Hat die Kirche ihren Frieden mit der Moderne gemacht? Die Frage ist falsch gestellt.

Im wieder von neuem aufflammenden Konflikt zwischen Piusbruderschaft und Rom geht es im Letzten um die Verhältnisbestimmung der katholischen Kirche zur Moderne, exemplarisch etwa in der Frage zur Religionsfreiheit.

Die gängige Lesart des Konflikts lautet: Die katholische Kirche hat mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ihren Frieden mit der Moderne gemacht und diese akzeptiert. Die Frage lautet: Ist die Piusbruderschaft hierzu auch bereit?

Säkulare und katholische Moderne

Ein etwas anderes Licht auf den Konflikt wirft das 2025 auf Englisch erschienene Buch "Modernity’s Alternative" des christdemokratischen Politikers, katholischen Philosophen und Biografen von Johannes Paul II. Rocco Buttiglione – mit einem Vorwort von keinem Geringeren als Papst Franziskus.

Eigentlich behandelt das Buch die "Theologie des Volkes", den argentinischen Zweig der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Ein prominenter Strang in dieser ist jedoch die Vorstellung, dass es unterschiedliche Modernen gebe: neben einer dominanten, zunächst protestantischen und später säkularen, auch zunächst eine katholische, die mit der Schule von Salamanca bereits im 16. Jahrhundert – also deutlich vor Beginn der Aufklärung – das Völkerrecht und eine erste Vorstellung von Menschenrechten entwickelte.  Diese katholische Moderne habe sich durch ihre Offenheit für den anderen – hier konkret den Indio – sowie seine personale Würde ausgezeichnet.

Die säkulare Moderne zeichne sich demgegenüber durch eine objektivierende Sicht auf Mensch und Welt aus, der wir einerseits die großen Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Produktivität verdanken würden, die andererseits aber auch jene sozialen und ökologischen Probleme nach sich zöge, denen wir uns heute gegenübersehen. Es ist eine Sicht auf die Welt, wie sie etwa Papst Franziskus in Laudato Si' als technokratisches Paradigma benannt und kritisiert hat.

Was die beiden Modernen verbindet und so geradezu als Charakteristikum der Moderne schlechthin erscheint, ist eine, im Vergleich zu Antike und Mittelalter, neue Sichtweise: im einen Fall objektivierend auf Welt und Mensch, im anderen ein neuer Blick für die Würde und Rechte des ganz Anderen, des Fremden. Ob dies freilich schon ausreicht, um hinreichend zu bestimmen, was Moderne ist, ohne Gefahr zu laufen, den Begriff selbst zu entleeren, muss an dieser Stelle offenbleiben.

Im Konflikt zwischen Rom und den Piusbrüdern geht es noch vor der Frage nach dem Verhältnis der Kirche zur Moderne, zunächst einmal um die grundlegendere Frage, welche Moderne dabei überhaupt gemeint ist.

Die katholische Moderne habe, so Buttiglione weiter, bereits vor der Reformation eingesetzt, sei dann aber zwischen den Mühlsteinen von Reformation und Gegenreformation zermahlen worden. Die gegenreformatorische, posttridentinische katholische Kirche habe sich in Opposition gegen eine zunächst protestantisch, dann säkular geprägte Moderne in der Vormoderne eingemauert und so den Anschluss an den Fortgang der Geschichte verloren. Buttiglione, der zugleich den Unterschied zwischen säkularer und katholischer Moderne auch wieder relativiert, interpretiert das Zweite Vatikanische Konzil als einen Versuch, diese katholische Moderne wiederzubeleben.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich aber ein etwas anderes Bild des Konflikts zwischen Rom und den Piusbrüdern. In diesem geht es demnach noch vor der Frage nach dem Verhältnis der Kirche zur Moderne, zunächst einmal um die grundlegendere Frage, welche Moderne dabei überhaupt gemeint ist.

Lesarten des Konzils

Die Piusbrüder "lesen" das Zweite Vatikanische Konzil durch eine Hermeneutik des Bruches mit der vorkonziliaren, tridentinischen Tradition und lehnen es daher ab. Die Moderne ist für sie identisch mit der säkularen Moderne, und diese ist für sie, in Übereinstimmung mit dem vorkonziliaren Lehramt, unvereinbar mit dem katholischen Glauben.

Die Gegenposition zu dieser traditionalistischen Position wäre eine "modernistische", wonach das Zweite Vatikanische Konzil in der Tat mit der antimodernen, vorkonziliaren Tradition gebrochen habe, dieser Bruch aber notwendig und gut war und deshalb auch zu affirmieren sei. Auch in diesem Fall wird die Moderne schlechthin als identisch mit der säkularen Moderne begriffen.

