Meine Kinder haben kürzlich etwas Ungewöhnliches gemacht. Sie haben einer Baby-Jesus-Figur den Fuß geküsst. Diese wurde beim Kindersegen nach der Christmette ungefragt vom Priester einem Kind nach dem anderen zur Verehrung gereicht. Ich war ein bisschen überrascht, dass sie sofort andächtig nachahmten, was ihre Vorgänger ihnen vormachten. Sie sind sonst bei so etwas eher schüchtern. Neben Corona-geschädigten Gedanken (Hygiene!) hat mich dieses plastische Begegnen des Heilands an jemanden denken lassen.
An einen, der um solche Effekte besonders wusste. Ein römischer Heiliger aus dem 19. Jahrhundert: Vinzenz Pallotti. Je nachdem, ob man mit seinen Nachfolgern – den Pallottinern – schon mal in Kontakt kam, ist er ein Begriff oder auch nicht. Jeder hat so seine Lieblingsheiligen, mir ist Pallotti besonders wichtig. Er war ein sehr ungewöhnlicher, charismatischer Priester, der auf die Privilegien seines Standes wenig gab und überzeugt war, dass alle (auch Laien, ja auch Frauen!) berufen sind.
Er arbeitete mit ihnen zusammen und gründete eine Gemeinschaft, ein "Laienapostolat". Das war damals revolutionär. Seine Ideen wurden erst sehr viel später anerkannt. 1963 wurde er heiliggesprochen. Die Zeit, in der er lebte, war turbulent. Revolutionen und soziale Umbrüche brachten Armut und Not. Pallotti sah junge Menschen in den Straßen herumlungern, die von der Hoffnung des christlichen Glaubens wenig Ahnung hatten. Er sprach sie an, startete Glaubenskurse und half mit seiner Gemeinschaft, wo er konnte.
Pallotti war es wichtig, die "Erscheinung des Herrn" ganz besonders zu feiern, weil Jesus sich hier den Sterndeutern und damit allen Völkern als göttliches Kind offenbart hat. Als ein Gott, der für uns Mensch geworden ist und uns Gutes will. Pointe: Nicht nur für manche, sondern für alle.
Warum musste ich bei der Verehrung des Baby-Heiland an ihn denken?
Würden wir zu seiner Zeit leben, wären wir jetzt mitten in einem besonderen Event, das sich über acht Tage erstreckte. Der Oktav des Festes "Erscheinung des Herrn", auch als "Epiphanie" oder einfach als Fest der Heiligen Drei Könige bekannt. Pallotti war es wichtig, die "Erscheinung des Herrn" ganz besonders zu feiern, weil Jesus sich hier den Sterndeutern und damit allen Völkern als göttliches Kind offenbart hat. Als ein Gott, der für uns Mensch geworden ist und uns Gutes will. Pointe: Nicht nur für manche, sondern für alle. Kein auserwähltes Volk, jeder ist gemeint. Für Vinzenz Pallotti "eines der strahlendsten Geheimnisse unseres Glaubens".
Das wollte er dann auch mit Strahlkraft feiern. Seine Idee, mit verschiedenen Riten, großer Inszenierung (er ließ eine überlebensgroße Krippe fertigen) und berühmten Predigern (sogar der Papst war dabei) über die acht Tage dieses Fest zu feiern, schlug ein. Am Ende füllte er die große römische Kirche Sant'Andrea della Valle. Und: Den Besuchern drückte er eben auch eine lebensgroße Baby-Jesus-Statue in die Hand, um sie das Unglaubliche anfassen zu lassen.
Die Spuren finden sich bis heute: Pallottis Jesus ist in seiner Grabeskirche zu sehen und seine Krippenfiguren standen bis vor ein paar Jahrzehnten zur Weihnachtszeit auf dem Petersplatz. Von 1836 bis 1969 (Ausnahme war das Revolutionsjahr 1849) feierten die Pallottiner diese Epiphanieoktav in dieser Form. "Ein Event, nicht um des Events willen. Pallotti nutzte es als Brücke, die Herzen zu erreichen, neues Interesse am Glauben zu wecken, Kirche zu verlebendigen", sagte der in Deutschland bekannte Pallottiner-Pater Alexander Holzbach einmal.
So ein strahlendes Bekenntnis, so eine Freude an der Hoffnung des Glaubens, am Reichtum und an der Schönheit der Tradition – würde das nicht heute auch anziehen? Meine Kinder waren von der kleinen Geste schon fasziniert, auch wenn sie noch nicht alles verstehen. Doch wer tut das schon?