Trans-Aktivismus auf katholisch?Eine Antwort auf Jochen Sautermeister

Zur Verteidigung des Queer-Papiers der Schulkommission der Bischöfe verweist Jochen Sautermeister auf den "breiten wissenschaftlichen Konsens". Doch den gibt es nicht.

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Das von der Kommission für Erziehung und Schule der DBK vorgelegte Papier "Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule" steht gleich aus mehreren Gründen in der Kritik – teils wegen der fragwürdigen Vorgänge, die trotz des vom Ständigen Rat der DBK reklamierten Überarbeitungsbedarfs zu seiner Veröffentlichung führten, vor allem aber wegen der inhaltlichen Unausgewogenheit und der einseitigen Stoßrichtung dieser Handreichung.

Angesichts des ungewöhnlichen Umstandes, dass sich gleich mehrere Bischöfe öffentlich von diesem offiziell in ihrem Namen publizierten Dokument distanzierten, hat der Bonner Moraltheologe Jochen Sautermeister jüngst in der "Herder Korrespondenz" den Text noch einmal verteidigt. Dies geschieht in einer Art und Weise, die der Sache allein schon deswegen wenig dienlich ist, weil sie weitgehend zirkulär und in entscheidenden Punkten inkonsistent ist.

Sautermeister weist zunächst zu Recht darauf hin, dass die Genese des Dokuments "in direktem Zusammenhang" mit dem Reformprojekt des sogenannten Synodalen Weges steht, in dessen Zuge 2022 bereits ein Handlungstext zum "Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt" verabschiedet wurde, nachdem der eigentlich zur Beschlussfassung vorgesehene Grundlagentext "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" die erforderliche Mehrheit verfehlt hatte. Die dann folgende Argumentation weist drei problematische Annahmen auf, die ihre Überzeugungskraft erheblich beeinträchtigen.

Es ist zwar unstrittig, dass die Achtung der Menschenwürde jegliche Diskriminierung ausschließt, doch sagt dies noch rein gar nichts darüber aus, welche konkreten Handlungsweisen überhaupt den Tatbestand der Diskriminierung erfüllen.

Erstens läuft die prima facie plausible Annahme, die unantastbare Menschenwürde jedes Menschen verpflichte insofern zu einer besonderen "Sensibilität für die Vielfalt sexueller Identitäten, als insbesondere queere Menschen immer noch auf unterschiedliche Weise Diskriminierung, Herabwürdigung und Gewalt ausgesetzt" (48) seien, auf eine analytische Binsenweisheit hinaus: Es ist zwar unstrittig, dass die Achtung der Menschenwürde jegliche Diskriminierung ausschließt, doch sagt dies noch rein gar nichts darüber aus, welche konkreten Handlungsweisen überhaupt den Tatbestand der Diskriminierung erfüllen. Die Unterstellung, dies sei immer dann der Fall, wenn sich Betroffene einer bestimmten sexuellen Minderheit diskriminiert fühlten, führt nicht nur zu einer Inflationierung und damit einer Entwertung des Diskriminierungsvorwurfs, sondern auch zu einem logischen Zirkelschluss, der das voraussetzt, was doch eigentlich gerade erst zu begründen wäre.

Der affirmative Ansatz wird längst revidiert

Ein zweites Problem betrifft die Einschätzung der humanwissenschaftlichen Grundlagen des Dokuments. Sautermeister referiert zunächst zutreffend, dass die kritischen Einwände vor allem darauf abzielen, "dass der humanwissenschaftliche Sachstand nicht hinreichend abgebildet und der Begriff der Identität nicht adäquat theologisch-anthropologisch erfasst sei und dass das Dokument eine nicht fachgerechte pädagogische Praxis empfehle" (49). Zur Entkräftung dieser Kritik stellt er zum einen die kühne Behauptung auf, dass die "humanwissenschaftlichen Grundlagen zur Genese von sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität … auf einem breiten wissenschaftlichen Konsens [basieren], wobei wissenschaftlichen Kontroversen nicht verschwiegen werden" (ebd.). Zum anderen räumt er ein, dass es ein "Missverständnis" wäre, "wollte man von einer Orientierungshilfe eine ausdifferenzierte Darstellung der humanwissenschaftlichen Diskussion und der pädagogischen Praxis erwarten" (ebd.).

Weder gibt es gerade im Umgang mit sogenannten trans-geschlechtlichen Kindern und Jugendlichen den hier beschworenen "breiten wissenschaftlichen Konsens" noch kann davon die Rede sein, dass die Kontroversen innerhalb der einschlägigen medizinischen Fachgesellschaften hier adäquat wiedergegeben würden.

Abgesehen davon, dass beide Aussagen zumindest in einer gewissen Spannung zueinanderstehen, geht die erste Behauptung gleich in doppelter Hinsicht in die Irre. Weder gibt es gerade im Umgang mit sogenannten trans-geschlechtlichen Kindern und Jugendlichen den hier beschworenen "breiten wissenschaftlichen Konsens" noch kann davon die Rede sein, dass die Kontroversen innerhalb der einschlägigen medizinischen Fachgesellschaften hier adäquat wiedergegeben würden.

