Kaum ein Fach ist so facettenreich wie die katholische Theologie. Und doch steckt sie an deutschen Universitäten massiv in der Krise, während kirchliche Hochschulen teils mehr Zuwachs verzeichnen. Das hat auch mit einer kirchenfeindlichen Atmosphäre in manchen Hörsälen zu tun.

Als ich einmal irgendwo im Nirgendwo in einer Wüste Israels stand und mit anderen Studenten die Überreste einer alttestamentlichen Opferungsstätte bestaunte, da dachte ich mir: Ich kann mir wirklich kein schöneres Studienfach vorstellen als katholische Theologie. Dabei wollte ich auf dem Weg zur Journalistin eigentlich vor allem Politikwissenschaften studieren und brauchte halt noch ein zweites Fach. Philosophie sollte es werden, doch jemand riet mir, dass man bei der Theologie noch viel mehr Allgemeinbildung on top bekommt. Schnell merkte ich: Das stimmt tatsächlich! Über Archäologie, alte Sprachen, Geschichtswissenschaften, natürlich Ethik und bis in die Rechtswissenschaft hinein wird man dort extrem vielfältig intellektuell gefordert und ausgebildet.

Heute ist das Fach im Niedergang. Vor kurzem machte die Meldung die Runde, dass an den staatlichen Fakultäten die Zahl der angehenden Volltheologen um mehr als die Hälfte gesunken ist. Das passt einerseits zur Kirchenkrise. Spannend ist aber andererseits, dass kirchliche Hochschulen eine leichte Gegenbewegung verzeichnen. Der Rückgang ist dort geringer und die Zahlen steigen teilweise sogar. So an der Hochschule der Pallottiner in Vallendar (von 53 auf 60), aber auch an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (von 46 auf 82). Tausende Studierende wie früher sind das auch nicht – trotzdem habe ich eine Idee, warum man für Theologie derzeit vielleicht lieber dorthin geht, als an eine staatliche Universität.

Gefragt: Selbstbewusstsein in Zeit der Glaubenskrise

Viele Lehrämtler und Vollstudenten haben sich für das Studium entschieden, um ihren Glauben besser zu verstehen, ihn zu vertiefen und später vielleicht einen kirchlichen Beruf zu ergreifen. Gerade in einer Zeit der Glaubenskrise braucht es dafür viel Selbstbewusstsein. Doch statt zur Apologetik ausgebildet zu werden, um den derzeit vielen kritischen Anfragen aus der Gesellschaft standhalten zu können, waren viele Vorlesungen ganz anders angelegt. Ja, an den deutschen Unis hatte ich häufig das Gefühl, dass sich manche Lehrende statt als Erklärer der Kirche, ihrer Geschichte und ihrer Lehren, vor allem als kritisches, aufklärerisches Gegenüber verstanden, die einem den Glauben eher madig machten.

Wenn die kritisch-konstruktive Haltung zu stark wird, kann sie in die Selbstverachtung kippen. Das habe ich erlebt. Während meiner Studienzeit war das Wording vieler Professorinnen und Professoren stark emotional aufgeladen, mit einer ordentlichen Wut gegen Rom, weil die gewünschten Reformen in den vergangenen Jahrzehnten ausgeblieben sind. 

Natürlich: Theologie darf nicht nur Selbstvergewisserung sein, zu ihr als Wissenschaft gehört selbstredend die Selbstkritik. Es ist ihr Job, die Kirche kritisch zu begleiten, wie die Sozialwissenschaften die Gesellschaft unter die Lupe nehmen. Doch die Theologie hat andererseits mit Studiengängen wie Jura oder Medizin gemein, dass es bei ihr auch um eine gewisse Grundsympathie für das eigene System und Anwendungswissen geht, das man für spätere Berufe, wie eben den des Seelsorgers oder Religionslehrers, braucht.

Wenn die kritisch-konstruktive Haltung zu stark wird, kann sie in die Selbstverachtung kippen. Das habe ich erlebt. Während meiner Studienzeit war das Wording vieler Professorinnen und Professoren stark emotional aufgeladen, mit einer ordentlichen Wut gegen Rom, weil die gewünschten Reformen in den vergangenen Jahrzehnten ausgeblieben sind. Einmal brach ein älterer Dozent bei einer Debatte zum Reformstau vor uns beinah in Tränen aus und befand: "Das hält man nicht mehr aus!"

