach dem Betenden hinzusehn. Diese Aufmerksamkeit schien ihn glücklich zu machen, denn vor jedem seiner frommen Ausbrüche ließ er seine Augen umgehn, ob die zuschauenden Leute zahlreich wären."
Der Erzähler findet dieses Verhalten "ungebührlich" und stellt den Beter zur Rede:
"Wie benehmt Ihr Euch doch in der Kirche! Wie ärgerlich ist das und wie unangenehm den Zuschauern! Wie kann man andächtig sein, wenn man Euch anschauen muß."
Der Beter antwortet:
"Ärgert Euch nicht – warum sollt Ihr Euch ärgern über Sachen, die Euch nicht angehören. Ich ärgere mich, wenn ich mich ungeschickt benehme; benimmt sich aber nur ein anderer schlecht, dann freue ich mich. Also ärgert Euch nicht, wenn ich sage, daß es der Zweck meines Lebens ist, von den Leuten angeschaut zu werden."
Offensichtlich ist der Erzähler ein Voyeur und der Beter ein Exhibitionist. Dieser geht in die Kirche, um sich beim Beten sehen zu lassen, jener will gar nicht beten, sondern nur das betende Mädchen anschauen. Von ihr ist nicht weiter die Rede, doch ist sie die einzige Person der Geschichte, die wirklich betet. In dem folgenden Gespräch zwischen Erzähler und Beter nähern sich die beiden einander an, werden austauschbar, was insofern naheliegt, als Voyeur und Exhibitionist sich gegenseitig bedingen.
Kafka entstammte einer assimilierten jüdischen Familie. Man feierte die traditionellen Festtage, hielt sich aber von den orthodoxen Juden und ihrer religiösen Praxis fern. Der Vater war Kaufmann und betrieb ein gut gehendes Einzelhandelsgeschäft in der Prager Innenstadt. Kafka war also kein Christ, aber natürlich kannte er die katholischen Kirchen seiner Heimatstadt.
Der gotische Veitsdom, der die Prager Burg und damit die ganze Stadt überragt, spielt in seinem Roman "Der Prozess" eine wichtige Rolle. Der Bankangestellte Josef K. wird gebeten, einem italienischen Geschäftsfreund die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Er ist pünktlich im Dom, doch der Italiener erscheint nicht. Abgesehen vom Küster, der sich am Altar zu schaffen macht, ist die Kirche vollkommen leer.
Erstaunt bemerkt Josef K. an einer der Säulen eine winzige Kanzel, die er noch nie wahrgenommen hat. Zugleich sieht er einen Geistlichen, der sich eben anschickt, hinaufzusteigen. Um zu predigen? K. beschließt, die Kirche zu verlassen.
"Fast hatte er schon das Gebiet der Bänke verlassen und näherte sich dem freien Raum, der zwischen ihnen und dem Ausgang lag, als er zum ersten Mal die Stimme des Geistlichen hörte. Eine mächtige geübte Stimme. Wie durchdrang sie den zu ihrer Aufnahme bereiten Dom! Es war aber nicht die Gemeinde, die der Geistliche anrief, es war ganz eindeutig und es gab keine Ausflüchte, er rief 'Josef K.!'"
Dieser zögert. Soll er so tun, als hätte er den Ruf nicht gehört? Doch er dreht sich um, und jetzt wäre jegliche Leugnung sinnlos. Schließlich kommt er mit dem Geistlichen ins Gespräch. Es geht um K.s Prozess. "Ich fürchte, er wird schlecht enden", sagt der Priester und erzählt ihm "Vor dem Gesetz", die Geschichte vom Türhüter.
Er kannte das Neue und das Alte Testament
Diese wahrhaft berühmte Parabel zeugt davon, wie sehr Kafka vom Geist des Judentums geprägt war, wie sehr er sich damit beschäftigt hat. Zwar war er von dem Zionismus seines Freundes Max Brod – Brod ist letztlich dafür verantwortlich, dass wir Kafka überhaupt kennen – nicht wirklich überzeugt. Und doch hat er Hebräisch gelernt, um die heiligen Schriften der Juden im Original lesen zu können. Dass er die Bibel ohnedies kannte, ist sicher, und zwar nicht nur das Alte Testament, sondern auch das Neue.
So steht zu vermuten, dass ihm auch der Bericht von Matthäus (6,5) vertraut war, wo Jesus sagt:
"Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist!"
Das "Gespräch mit dem Beter" liest sich, als hätte Kafka die Worte Jesu zum Anlass seiner kleinen Erzählung genommen.