Das Kreuz ist nichts für Kinder?Warum die Karwoche die beste Zeit ist, um den Glauben weiterzugeben

Zeichen sind eindrücklicher als Worte. In den Kartagen und am Osterfest zeigt die Liturgie, was für ein großes Ereignis Christen hier feiern. Das ist auch für die Kleinsten interessant.

Alina Oehler
© Carsten Schütz

Wenn ich die Kinderbibel auspacke, möchte mein Vierjähriger vor allem eine Geschichte hören: ausgerechnet die Kreuzigung. Für ein Kindergartenkind viel zu heftig, dachte ich mir und druckste lang herum. Spätestens jetzt in der Karwoche ist das vorbei. Dass ausgerechnet die Leidensgeschichte Jesu so faszinierend ist, liegt vielleicht auch am Gruselfaktor. Das Kruzifix, eine der grausamsten Folter- und Hinrichtungsmethoden der Römer, ist eigentlich eine Zumutung mitten in der guten Stube. Dass Jesu Leiden und Sterben daran ein Zeichen der Hoffnung ist, ja ein Sterben für unsere Sünden war – der Weg bis dahin ist weit, heute sowieso. Mittlerweile gibt es "Auferstehungskreuze", bei denen kein Leichnam mehr abgebildet ist, sondern nur Umrisse, die die Himmelfahrt schon vorwegnehmen sollen. Manchen ist der Klassiker zu leidensfixiert.

Meinen Sohn würde das nicht überzeugen. Kinder reden nicht gern drumherum, sie wollen zum Kern der Sache und fragen knallhart – zum Beispiel, wann eigentlich alle Gräber genau aufgehen und ob wir dann alle im Himmel auftauchen oder bei Jesus in Jerusalem?

Eindrückliche Liturgie

Die Karwoche ist die wichtigste im Jahr, wenn es darum geht, den Glauben weiterzugeben. Gerade in der Kirche. In der Liturgie sind über die Jahrhunderte hinweg Symbolhandlungen entstanden, die unglaublich eindrücklich sind. Auch für Kinder. Mit dem Palmsonntag fängt es an. Für die Prozession kann man kleine Palmbüschel zusammenbinden oder ganze Palmen gestalten, zur Messe mitnehmen und daheim dann ans Kreuz im eigenen Zimmer heften oder an die Wand hängen. Einmal sind wir in einer ländlichen Gegend gar einer lebensgroßen Jesus-Statue auf Holz-Esel gefolgt. Die Kinder erzählen heute noch davon. Dass die Geschichten der Bibel von Erwachsenen nachgespielt werden und so vielen wichtig sind, verleiht ihnen auch in Kinderaugen Gewicht.

Am stärksten wirkt der Kreuzweg und die Karfreitagsliturgie. Manchmal bieten engagierte Seelsorger eine Extra-Feier für die Kleinsten an. Mit Kreuzesverehrung, bei der die Kinder Blumen nach vorne bringen und auf einem großen Holzkreuz ablegen. Am Ende ergibt das ein Blumenmeer, das auch spätere Besucher anrührt.

An diesen Tagen spüre ich das Interesse meiner Kleinkinder am meisten.

Und wenn in der Osternacht der Pfarrsaal zu früherer Stunde komplett abgedunkelt wird und  die große Osterkerze den Raum erhellt, schweigen sogar sonst so quasselige Kindergartenkinder. Selbst gebastelte Osterkerzen können an diesem Licht angezündet werden, ganz Ambitionierte nehmen es in einer Laterne mit nach Hause. Über einen Beamer wird die Auferstehung Jesu dazu bildhaft gezeigt.

An diesen Tagen spüre ich das Interesse meiner Kleinkinder am meisten. Auch wer sonst vielleicht eher hadert, jeden Sonntag mit den Kids in die Kirche zu gehen (ich weiß, wovon ich spreche): Vor allem an den Kartagen lohnt es sich besonders. Es sind wirkliche Eindrücke, die bleiben und nahebringen, was Worte allein nicht ausdrücken können. Kinder, die ohnehin gern Märchen lauschen, staunen, weil das alles "in echt" passiert ist. Wenn man als Erwachsener darüber nachdenkt, ist es tatsächlich ziemlich krass, darauf zu antworten: "Ja! Ich glaube das." Ihnen dabei das Kreuz zu ersparen, wäre gut gemeint, aber fatal – denn irgendwo verstehen sie vielleicht: Gott ist auch im Leid, er ist nicht daran vorbeigegangen und am Ende hat er den Tod besiegt. Die Hoffnung, sie lebt dann auch in kleinen Herzen.

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