"Das war es nicht wert"Colm Tóibíns Erzählung "Marias Testament"

Der irische Schriftsteller erzählt die Passion Jesu aus der Sicht einer skeptischen Maria.

Ulrich Greiner
© privat

Ende vergangenen Jahres hat sich der Vatikan zur Marienverehrung geäußert. Kardinal Victor Fernández, Leiter des Glaubensdikasteriums, kritisierte die Vorstellung, Maria sei "Miterlöserin" – ein Gedanke, den Papst Johannes Paul II. mehrfach geäußert hatte. Kardinal Joseph Ratzinger hingegen hatte schon 2002 erklärt, diese Formel entferne sich von der Sprache der Bibel und rufe Missverständnisse hervor: "Auch Maria ist alles, was sie ist, durch Christus. Das Wort 'Miterlöserin' würde diesen Ursprung verdunkeln."

Gegen die römische Maßgabe nun hat die Theologische Kommission der Internationalen Mariologen-Vereinigung heftig protestiert. Sie beruft sich auf "die Lehren früherer Päpste" und behauptet: "Zu diesen Lehren gehören diejenigen, die die selige Jungfrau Maria als Miterlöserin und Mittlerin aller Gnaden anerkennen."

Ich kann nicht beurteilen, ob die Intervention von Fernández richtig oder notwendig war, und ich gestehe, dass mir die Kontroverse nicht sehr nahegeht, aber ich erinnere mich an die Erzählung "Marias Testament" (2014) des irischen Schriftstellers Colm Tóibín, die mich beeindruckt hatte.

Fremder Sohn

Die Evangelisten schweigen sich über Marias Leben weitgehend aus. Tóibín nutzt diese Lücke und erzählt die Leidensgeschichte des Sohnes als die seiner Mutter. Sie liebt ihren Sohn, doch je mehr er in seiner Rolle als Wundertäter und Prophet aufgeht, je berühmter er wird, umso fremder wird er ihr.

Eines Tages wird sie von einem Bekannten gewarnt: Die Geheimpolizei beobachte das Treiben ihres Sohnes und werde zuschlagen, wenn er sich nicht zurückziehe. Die Mutter erschrickt. Sie nimmt sich vor, an einer Hochzeitsfeier in Kana teilzunehmen, wo auch ihr Sohn erwartet wird. Dort will sie mit ihm reden.

Sie flüstert ihm die Warnung ins Ohr. Dann heißt es:

"'Weib, was geht’s dich an, was ich tue?', fragte er, und dann noch einmal lauter, sodass es überall zu hören war: 'Weib, was geht’s dich an, was ich tue?' 'Ich bin deine Mutter', sagte ich. Aber da hatte er schon begonnen, zu anderen zu sprechen, geschwollene Sprüche und Rätsel, und er sprach in seltsamen, anmaßenden Wendungen. Ich hörte ihn sagen, dass er der Sohn Gottes sei."

Wir hören dieser Frau nicht allein deshalb gebannt zu, weil sie eine bekannte Geschichte gegen den Strich erzählt, sondern vor allem deshalb, weil sie aufrichtig und glaubwürdig wirkt. Man hat das Gefühl, diese mit inbrünstigen Liedern besungene, in unendlichen Rosenkranzgebeten angeflehte Maria zum ersten Mal als Mutter und als Mensch leibhaftig zu erleben.

Sie erlebt diese Zeit des Umbruchs als eine der Verheißungen und Erwartungen, sie spürt "den Sog der Zukunft":

"Ich hatte bis dahin noch niemanden über die Zukunft sprechen hören, außer sie sprachen vom nächsten Tag oder von einem Fest, das sie jedes Jahr besuchten. Aber nicht im Zusammenhang mit einer Zeit, in der alles anders und alles besser sein würde. Genau eine solche Idee fegte damals durch die Dörfer wie ein trockener heißer Wind und riss jeden mit sich fort. Sie riss auch meinen Sohn mit sich fort."

Die Erzählerin lässt sich nicht so leicht beeindrucken. Die Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit scheint ihr ebenso seltsam wie unnötig. Die Männer, so ihr Eindruck, haben schon genug getrunken. Doch die Erweckung des Lazarus ist ein Ereignis, das alles verändert. Dessen Schwester bemerkt ihre Zweifel und sagt:

"Zweifle nicht daran, dass er gestorben ist. Und dass er vier Tage lang begraben war. Zweifle nicht daran. Und jetzt ist er am Leben. Niemand, nicht einer von uns, weiß, was als Nächstes geschehen wird. Es ist von einem Aufstand gegen die Römer die Rede, oder einem Aufstand gegen die Lehrer. Aber es besteht auch die Möglichkeit, heißt es, dass es gar keinen Aufstand geben wird, oder aber dass es einen gegen alles geben wird, was wir bis dahin kannten, einschließlich des Todes."

Blasphemische Absichten liegen Tóibín fern. Indem er die Vorgänge aus der Perspektive einer Augenzeugin schildert, nimmt er sie ernst. Nun darf man diese Erzählungen nicht als Tatsachenberichte missverstehen. Die Evangelisten waren nicht dabei. Erst viel später schrieben sie auf, was sie aus verschiedenen Quellen gehört hatten. Sie wollten keine Fakten dokumentieren, sondern ihre heilsgeschichtliche Theologie begründen.

Es wäre ebenfalls ein Missverständnis, die Wundergeschichten bloß als symbolische Ausschmückungen zu lesen. Die geläufige Unterscheidung zwischen Ereignis und Bedeutung haben die Evangelisten nicht gemacht. Die Bedeutung war für sie das Ereignis. Sie verkünden eine Wahrheit, die dem Wahrheitsbegriff der Literatur durchaus ähnlich ist. Die Wahrheit literarischer Texte beruht nicht darauf, dass sie von überprüfbaren Ereignissen handeln, sondern darin, dass sie es uns erlauben, das, was der Mensch ist oder sein könnte, neu und in einem tieferen Sinn zu verstehen.

Genau das leistet Tóibín. Seine Schilderung der Kreuzigungszene, beobachtet und erlitten von Maria, ist erschütternd. Man sieht das Böse am Werk. Und man versteht ihren zornigen Ausbruch am Ende. Bei einem Besuch zweier Jünger sagt sie:

"Ich war dort. Ich floh, bevor es vorbei war, aber wenn ihr Zeugen braucht, dann bin ich eine Zeugin, und wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert."

Ja, das ist häretisch und dürfte weder Victor Fernández noch den Mariologen gefallen. Doch Häresien sind der Literatur nicht fremd, und diese regt zum Nachdenken an.

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