Ist im Wahlkampf alles erlaubt – auch die unverhältnismäßige Diffamierung eines Kandidaten?
Beim Thema "Sexismus" ist die Öffentlichkeit sehr empfänglich und derzeit schnell empört. Manuel Hagel, der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, hat vor acht (!) Jahren als damals 29-Jähriger in einem lockeren Talkformat eine unbedachte Bemerkung gemacht. Darüber wird nun seit über einer Woche in allen großen und kleinen Medien diskutiert. Hagel erzählte damals von einem Termin mit überwiegend jungen Frauen um die 16 und machte die – zugegeben – etwas chauvinistische Bemerkung, dass es für einen jungen Abgeordneten "unangenehmere Termine" gäbe. "Unvergesslich" sei Eva gewesen, "braune Haaren" und "rehbraune Augen". Wer aus Baden-Württemberg kommt, der weiß, dass im Small Talk vieles schnell mit "unvergesslich" versehen wird, um es humoristisch-locker hervorzuheben. Synonym verwendet man ebenso weniger stark gemeint: "legendär". So ein unbefangenes, locker-kumpelhaftes Plaudern wollte Hagel simulieren oder er hat sich einfach sicher gefühlt. Er war es nicht.
Jetzt wird ihm vorgeworfen, eine Minderjährige sexualisiert zu haben.
Vieles spricht für eine gezielte Kampagne. Eine Grünen-Politikerin hat kaum zufällig kurz vor einem wichtigen TV-Duell im Vorfeld der Landtagswahlen den Video-Ausschnitt der Talkshow ins Netz gestellt. Spätestens seit der Affäre um Rainer Brüderle im Jahr 2013, als es um einen deutlich schlimmer versemmelten Dirndl-Spruch ging, oder dem Aufschrei #metoo, weiß man, dass das empören und Sympathie kosten wird.
In der öffentlichen Wahrnehmung kommt der widerliche Fall Epstein aus den USA dazu, unter dessen Schatten männlicher Sexismus derzeit emotional besonders stark aufgeladen erscheint. Das öffentliche Urteil ist häufig schon mit dem Vorwurf gefällt. In diesem Klima ein unvorsichtiges Kompliment machen? Besser nicht. Mann kann eigentlich nur verlieren.
Doch wenn man nüchtern nachdenkt, ist dieser ja eigentlich frauenfreundlich gemeinte Reflex bedenklich. Er verharmlost wirklichen Sexismus. Dieser reduziert Frauen oder Männer so auf ihren Körper, dass sie dadurch geringschätzt oder benachteiligt werden. Er ist eine verdammt große Ungerechtigkeit, die bekämpft und aufgedeckt gehört. Doch das war bei Manuel Hagel wohl kaum der Fall. Ebenso wichtig, wie echten Sexismus aufzudecken, ist es, Maß zu halten, was die öffentliche Verurteilung (gerade junger) Menschen angeht.
Es droht noch mehr Roboter-Sprech
Und ist es nicht peinlich, wie die Medienlandschaft ohne Zögern über das Stöckchen springt, das ihr die Grünen hinhalten? Mehrere Millionen Aufrufe hat das Hagel-Video mittlerweile, in den sozialen Medien ist es geradezu explodiert. Das Signal an öffentliche Personen ist einmal mehr, dass eine unbedachte Äußerung, die politisch nicht zu 100 Prozent korrekt ist, reichen kann, um vernichtet oder zumindest beschämt zu werden. Das führt wohl zu noch mehr Roboter-Sprech bei Politikern. Auch im Privaten ist der Diskurs zunehmend gehemmt. Der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio beklagte neulich in einem Podcast, dass wir einen "moralischen Überschuss" beobachten könnten, der dazu führt, "dass Leute meinen, sie könnten nicht mehr ihre Meinung sagen."
Man könnte die Empörung verstehen, wenn Hagel in seinem politischen Handeln an irgendeiner Stelle deutlich gemacht hätte, dass er Männer für überlegen hält. Oder wenn er die Schülerin tatsächlich angebaggert und seine Machtposition ausgenutzt hätte.
Manuel Hagel hat als junger Mann unter 30, der zudem liiert war, wohl einfach ehrlich gesagt, was er in dem Moment dachte. Mädchen im Alter der fraglichen Schülerin nahmen im Übrigen früher massenhaft an beliebten Model-Castings wie "Germanys Next Topmodel" teil, es sind keine Kleinkinder. Eine Boulevardzeitung hat wohl die Eva von damals ausfindig gemacht, sie erinnert sich nicht an den Vorfall.
Man könnte die Empörung verstehen, wenn Hagel in seinem politischen Handeln an irgendeiner Stelle deutlich gemacht hätte, dass er Männer für überlegen hält. Oder wenn er die Schülerin tatsächlich angebaggert und seine Machtposition ausgenutzt hätte. Das wäre Sexismus. So war das lediglich ein unglücklich formulierter Satz eines augenscheinlich normalen jungen Mannes.
Dass dieser acht Jahre später für eine solche Lappalie büßen und nun als Sexist gelten soll, ist lächerlich. Den Gefallen sollte man den Spin-Doktoren nicht tun, die damit echte wahlkampfrelevante Themen vom Tablett verdrängen und wirkliche Opfer von Sexismus geradezu verhöhnen.