Wie jeder weiß, lassen sich gegenwärtig in Kirche, Politik und Gesellschaft zunehmend Polarisierungstendenzen unterschiedlichster Art beobachten. Die Gräben werden tiefer. Grundsätzlich sind Meinungsverschiedenheiten auch nicht schlecht, denn produktive Dissense bringen unser Denken weiter. Die kritische Auseinandersetzung mit einander widersprechenden Perspektiven kann erkenntnisfördernd sein. Wo alle dasselbe denken, bleiben Irrtümer und Illusionen oft unentdeckt.
Es gibt jedoch auch unproduktive Dissense, die nicht erkenntnisfördernd sind, sondern zu mentalen Blockaden, Eskalation und Gewalt führen können. Man steckt in den eigenen Überzeugungen fest und muss davon abweichende Auffassungen mit allen Mitteln bekämpfen. Kritische Diskussionen und Lernprozesse werden dann unmöglich, was sich auf die Dauer und im Ganzen ungeheuer schädlich auswirkt.
Anleitung zu vernünftigen Diskussionen
Folgende Fragen sind daher wichtig: Wie können wir in guter Weise miteinander streiten? Wie können wir voneinander und miteinander lernen, gerade wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, vielleicht auch in ganz grundlegenden Fragen?
Bei Karl Popper, dem Begründer des kritischen Rationalismus und dem Theoretiker der offenen Gesellschaft, finden sich der Sache nach zwölf "Rechte und Pflichten derer, die von ihren Mitmenschen lernen wollen". Formuliert bzw. zusammengestellt hat diese Regeln Hans-Joachim Niemann ("Rechte und Pflichten derer, die von ihren Mitmenschen lernen wollen", zusammengestellt von Hans-Joachim Niemann, frei nach Karl R. Popper; erschienen als Nachwort in: Aufklärung und Kritik, Nr. 1 [1994], S. 189).
Es handelt sich dabei um Regeln bzw. um eine Anleitung zu vernünftigen Diskussionen. Diese Anleitung scheint mir sehr hilfreich für eine rationale Streitkultur zu sein, gerade auch im Rahmen kirchlicher und theologischer Debatten. Im Folgenden werde ich die einzelnen Regeln anführen und jeweils kurz kommentieren.
1) Jeder Mensch hat das Recht auf die wohlwollendste Auslegung seiner Worte. Wenn wir voneinander lernen wollen, sollten wir die Auffassung des anderen Menschen wirklich hören und möglichst stark machen, um deren Potential erkennen zu können. Das wichtigste Ziel einer kritischen Diskussion ist die Wahrheitssuche und die Überwindung von Irrtümern.
2) Wer andere zu verstehen sucht, dem soll niemand unterstellen, er billige schon deshalb deren Verhalten. Verstehen und Akzeptieren sind zwei verschiedene Dinge. Die Unterscheidung zwischen rationaler Analyse und moralischer Bewertung ist für eine kritische Diskussion von größter Bedeutung. Moralisieren ist kontraproduktiv und kann eine Immunisisierungstrategie gegenüber Kritik darstellen.
3) Zum Recht, ausreden zu dürfen, gehört die Pflicht, sich kurz zu fassen.
Jeder und jede darf ausreden. Es geht aber auch darum, "auf den Punkt" bzw. "zur Sache" zu kommen. Weitschweifige Ausführungen dienen nicht einer gelingenden Diskussion, sondern können andere Zielsetzungen haben.
4) Jeder soll im Voraus sagen, unter welchen Umständen er bereit wäre, sich überzeugen zu lassen.
Man kann nur lernen, wenn man bereit ist, die eigenen mitgebrachten Auffassungen und Vorurteile zu revidieren. Diese Regel enthält eine klare Absage an jede Form von Dogmatismus.
5) Wie immer man die Worte wählt, ist nicht sehr wichtig: es kommt darauf an, verstanden zu werden.
Man soll verstanden werden wollen. Dies ist eine Voraussetzung, um die eigenen Überzeugungen kritisch prüfen lassen und lernen zu können. Deshalb ist es so wichtig, sich möglichst klar und verständlich auszudrücken.
6) Man soll niemanden beim Wort nehmen, wohl aber das ernstnehmen, was er gemeint hat.
Man sollte verstehen wollen, was der oder die andere wirklich meint. Dazu ist es notwendig, gegebenenfalls auch Rückfragen zu stellen, die andere Position mit eigenen Worten wiederzugeben und sich die korrekte Wiedergabe bestätigen zu lassen.
7) Es soll nie um Worte gestritten werden – allenfalls um die Probleme, die dahinterstehen.
Ein bloßer Streit um Worte führt zu nichts. Es muss um Inhalte gehen. Dabei ist es notwendig, sich auf die Probleme bzw. Problemlösungsversuche zu beziehen, die der Diskussionspartner behandelt.
8) Kritik muss immer konkret sein.
