Wenn öffentliche Empörung schnell sehr laut wird, lohnt es sich, den Regler runterzustellen und genau hinzuschauen. So auch bei der vom Wirtschaftsflügel der CDU losgetretenen Teilzeit-Debatte, die seit Tagen die Kommentarspalten und Talkshows des Landes füllt. Dabei geht es zunächst eigentlich nur um einen Antrag, der auf dem nächsten Parteitag abgestimmt werden soll.
Was aufkam, ist die Angst, dass den Deutschen gerade das Recht auf Teilzeit genommen werden soll. Auch katholische Verbände wie die kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) reagierten empört und sahen die Lebensrealität von Frauen diskreditiert, die besonders häufig wegen Betreuung oder Pflege in Teilzeit arbeiten. Doch um die geht es dem Antrag nach ja gar nicht, stattdessen um "anlasslose Teilzeit"– also Teilzeit, die ohne gerechtfertigte Gründe wie Kinderbetreuung oder Pflege genommen wird.
Von CDU-Politikerin Gitta Connemann wird das auch etwas despektierlich "Lifestyle-Teilzeit" genannt. Eine solche können Arbeitnehmer in Deutschland aktuell recht unkompliziert beantragen. Private Begründungen braucht es dafür nicht.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz sieht das kritisch und wird jetzt einmal mehr als lebensfern und arrogant dargestellt, weil er den Falschen vorwerfe, faul zu sein. Tatsächlich hätte man hier vonseiten der CDU erneut besser differenzieren können, um kein populistisch anmutendes Pauschalurteil zu fällen.
Berechtigte Punkte
Doch sollte es nicht tatsächlich aufhorchen lassen, dass laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Teilzeitquote derzeit bei über 40 Prozent liegt? Laut dem Papier des Wirtschaftsflügels der CDU ist jede vierte Teilzeitstelle nicht aus privater Not gewählt. Gerade angesichts des vielfach herrschenden Fachkräftemangels wird das kritisch gesehen. Außerdem zahle, wer Teilzeit arbeitet, weniger in die Sozialsysteme ein – was der Staat in Teilen kompensiert und zum Beispiel bei der Rente aufstockt. Das sei unfair und könnte den Anreiz schmälern, in Vollzeit zu arbeiten.
Ich finde die Punkte berechtigt und die Frage, wie es um die Arbeitsmoral der Deutschen derzeit steht, auch darüber hinaus interessant. Wären wir in der Lage, für ein Wirtschaftswunder zu sorgen, wie es die Großeltern meiner Generation in den Fünfzigerjahren taten?
Ich bin ein Kind der Neunziger und aufgewachsen, als die Mauer längst Geschichte war. Das Lebensgefühl war geprägt von innerer Sicherheit, einem im Großen und Ganzen funktionierenden Sozialstaat und Großeltern mit sicheren Renten. Es wurden unbeschwert Fußball-Sommermärchen gefeiert und die Einheit Europas war selbstverständlich. Nach Kanzler Schröders Agenda 2010 kam Angela Merkel, die uns 16 Jahre lang im Mutti-Modus beruhigte.
Bei vielen ist da noch dieses Bild vom sicheren, bequemen Nest vergangener Tage – und das Gefühl, dass uns gewisse Leistungen einfach zustehen.
Heute haben wir eine Pandemie durchlitten, hören jeden Tag von russischen Angriffen auf Europa und versuchen, den massiven demografischen Wandel und die ungewisse Zukunft eines hoch verschuldeten Staates, der gerade eine Rezession erlebt, zu verdrängen.
Trotzdem ist da bei vielen noch dieses Bild vom sicheren, bequemen Nest vergangener Tage – und das Gefühl, dass uns gewisse Leistungen einfach zustehen. Das wird auch bei der viel beschriebenen Generation Z (Jahrgänge 1995 bis 2010) immer wieder benannt, deren Vertreter bei Bewerbungsgesprächen gern erst einmal nach den Benefits für die Work-Life-Balance fragen.
Dass ein Kanzler in diese Situation Signale sendet, die sagen: Zeit, die Ärmel hochzukrempeln, der Wohlstand ist nicht garantiert, finde ich nicht falsch.
Wenn jemand hier mehr arbeiten könnte und es nicht tut, ohne einen gewichtigen Grund zu nennen, weil er vielleicht mehr Freizeit haben möchte, darf man das kritisch sehen.
Ein Sozialstaat baut auf Ehrlichkeit und den Fleiß seiner Bevölkerung. Wenn jemand hier mehr arbeiten könnte und es nicht tut, ohne einen gewichtigen Grund zu nennen, weil er vielleicht mehr Freizeit haben möchte, darf man das kritisch sehen. Gerade wenn die Wirtschaft so extrem schwächelt, wie im Moment?
Auch die Kirche beschäftigt sich in ihrer Sozialethik mit solchen Fragen. Johannes Paul II. hat beispielsweise 1981 in seiner Enzyklika "Laborem exercens" davon geschrieben, dass Arbeit etwas ist, was zum Menschsein gehört, in der er sich verwirklicht, ja "mehr Mensch" wird. Der Fleiß sei daher eine Tugend, denn diese sei "als moralische Haltung das, wodurch der Mensch gut wird". Natürlich sprach er auch von der Sorge, dass Arbeit gegen Menschen verwendet werden kann und sie dann in ihrer Würde "herabsetze". Franziskus war hier pointierter als er in "Evangelii Gaudium" den oft zitierten Satz schrieb: "Diese Wirtschaft tötet."
Es ist wichtig, dass Institutionen wie die Kirche vor Ausbeutung und Gefahren des Kapitalismus warnen und dabei gerade Familien in den Blick nehmen. Doch unbegründete Teilzeit in diesen Tagen zumindest einmal anzusprechen, darf daran erinnern, dass Wohlstand kein Naturzustand ist, der uns einfach zusteht und für immer so bleibt.