MartyriumZum aktuellen Heft von COMMUNIO

Angesichts neuer Gewalt- und Verfolgungserfahrungen stellt sich die Frage nach der Bedeutung des Martyriums neu: zwischen Glaubenszeugnis und Missbrauch, Blutzeugnis und unblutiger Hingabe, historischer Tradition und gegenwärtigen Herausforderungen. Die Beiträge dieses Heftes loten Begriff, Geschichte und theologische Kriterien des Martyriums kritisch aus.

Paolo Uccello, Martyrium des heiligen Stephanus
Paolo Uccello, Martyrium des heiligen Stephanus © gemeinfrei/Wikimedia Commons

Es ist ein altes Thema – und zugleich ein neues, in verschiedener Hinsicht hochaktuelles: das Martyrium. Eine theologische Reflexion der damit verbundenen Problemstellungen verweist zum einen in den Kontext der frühen Kirche hinein, die über Jahrhunderte hinweg ein Dasein an der politischen, gesellschaftlichen und religiösen Peripherie führte und von Ausgrenzungen, ja Verfolgungen betroffen war, auch wenn deren genaues Ausmaß in der historischen Forschung diskutiert wird. Dann aber ist es besonders die Zeit seit dem 20. Jahrhundert, in der das christliche Martyrium wieder neu zur Realität wird, und im Jahr 2025 haben etwa die Ereignisse in Nigeria in besonderer Härte gezeigt, dass die Not einer Verfolgung aufgrund des Glaubens für viele Menschen eine furchtbare Realität darstellt – der Blick auf diese Realität dürfte manche problemorientierte Selbsteinschätzung einer postvolkskirchlichen Christlichkeit im mitteleuropäischen Raum in heilsamer Weise einordnen und zurechtrücken.

Aber auch jenseits der diachronen Vielfalt von Problemkonstellationen, in die der Blick auf die Realität des Martyriums hineinführt, verbinden sich mit diesem Thema einige Spannungsfelder: Auf der einen Seite ist die theologische Reflexion um das Martyrium zu tiefgreifend und alt, um sie einfachhin zur Seite zu legen; auf der anderen Seite gilt es aber auch, kurzschlüssige Idealisierungen zu vermeiden. Weiterhin spannt sich unter diesem Begriff ein breites Spektrum verschiedener christlicher Haltungen auf, das keineswegs nur den äußersten Ernstfall des Blutzeugnisses umgreift, sondern stattdessen vielmehr auch unblutige Formen von Zeugnis und Selbsthingabe einschließt. Zugleich sind damit aber auch sehr grundlegende Fragen einer begrifflichen Klärung und Legitimation aufgeworfen: Mit der Realität des Martyriums können sich Zeugnisse einer tiefen geistlichen Haltung verbinden, der Begriff verweist inzwischen aber auch weit über theologische Kontexte hinaus, indem er etwa auf nicht ausdrücklich religiös formierte Spielarten von Widerstand oder zivilgesellschaftlichem Engagement angewandt wird. Und auch Beispiele für eine problematische Begriffsaneignung in fundamentalistischen, von religiösem oder politischem Fanatismus geprägten Kontexten sind nicht eben selten. Wo verlaufen begriffliche Grenzlinien, wann kann von einem «Martyrium» theologisch legitim die Rede sein – und wann ist einer Verwendung des Begriffs aus theologischen Gründen entschieden zu widersprechen? Welche Kriterien können für entsprechende Grenzziehungen angeführt werden? Welche begriffsgeschichtlichen und theologischen Entwicklungslinien stehen dabei im Hintergrund? Und ist es überhaupt legitim, sich angesichts der Gewaltgeschichte, die das Christentum selbst zu verantworten hat, der Frage nach einem christlichen Martyrium in gesonderter Weise und mit der Frage nach theologischer Orientierung zuzuwenden? Zu diesen und weiteren Problemstellungen wollen die folgenden Beiträge einige Gedankenanstöße bieten.

Das Themenfeld des Heftes wird eröffnet von grundlegenden begrifflichen Sondierungen: Hans Maier skizziert semantische, literarische und soziologische Dimensionen des Martyriums und zeichnet eine begriffliche Ausweitung nach, in deren Verlauf die ursprünglich religiöse Verankerung zunehmend auf politische und militante Bedeutungen hin überschritten wird. Eine Analyse kirchlicher Kriterien und theologischer Implikationen mündet in Kritik an begrifflichen Perversionen, die nicht zuletzt die interreligiöse Verständigung gefährden. Diese theologische Reflexion vertieft Klaus Mertes SJmit der Warnung vor einer politischen Aneignung des Martyriumsbegriffs, wie sie etwa in der Rhetorik der christlichen Rechten in den USA vorkommt: Das echte Martyrium ist kein selbstgewählter Tod und keine Tat im Sinne soldatischen Kämpfens, sondern vielmehr das gewaltlose Zeugnis für Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit. Mertes arbeitet heraus, dass es im Letzten das Kreuz Jesu ist, an dessen Maßstab sich die Realität des Martyriums bemisst.