In dieser Perspektive erweist sich das Anliegen des Konzils dann aber auch in gewisser Weise als unvollendet, insofern sich die Aussöhnung der Kirche mit der Moderne oder eher die Akzeptanz der Moderne seitens der Kirche noch nicht auf alle Bereiche erstreckt und deshalb in diesen nachzuholen sei, etwa im Bereich der Sexuallehre. Die katholische Kirche würde hier, so gesehen, noch in der Vormoderne feststecken und müsste aus dieser erst noch befreit werden bzw. sich selbst befreien. Das Zweite Vatikanische Konzil harrt demnach noch seiner Vollendung, was in letzter Konsequenz dann auch den Ruf nach einem weiteren Konzil wach werden lässt.

Die Akzeptanz der Moderne durch die katholische Kirche im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils gelte demgegenüber konkret dem Projekt einer wiederbelebten katholischen oder aber, so Buttiglione im Lichte eben des Konzils, "ökumenischen Moderne", welche also die verschiedenen Facetten der unterschiedlichen Modernen integriere.

Eine dritte Position nimmt hier die von Papst Benedikt XVI. eingeforderte "Hermeneutik der Reform, der Erneuerung (…) unter Wahrung der Kontinuität" ein. Diese könnte vor dem Hintergrund von Buttigliones Überlegungen so verstanden werden, dass sich die vorkonziliare Ablehnung der Moderne allein auf die säkulare Moderne beziehe – und als solche also auch fortbestehe. Die Akzeptanz der Moderne durch die katholische Kirche im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils gelte demgegenüber konkret dem Projekt einer wiederbelebten katholischen oder aber, so Buttiglione im Lichte eben des Konzils, "ökumenischen Moderne", welche also die verschiedenen Facetten der unterschiedlichen Modernen integriere. Was abgelehnt werde, sei ein – lange vorherrschendes – verkürztes, einseitiges Verständnis von Moderne, affirmiert werde dagegen eine "ganzheitliche" oder komplexe Moderne. Was diese eigentlich ausmache, bedürfte dann dabei aber wohl noch der weiteren Ausarbeitung; sicher keine kleine Aufgabe für die Theologie bei der Rezeption des Konzils.

Hermeneutische Fallstricke

Das Verhältnis der Kirche zu "der" Moderne wäre so gesehen jedenfalls nicht rein negativ oder rein affirmativ, sondern ambivalent; nicht schwarz oder weiß, sondern bunt – und damit auf ganz eigene Weise modern.

Die Polarität von Kontinuität und Erneuerung läuft beständig Gefahr, auf einen der beiden Pole hin und damit einseitig aufgelöst zu werden.

Eine Hermeneutik der Kontinuität und Erneuerung besitzt dabei zwar den Charme, einen Bruch zwischen vor- und nachkonziliarem Lehramt zu vermeiden, ist aber auch selbst nicht ohne ihre Fallstricke. Die Polarität von Kontinuität und Erneuerung läuft beständig Gefahr, auf einen der beiden Pole hin und damit einseitig aufgelöst zu werden.

Ein Beispiel hierfür aus jüngster Zeit wären etwa die Neointegralisten, welche in Sachen Religionsfreiheit die Kontinuität des Zweiten Vatikanischen Konzils zum vorkonziliaren Lehramt so stark betonen, dass ihre Positionen sich am Ende inhaltlich kaum noch von jener der Piusbrüder unterscheiden.

Ein Beispiel für die Überbetonung der Erneuerung wären demgegenüber die Neokonservativen um George Weigel, Robert Novak und Richard John Neuhaus. Deren Anliegen war und ist es, die katholische Kirche mit dem modernen Kapitalismus angelsächsischer Prägung zu versöhnen und Letzteren – trotz der langen kapitalismuskritischen Tradition des kirchlichen Lehramtes – als authentischen Ausdruck von eben diesem zu erweisen.

Beide Beispiele zeigen, wie schwierig und herausfordernd eine Hermeneutik der Kontinuität und Erneuerung sein kann, die es schafft, die Balance zwischen beiden Polen zu halten. Wo ihr jedoch dieser Balanceakt tatsächlich gelingt, besteht die begründete Hoffnung zu einem fruchtbaren Dialog mit der Gegenwartskultur jenseits von Fundamentalopposition einerseits und völliger Anpassung andererseits – und vielleicht sogar auf eine erneuerte, katholische Moderne.

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Die Piusbrüder, das Konzil und die Moderne: Ein neuer Blick auf den Konflikt mit Rocco Buttiglione
Rocco Buttiglione

Steubenville: New Polity Press 2025, 350 S.

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