Kein Skandal ist größer als der Mord ohne Grund. Wann immer uns die Nachricht mörderischer Anschläge erreicht, fragen wir zuallererst nach dem Grund, nach dem Motiv – als ob die begriffene Untat geringeres Gewicht hätte als die unerklärte und unerklärliche. Dabei liegt es auf der Hand, dass die Toten, welche die Tat zurückließ, in jedem Fall tot bleiben.
Dennoch ist die Suche nach der Ursache unausweichlich. Der Rechtsstaat muss das Motiv der Tat herausfinden, weil sich das Strafmaß danach richtet. Es ist ein Unterschied, ob ich jemanden in Notwehr töte, aus Geldgier oder im Suff. Auch die Gesellschaft hat ein Interesse daran, die Ursache des Verbrechens zu kennen. Nur so lässt es sich bekämpfen.
Aber wenn es den grundlosen Mord wirklich gibt, also das Urverbrechen aus nichtigem Anlass, dann ist die Rationalität unseres Zusammenlebens weniger stabil, als wir zu denken geneigt sind. Natürlich gelten die Gesetze der Kausalität für jede Tat, also auch für die Gewalttat. Insofern gibt es, logisch gesprochen, den grundlosen Mord nicht. Aber es gibt Gründe, die wir nicht ertragen, die wir als Gründe nicht akzeptieren.
Die Gewalt steht am Anfang
Mit dem Mord ohne hinreichenden Grund beginnt, wie die Genesis uns erzählt, die Geschichte der Menschen. Begründet die Tatsache, dass Gott das Opfer Abels wohlgefällig anschaut, das Opfer Kains hingegen nicht, wirklich den Brudermord? Der Religionsphilosoph Martin Buber schreibt dazu: "Kein Motiv reicht zu, auch nicht das der Eifersucht, um das Ungeheure zu erklären. Man muss bedenken, dass es der erste Mord ist: Kain weiß noch nicht, dass es das gibt, er weiß nicht, dass man morden kann. Nicht ein Motiv entscheidet, sondern ein Anlass." Das heißt: Die Gewalt steht am Anfang, sie ist ursprünglich.
Die Erzählung "Der Fremde" von Albert Camus (1942) schildert der Mord ohne Grund. Nicht umsonst zählt sie zu den berühmtesten Texten der Weltliteratur. Die Szene spielt an einem nordafrikanischen Strand. Dort sieht der Erzähler aus einiger Entfernung einen Araber und erkennt in ihm einen der beiden Männer, mit denen es kurz zuvor eine Schlägerei gegeben hatte. Ein Bekannter des Erzählers hatte sie angezettelt. Der Erzähler aber, den die Ursache des Streits nicht sonderlich interessierte, war untätig dabeigestanden, obwohl ihm der Bekannte einen Revolver in die Hand gedrückt hatte.
In der folgenden Szene nun geht der Erzähler nicht, wie er eigentlich vorhat, unauffällig seines Wegs, sondern er bewegt sich auf den einsam im Schatten eines Felsens ruhenden Mann zu.
"Ich wusste, dass das dumm war, dass ich die Sonne nicht los würde, wenn ich einen Schritt weiter ginge. Aber ich tat einen Schritt, einen einzigen Schritt nach vorn. Und diesmal zog der Araber, ohne aufzustehen, sein Messer und ließ es in der Sonne funkeln. Licht sprang aus dem Stahl, und es war wie eine lange, funkelnde Klinge, die mich an der Stirn traf. Da geriet alles ins Wanken. Vom Meer kam ein starker, glühender Hauch. Mir war, als öffnete sich der Himmel in seiner ganzen Weite, um Feuer regnen zu lassen. Ich war ganz und gar angespannt, und meine Hand umkrallte den Revolver. Der Hahn löste sich, und mit einem harten, betäubenden Krachen nahm alles seinen Anfang."
Wir sehen hier die teuflische Imitation des paradiesischen Augenblicks. Wir sehen die Zeichen der Offenbarung: das Licht, den geöffneten Himmel – gerade so, als ob Gott sich zeigen und das Heilsgeschehen seinen Anfang nehmen wollte. Doch das Gegenteil geschieht: "Dann schoss ich noch viermal auf den leblosen Körper, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es sah. Und es waren gleichsam vier kurze Schläge an das Tor des Unheils."
Obwohl die Erzählung ansonsten von einer sachlich nüchternen Sprache bestimmt ist, verwendet Camus in diesem Augenblick eine geradezu pathetische Metapher: "Tor des Unheils". Später, als man den Erzähler vor Gericht stellt, wird einer der Zeugen sagen, es sei nichts anderes als "ein Unglück" gewesen, was für den Staatsanwalt nur eine Ausrede darstellt. Und als der Erzähler nach dem Grund der Schüsse gefragt wird, sagt er, die Sonne sei die Ursache gewesen, worauf sich im Saal Gelächter erhebt.
Ausnahmezustand
Jugendliche Gewalttäter berichten zuweilen von einem Offenbarungserlebnis. Auf dem Gipfel der Untat geraten sie in einen berauschenden Ausnahmezustand, den sie um jeden Preis verlängern wollen. Das erklärt die hingebungsvolle Grausamkeit, mit der manche Opfer zu Tode gequält werden. So wie der Erzähler bei Camus davon berichtet, der erste und tödliche Schuss habe ihm nicht genügt, sondern er habe vier weitere abgeben müssen. Welch scheinbaren oder wirklichen Grund auch immer eine Mordtat haben mag: Im Augenblick der Wiederholung ist er aufgehoben, die Gewalt wird zum Selbstzweck.
Camus war kein gläubiger Christ, und doch hat ihn die Frage nach Schuld und Erlösung intensiv beschäftigt. Im Vorwort zu einer amerikanischen Ausgabe der Erzählung schrieb er: "Ich habe versucht, in meiner Figur den einzigen Christus darzustellen, den wir verdienen."