Fundierend für jede theologische Befassung mit dem Martyrium ist das antike Christentum, das eine Reihe von Martyriumsschilderungen und -theologien hervorbrachte. Zwei Beiträge richten daher den Blick auf die alte Kirche: Andreas Merkt zeichnet die Entwicklung nach, die der christliche Martyriumsbegriff vom 2. bis zum 7. Jahrhundert nahm – von frühen Blutzeugnissen wie denen des Polycarp und der Perpetua bis zu späteren, gewaltlegitimierenden Rezeptionen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach theologischen Deutungsfiguren zur Bewältigung von Gewalt- und Verfolgungserfahrungen: die Umdeutung von Opfern zu Siegern, der Gedanke einer Teilhabe am Leiden Christi durch das Martyrium und Identitätsstiftung durch Rituale, Reliquien und Gedenkformen. Eine dezidiert liturgiehistorische Perspektive nimmt sodann der Text von Stefan Heid ein, der herausarbeitet, wie die Verehrung frühchristlicher Märtyrer aus dem jüdischen Gräberkult hervorging und sich von Jerusalem nach Rom ausbreitete. Es entwickelten sich in diesem Kontext liturgische Feste, wobei Heid eine besondere Bedeutung des Weihnachtsfestes im Entstehungszusammenhang des frühchristlichen Festkalenders ausmacht. Mit Konstantin gewann dieser Kult zusätzlich an Bedeutung, ein Prozess, in dem sich liturgische Praxis, städtische Repräsentation und aristokratische Einflussnahme in einer christlichen Erinnerungskultur verbanden.

In jüngere Kontexte von Martyriumstheologien führen zwei weitere Beiträge hinein: Theresa Denger richtet den Fokus auf die lateinamerikanische Befreiungstheologie. Jon Sobrino SJ, die Hauptreferenz ihrer Reflexionen, deutet das Martyrium im Kontext des salvadorianischen Bürgerkriegs als Zeugnis einer Nachfolge Jesu, das aufgrund eines Einsatzes für Gerechtigkeit und für die Armen Verfolgung und Tod riskiert. Sobrino reflektiert dabei bewusste Glaubenszeugen wie Oscar Romero und Rutilio Grande SJ, unter Heranziehung eines erweiterten Martyriumsbegriffs aber zudem auch die Lebensrealität ­anonym leidender «gekreuzigter Völker». Und der Beitrag von Christoph Benke konkretisiert das Verständnis des Martyriums anhand von Beispielen aus der gesellschaftlichen und religiösen Peripherie: Er blickt auf Paolo Dall’Oglio SJ und Jacques Mourad, die auf ein interreligiöses Miteinander zwischen Christentum und Islam hinwirkten, sowie auf Franz und Franziska Jägerstätter, deren gemeinsamer Glaube sie durch Gewissensprüfung und Leid trug. Im Mittelpunkt steht das stille, oft übersehene Zeugnis von Liebe, Treue und Gewaltlosigkeit, in dem sich das blutige mit einem unblutigen Martyrium trifft.

Den Schluss bilden zwei systematische Beiträge zu einer philosophisch-theologischen Deutung des Martyriums. Ursula Schumacher begibt sich auf eine Spurensuche im Werk Hans Urs von Balthasars: Einerseits reflektiert Balthasar das christliche Martyrium eher selten und zudem recht kritisch; andererseits kann aber eine Theologie des martyrion – des Zeugnisses und der Selbsthingabe – als Zentraldimension seines Denkens identifiziert werden. Jedes christliche Leben ist für Balthasar hineingestellt ins Kreuz, Verähnlichung mit dem Gekreuzigten, und als Sprung in Gott zugleich nur ermöglicht durch Gottes Gnade. Einen philosophischen Zugang zum Thema eröffnen schließlich die Überlegungen von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Sie nähert sich dem martyrion mit Texten von Giorgio Agamben, Jacques Derrida und Jean-Luc Marion an: Der wahre Zeuge erkennt im Verworfenen das Heilige, in der Blindheit das innere Sehen und in der Wahrheit eine überfordernde, aber erfüllende Erfahrung. So wird das Zeugnis zu einer existenziellen Haltung, die Demut und Ergriffenheit vereint. Und in den Perspektiven nähert Helmuth Kiesel sich der literarischen Verarbeitung eines jungen, sehr bedrückenden Martyriums an, indem er Gedanken zu Martin Mosebachs «Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer» vorlegt. Am 2. Februar 2015 wurden am Strand von Sirte in Libyen 21 junge Männer, zwanzig koptische Christen und ein Mann aus Ghana, durch die Terrormiliz IS ermordet; eine Videoaufnahme der Bluttat kursierte kurz darauf im Internet. Mosebach geht, beeindruckt vom treuen Glauben der 21, der neuen und alten Frage nach, auf welchem Grund die Kraft eines Festhaltens an der Christusbeziehung bis zum Äußersten wächst – und was diejenigen ausmacht, die, so Balthasar, «die volle Antwort gegeben» haben.

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