Kein AccessoireNa endlich: Vatikan-Dokument fordert mehr Einfluss für Frauen

Papst Franziskus hatte im Rahmen der Bischofssynode 2024 eine Studiengruppe zur Rolle der Frau eingerichtet. Jetzt wurde der Abschlussbericht veröffentlicht. Auch wenn hierzulande manche enttäuscht sind: Das Papier hat Sprengkraft.

Alina Oehler
© Carsten Schütz

Vor allem den Frauen hat Papst Franziskus ein wirkmächtiges Erbe hinterlassen, wenn man daran denn anknüpfen mag. Vor ein paar Tagen wurde der mit Spannung erwartete "finale Report" seiner Studiengruppe zur Frauenfrage veröffentlicht. Eingesetzt hatte sie der argentinische Pontifex im Rahmen der letzten Bischofssynode 2024 als eine von zehn Gruppen, die nach Vorlage des Schlussberichts aufgelöst wird.

Den Bericht nimmt der katholische Frauenverband kfd zum Anlass, einmal mehr die Zulassung zur Weihe zu fordern. Auch Irme Stetter-Karp, die Vorsitzende des ZDK, vermisste erwartbar Schlussfolgerungen in diese Richtung. Doch wenn hinter der aktuell unerfüllbaren Maximalforderung (Frauenweihe) jeder noch so kleine Schritt zu verblassen droht, übersieht man, was Franziskus bereits bewegt hat.

Im Bericht wird das ausführlich geschildert. Unter ihm hatten Frauen erstmals Stimmrecht bei einer Bischofssynode, er wusch ihnen am Gründonnerstag die Füße, sorgte für die offizielle Anerkennung als Lektorin und Akolythin, schätzte sie als Katechetinnen – und er machte in seinem konkreten Umfeld ernst. Zahlreiche Frauen wurden von ihm im Vatikan auf Führungspositionen berufen, bis hin zur ersten weiblichen Regierungschefin: Schwester Raffaella Petrini ist seit März 2025 Präsidentin des Governatorats der Vatikanstadt. Das war eine kleine Sensation.

"Genius der Frau"?

Immer wieder kritisierte Franziskus einen Klerikalismus, der gerade Frauen verdrängt. Vielleicht ist all das wegen seines sonst teils machohaften Redens über Frauen nicht immer gesehen und ernst genommen worden. Die von ihm idealisierten argentinischen Großmütter wirkten doch etwas befremdlich. Genauso wenn er gleichzeitig vom "Genius der Frau" sprach, von den spezifischen Vorteilen des weiblichen Geschlechts, die man allerdings in einer "Theologie der Frau" erst noch genauer studieren müsse, klang das verdächtig nach einer Verzögerungstaktik und einer merkwürdigen Distanz einem "anderen Wesen" (Theresa Heimerl) gegenüber. Damit stand er theologisch in Tradition zu seinen Vorgängern Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Gehandelt hat Franziskus trotzdem.

Die Studiengruppe Nummer 5 zur "Teilhabe von Frauen im Leben und der Führung in der Kirche" findet in ihrem Abschlusspapier jedenfalls deutliche Worte: Die Frauenfrage wird in Anlehnung an das Zweite Vatikanische Konzil als ein "Zeichen der Zeit" benannt. Schmerzlich wird aufgezählt, wie Frauen sich in der Kirche zunehmend nicht mehr beheimatet fühlen und diese verlassen, weil der Kontrast zur Gesellschaft und den Freiheiten und der Anerkennung, die sie dort erleben, zu groß geworden ist. Wurde man – gerade in Rom – in der Vergangenheit gern darauf verwiesen, dass all das vor allem ein Problem der westlichen Welt sei, räumt der Bericht damit auf und sieht das Phänomen "no longer limited to the Western World alone".

Den Frauen wird weiter ein Recht (!) auf mehr Teilhabe zugesprochen, das ihnen durch die Taufe und als "Trägerin von Charismen" zusteht. Darüber hinaus wird an zahlreiche Beispiele aus der Heiligen Schrift und der Kirchengeschichte erinnert, in denen Frauen hochgeschätzt wurden und teils Autorität ausgeübt haben.