Professionalität leidet unter Polemik

Ich fand das immer etwas schizophren, vor allem wenn Priester als Professoren so auftraten. Als würde ein Metzger sagen: "Ja, unser Produkt hat eine lange Tradition und macht viele Menschen froh, aber eigentlich ist es ein Skandal Tiere zu töten. Ob man das überhaupt darf ist sehr umstritten und Fleisch kann übrigens Krebs auslösen." Das wäre extrem verkaufsfördernd, oder? Wer würde sich da nicht zum Fleisch-Vertreter ausbilden lassen wollen? Auch dürfte das die Frage provozieren, ob der Metzger selbst eigentlich noch sein Produkt konsumiert.

Wer seine Kirche liebt und aus Überzeugung für sie arbeiten möchte, der begibt sich jedenfalls nur ungern in dieses Klima. Dass hier jetzt also einige auf kirchliche Hochschulen ausweichen, das kann ich verstehen.

In diesem Setting stieß man dann nicht selten auf Ablehnung, wenn man als Student den Wunsch äußerte, die Lehre oder Tradition der Kirche zu der einen oder anderen Frage zunächst erläutert zu bekommen, bevor die Kritik daran einsetzt. Das traf häufig insbesondere die Priesteramtskandidaten. Ich fand das bedenklich, gerade auch weil viele Studierende das anscheinend vorausgesetzte Grundwissen offensichtlich nicht (mehr) mitbrachten und es nötig und redlich gewesen wäre, das zunächst genau auszubreiten. Unter der Polemik mancher Lehrender litt deren Professionalität, auch die Polarisierung unter den Studierenden verschärfte sich – was andere Lehrstühle büßen mussten, die einen seriösen Job machen wollten. Denn natürlich gilt das Gesagte nicht für alle.

Wer seine Kirche liebt und aus Überzeugung für sie arbeiten möchte, der begibt sich jedenfalls nur ungern in dieses Klima. Dass hier jetzt also einige auf kirchliche Hochschulen ausweichen, das kann ich verstehen. Ich wechselte dann auch für ein Semester nach Rom und erlebte an verschiedenen kirchlichen Hochschulen ein ganz anderes, wohltuendes Setting. In den Seminaren und Vorlesungen saßen vor allem Kleriker aus Afrika, Asien oder Amerika. Meist war ich als (Nicht-Ordens-)Frau die Ausnahme. Die Atmosphäre war ganz anders. Selbstredend wurde wissenschaftlich gearbeitet und auch kritisch auf die Themen geschaut – aber das Feeling war niemals so, dass man sich hier für einen Beruf in einer Institution vorbereitet, die eigentlich das Letzte ist.

Dankbar - trotz allem

Heute bin ich mit meinem theologischen Abschluss als Anfang 30-Jährige, die damit nicht in der Kirche arbeitet, Exotin. Wenn das Gespräch darauf kommt, warum ich Theologie studiert habe, schwärme ich trotz aller atmosphärischen Schwierigkeiten vom Studium – und erzähle von der Exkursion mit dem Altar in der Wüste, vom Gewinn Texte der Bibel im griechischen Original lesen zu können, von Seelsorge-Tools wie der "Personenzentrierten Gesprächsführung" oder vom Genuss, Schriften von Platon bis Heidegger durchgearbeitet zu haben. Auch wenn ich irgendein Museum besuche, erkenne ich Zusammenhänge, kann Inschriften übersetzen oder deute Allegorien in der Kunst, die sich aus der christlichen Tradition speisen.

Das mit der großen Allgemeinbildung, das stimmt nämlich schon. Mein Glaube fasziniert mich seither noch mehr. Dass über die Jahrhunderte um ihn herum ein so ausgeklügeltes Wissenssystem geschaffen wurde, in dem es immer etwas zu entdecken gibt, das ist unvergleichlich. Es wäre ein Jammer, wenn diese Tradition an den Unis in Deutschland weiter einbricht.

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