Um aus Kritik lernen zu können, muss diese konkret sein. Unspezifische Kritik ist unfruchtbar und dient womöglich nur der pauschalen Abwertung. Es gibt auch eine Hyper-Kritik, die im Ernst nichts mehr gelten lässt.
9) Niemand ist ernstzunehmen, der sich gegen Kritik unangreifbar gemacht, also "immunisiert" hat.
Immunisierungstrategien gegen Kritik sind in allen Bereichen weit verbreitet und begegnen in ganz unterschiedlichen Formen. Sie dienen der Dogmatisierung der eigenen Überzeugungen und resultieren aus dem Bedürfnis nach Sicherheit. Sie zerstören eine kritische Diskussion.
10) Man soll einen Unterschied machen zwischen Polemik, die das Gesagte umdeutet, und Kritik, die den anderen zu verstehen sucht.
Polemik ist nicht in jedem Fall kontraproduktiv. Sie kann manchmal notwendig sein, um gehört zu werden. Aber überzogene Kritik ist nicht hilfreich, weil sie inhaltlich oft gar nicht mehr ernstgenommen wird.
11) Kritik soll man nicht ablehnen, auch nicht nur ertragen, sondern man soll sie suchen.
Diese Regel ist besonders herausfordernd. Man soll aktiv nach einer Kritik der eigenen Auffassungen suchen. Denn nur dann hat man die Möglichkeit, Irrtümer zu überwinden und der Wahrheit näherzukommen.
12) Jede Kritik ist ernstzunehmen, selbst die in böser Absicht vorgebrachte; denn die Entdeckung eines Fehlers kann uns nur nützlich sein.
Kritik sollte stets konkret und sachlich sein. Aber man kann aus jeder Art von Kritik lernen. Diskussionsverbote sind selten hilfreich.
Lösungsvorschläge erfinden und prüfen
Poppers zwölf Regeln drücken den Kern des kritischen Rationalismus aus. Diese philosophische Richtung, die in der uralten Tradition des kritischen Denkens und der Aufklärung steht, beschränkt sich keineswegs, wie man oft meint, auf die Behandlung wissenschaftstheoretischer Fragestellungen, sondern schlägt eine Weise rationaler Problemlösungspraxis für alle Bereiche des menschlichen Lebens vor, auch etwa für die Ethik. Angesichts einer bestimmten Problemsituation geht es darum, im Rahmen von Versuch und Irrtum bzw. Konstruktion und Kritik in möglichst kreativer Weise Lösungsvorschläge zu erfinden und diese dann möglichst strenger Prüfung auszusetzen, damit sie sich bewähren können, ohne dabei jemals Gewissheit zu erreichen.
Der kritische Rationalismus beinhaltet den Entwurf einer Lebensweise und manifestiert sich in der Haltung selbstkritischer Vernunft und Diskussionsbereitschaft, eine Haltung, die Popper so zusammenfasst:
"I may be wrong and you may be right, and by an effort, we may get nearer to the truth."
Dabei werden Tugenden vorausgesetzt wie Wahrheitsliebe, Realitätssinn, Aufmerksamkeit, Offenheit für kritische Diskussionen, Ansprechbarkeit für rationale Argumente, Klarheit bzw. Einfachheit im Sprechen und Schreiben, Lernbereitschaft, Toleranz und Ambiguitätstoleranz, Kreativität und Fantasie, sowohl intellektueller Mut als auch intellektuelle Bescheidenheit.
Diese Tugenden scheinen leider nicht sehr verbreitet zu sein, gerade auch nicht bei Leuten, die meinen, den Ton angeben zu müssen. Umso wichtiger ist es deshalb, die institutionellen Voraussetzungen für kritischen Vernunftgebrauch wirksam zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Die Möglichkeit einer wenigstens annähernd offenen Gesellschaft hängt nicht zuletzt davon ab.
Die eigene Endlichkeit und Fehlbarkeit annehmen
Aus christlicher Sicht wäre schließlich zu sagen, dass gerade der Glaube an ein letztes Geborgensein in der Gemeinschaft mit Gott dazu beiträgt, die oben beschriebene Haltung leben zu können. Indem die im Glauben angenommene christliche Botschaft den Menschen aus der Macht der Angst um sich befreit, befreit sie ihn auch dazu, die eigene Endlichkeit und Fehlbarkeit anzuerkennen und nichts mehr in der Welt zu vergöttern, sich also an nichts um jeden Preis zu klammern. Dies betrifft auch den Vernunftgebrauch.
Das Vertrauen, im Letzten geborgen zu sein, ermöglicht eine zu Sachgemäßheit, Selbstkritik und Kreativität befreite Vernunft. Die Gewissheit des Glaubens, die von ganz anderer Art ist als jede selbstfabrizierte Vernunftgewissheit, erlaubt es, Situationen der Vorläufigkeit, Ungewissheit und Ambiguität aushalten zu können und mit unserer fehlbaren Vernunft so vernünftig wie möglich umzugehen. Christlicher Glaube dient so gesehen der kritischen Vernunft. Wer hätte das gedacht?