Der Historiker Huber Wolf hat den Fall der mächtigen Äbtissinnen der spanischen Abtei Las Huelgas bekannt gemacht, die mitunter auch über Priester bestimmten und quasi-episkopale Vollmachten innehatten. Damals unterschied das Kirchenrecht zwischen der potestas ordinis, der Weihevollmacht, und der potestas iurisdictionis, der Leitungsvollmacht. Letztere konnte man auch ohne Weihe erhalten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dann die leitende Bischofsfunktion eng an die Weihe geknüpft und so etwas schien nicht mehr möglich.

Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Beispiele aus anderen Ländern erstaunen – wer weiß hierzulande, dass in Frankreich, Belgien oder der Schweiz Frauen längst als "Déléguée générale", also "Generaldeligierte", hochrangige Posten innehaben? Auch wird aufgezeigt, was pastoral in Gebieten wie Lateinamerika schon möglich ist, in denen Priester fehlen und wo Laien und damit auch Frauen ganze Gemeinden überhaupt am Leben halten.

Die Erfahrungen der römischen Kurie mit dem durch Franziskus stark gestiegenen Anteil an weiblichen Angestellten werden ebenso reflektiert und als sehr positiv "für die ganze Kirche" herausgestellt. 2013 waren 19,3 Prozent der Angestellten weiblich, 2023 schon 26,1 Prozent. Eine "Theologie der Frau" brauchte es dafür bisher offensichtlich nicht.

Plädoyer für einen Mentalitätswandel

Legt man die mainstream-deutsche Enttäuschung einmal ab, dass Frauen aktuell als "nicht weihefähig" (Christiane Florin) verstanden werden, kann man im Dokument der Studiengruppe ein Plädoyer für einen Mentalitätswandel finden, der mit Franziskus begonnen hat. Der Begriff "Veränderung" taucht im Dokument zigmal auf, die Notwendigkeit, über neue Ämter oder Einflussmöglichkeiten für Frauen auch außerhalb des Vatikans nachzudenken, wird mehrfach betont. Nebenbei bemerkt dürfte das auch für nicht geweihte Männer interessant sein.

Der Abschlussbericht zeigt eine Fülle an Möglichkeiten auf, Frauen Einfluss zu geben und sie damit so ernst zu nehmen, wie der Gründer dieser Kirche, Jesus, es entgegen dem damaligen Zeitgeist tat.

Würde die Kirche ernst machen, könnte beispielsweise jeder Bischof doch problemlos und kurzfristig eine persönliche Referentin und Beraterin an seine Seite holen, die ihn gerade bei öffentlichen Auftritten sichtbar begleitet und bei der Verkündigung unterstützt. Warum nicht eine Ordensfrau, die sichtbar macht, dass sich nicht nur Männer mit ihrem ganzen Leben diesem Jesus verschrieben haben? Man muss ergänzen: Natürlich gibt es auch in Deutschland seit Jahren "Frauenförderpläne" und viele Frauen in einflussreichen Posten der Ordinariate – aber, und auch dieser Vorwurf ist nicht neu, man sieht sie in der öffentlichen Wahrnehmung einfach nicht.  

Dass eine Quote auch helfen könnte, wird im Bericht ebenso genannt. Vielleicht wäre das eine Medizin gegen die "Kultur des Machismo", die Franziskus immer wieder angeprangert hat und die Frauen weiter ausschließen möchte.

Leo XIV. beteuert, dass er die Spuren von Franziskus weiterverfolgen möchte, und hat das teilweise auch getan, indem er bereits zwei Ordensfrauen zu Beraterinnen für das Dikasterium für den Klerus ernannt hat und mit Cristiana Perrella erstmals eine Frau an die Spitze der päpstlichen Kunstakademie im Pantheon berufen hat

Der Abschlussbericht der Frauen-Gruppe soll nun Grundlage für weitere synodale Prozesse sein. Eine reine Handlungsanweisung ist er nicht. Es finden sich neben den genannten Impulsen auch Streitlinien wieder, die die kirchliche Debatte an vielen Orten prägen. Da wäre zum Beispiel die Frage, ob Frauen qua Geschlecht nun besondere Gaben haben oder wie sinnvoll die Unterscheidung zwischen "petrinischem" und "marianischem Prinzip" ist. Darüber sind sich die Autoren nicht einig. Dafür aber darüber, dass es gerecht und unabdingbar ist, mehr Frauen in kirchliche Führungspositionen zu bringen, und zwar nicht nur als "Accessoire", sondern auch mit konkreten Machtbefugnissen. Das darf als dringender Auftrag verstanden werden. Ob sie nun einen besonderen "Genius" haben, oder nicht.

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