Wer auch nur von Ferne die heftigen Auseinandersetzungen um die 2025 veröffentlichte neue deutsche Leitlinie zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz verfolgt hat, der weiß, wie umstritten der einseitig affirmative Ansatz ist, der hier trotz vielfältiger wohlbegründeter Kritik durch maßgebliche nationale und internationale Wissenschaftsgesellschaften weiterhin vertreten wird.

Für den auffallend starken Anstieg vermeintlich trans-geschlechtlicher Kinder und Jugendlicher dürften verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, die der näheren kritischen Analyse bedürfen. Mehrere europäische Länder haben jedenfalls angesichts dieser Entwicklung den Behandlungsansatz einer reinen Affirmation aus guten medizinethischen Gründen längst einer kritischen Revision unterzogen und sind zu einer wesentlich differenzierteren Betrachtung übergegangen. Davon ist in der Handreichung kaum etwas zu spüren.

Sautermeister fordert zu Recht, dass eine "diversitätssensible Pädagogik" im Umgang mit Betroffenen "weder einer Identitätsirritierung durch unangemessene Pathologisierung noch einer Identitätsfixierung durch naive Affirmierung" erliegen dürfe. Doch der von ihm verteidigte Text tendiert über weite Strecken genau zu der zuletzt genannten Gefahr. Statt die schulischen Lehrkräfte angesichts der Komplexität der relevanten Phänomene für die Erfordernisse einer angemessenen Differenzialdiagnostik zu sensibilisieren, wird ihnen pauschal ein "achtsam-anerkennender Umgang mit der Vielfalt sexueller Identitäten" (34) empfohlen, der zwar womöglich gut gemeint ist, wegen seiner Naivität und Undifferenziertheit im Einzelfall aber mehr schaden als nützen dürfte.

Geboten oder nicht?

Eine dritte Eigentümlichkeit der Gedankenführung betrifft das moraltheologische Selbstverständnis Sautermeisters. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die "Selbstbescheidung" der DBK-Handreichung, die nach eigener Auskunft "keine umfassende moraltheologische Analyse und Beurteilung der Vielfalt sexueller Identitäten und der damit verbundenen Lebenspraxis von queeren Menschen an Schulen … leisten" (5) wolle, sondern lediglich "eine schulpädagogische und schulpastorale Orientierungshilfe bieten möchte" (50). Da das Dokument zudem bloße "Handlungsempfehlungen" formuliere, werde "man sicherlich nicht von allen erwarten dürfen, sich für alle genannten Aktivitäten und Aktionen gleichermaßen einzusetzen" (ebd.).

Es ist widersprüchlich, dass Sautermeister zunächst den Einsatz für einen sensibleren Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt emphatisch mithilfe der Menschenwürde-Rhetorik als geboten darstellt, um ihn anschließend als normativ und handlungspraktisch kaum verbindliche Empfehlung zu präsentieren.

Hier verteidigt ein Moraltheologe ein Dokument, das offensichtlich ohne die erforderliche moraltheologische Expertise zustande gekommen ist, damit, dass das Engagement für die Umsetzung der schlussendlich formulierten Erwartungen an eine geschlechtersensible Gestaltung der Schulpastoral auch unterbleiben dürfe.

Es ist widersprüchlich, dass Sautermeister zunächst den Einsatz für einen sensibleren Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt emphatisch mithilfe der Menschenwürde-Rhetorik als geboten darstellt, um ihn anschließend als normativ und handlungspraktisch kaum verbindliche Empfehlung zu präsentieren.

Noch bedenklicher ist der Umstand, dass Sautermeister zu glauben scheint, dass sich die jahrzehntelangen, von vielfältigen ideologischen Einflüssen geprägten Debatten um Fragen der Geschlechtsidentität, die noch immer unter einer Diastase von sexualmedizinischen und sozialphilosophischen Theorieansätzen leidet, durch den simplen Verweis auf die "sachliche Differenzierung zwischen Binarität und Bipolarität" (ebd.) angemessen bewältigen lassen.

Angesichts des teilweise hochaggressiven und unwissenschaftlichen Vorgehens von Trans-Aktivisten, das den berechtigten Anliegen Betroffener nach einer zielgenaueren Berücksichtigung ihrer spezifischen Bedürfnisse erheblichen Schaden zugefügt hat, dürfe es jedenfalls keine überzeugende Strategie sein, im Blick auf eine verantwortliche Gestaltung der Schulpastoral real existierende fachwissenschaftliche Kontroversen zu verleugnen und Kritiker auszugrenzen. Mit einem ebenso fragwürdigen wie verspäteten Versuch eines verkappten "Transaktivismus auf katholisch" ist niemandem gedient. 

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