"Zwischen den Fronten – eine Welt im Umbruch" (2008) hat Peter Scholl-Latour seine Dokumentation genannt, die er mit dem Zitat des französischen Schriftstellers und Politikers André Malraux (1901–1976) einführte: "Das 21. Jahrhundert wird religiös sein – oder es wird nicht sein". Zur Zeit von Malraux – und auch noch in den Nullerjahren – erschien diese Prognose vielen absurd. Scholl-Latour meinte, Europa sei gefangen zwischen Hedonismus und der Anbetung des "Goldenen Kalbs", wehrlos gegenüber dem Aufbruch neuer Mythen. Den Islam fest im Blick.
Heute, fast zwei Jahrzehnte später, deuten demoskopische Daten tatsächlich auf eine Veränderung hin. Diese zeigt sich in Frankreich. Gestützt auf eine exklusive Studie des Verlags Bayard und des Umfrageinstituts Ifop zeichnete die katholische Tageszeitung "La Croix" in einer Artikelserie zu Weihnachten 2025 ein lebendiges Panorama eines Katholizismus im Wandel – und eines bislang weitgehend unbemerkten Wachstums unter jungen Franzosen.
"Harter Kern" und "Zombie-Katholizismus"
"Sie haben noch nicht ihr letztes Wort gesprochen", betont der Autor Arnaud Bevilacqua: In einem Frankreich, in dem sich nur noch 46 Prozent der Bevölkerung als Katholiken bezeichnen, widerstehen drei Millionen Erwachsene dem Säkularisierungstrend, indem sie mindestens monatlich die Messe besuchen – das entspricht 5,5 Prozent der Bevölkerung. Diese "regelmäßigen Praktiker" bilden dabei einen "harten Kern", der sich gegenseitig stärkt, während andere einen kulturellen "Überrest" darstellen, der sich allmählich auflöst. Der Anthropologe Emmanuel Todd spricht von einem "Zombie-Katholizismus", der zwar noch strukturkonservative Codes bewahrt, sich aber bereits von der Religion abgelöst hat.
"La Croix" beobachtet neben dem Boom an Taufen, insbesondere in den urbanen Milieus, einen Trend der Rückkehr junger Katholiken zur Messe. Die meisten von ihnen stammen aus praktizierenden Familien – doch ein Drittel hat diesen Hintergrund nicht.
Der Soziologe Yann Raison du Cleuziou analysiert die Dynamik des französischen Katholizismus scharfsinnig: "Der französische Katholizismus erlebt eine große Transformation. Je mehr er in der Gesellschaft zurückgeht, desto mehr 'rekomponiert' er sich um einen Kern stark engagierter Katholiken. Diese Homogenität bringt zunehmend ein tragendes Milieu hervor, das aber auch anziehend wirkt." "La Croix" beobachtet neben dem Boom an Taufen, insbesondere in den urbanen Milieus, einen Trend der Rückkehr junger Katholiken zur Messe. Die meisten von ihnen stammen aus praktizierenden Familien – doch ein Drittel hat diesen Hintergrund nicht. Sie finden erst im Erwachsenenalter zur Kirche.
Intensivierung des Innenraums
Auch die sonstige religiöse Praxis dieser Gruppe ist hoch; acht von zehn beten häufig zu Hause, 44 Prozent beten den Rosenkranz, ein Drittel beichtet regelmäßig und nimmt an der eucharistischen Anbetung teil. Für viele bedeutet Katholischsein "eine intime Beziehung zu Jesus" oder der Kampf um Heiligkeit gegen die Sünde. Raison du Cleuziou resümiert: "Indem sie minoritär wird, neigt eine Religion dazu, sich umzustrukturieren, um nicht zu verschwinden. Diese Rekonfiguration führt zu einer Intensivierung des Innenraums um markante Praktiken."
Ein zentrales Zeichen dieses Erwachens ist der "Taufboom": Über 10 000 Erwachsenentaufen 2025, ein Rekord, dazu 7400 Taufen von Jugendlichen. In der Kirchenprovinz von Paris, also den Bistümern der Region Île-de-France, hat soeben ein Provinzialkonzil begonnen, um über den Umgang mit dem steigenden Zulauf zu beraten.
Raison du Cleuziou ordnet jedoch skeptisch ein: "Es handelt sich um eine kleine Nachholung... die Zahl der Erwachsenenkatechumenen kompensiert keineswegs den Fall der Kindertaufen." Es handle sich um einen "Lupeneffekt" in urbanen Zentren, wo Gläubige sich ballen und eine "konventionelle Intensität" erzeugen. Oder anders formuliert: wo der Katholizismus sichtbar als Option wahrgenommen wird. Junge Katholiken, oft unter 35 Jahren, erscheinen ihm dabei radikaler: "Diese Jungen machen nur 15 Prozent ihrer Generation aus ... Ihr Überleben geht über das (säkulare oder islamische, Anm.) Gegenüber: Intensivieren, sichtbar machen, die Differenz übernehmen." Daraus erwachse ein Interesse an feierlicher Liturgie wie der "Alten Messe".
In Kirchen wie La Trinité, betreut von der Gemeinschaft Emmanuel, versammeln sich an Sonntagabenden 800 junge Erwachsene, angezogen von "zugänglichen Homilien in einer jungen Sprache", professioneller Musik und geschwisterlicher Wärme.
Héloïse de Neuville führt in der Weihnachtsserie von "La Croix" in die "Mega-Messen" von Paris ein: In Kirchen wie La Trinité, betreut von der Gemeinschaft Emmanuel, versammeln sich an Sonntagabenden 800 junge Erwachsene, angezogen von "zugänglichen Homilien in einer jungen Sprache", professioneller Musik und geschwisterlicher Wärme. Eine Gläubige schwärmt: "So viele Junge bei der Messe, eine verrückte Energie..." Der Priester Emmanuel Pinot betont aber auch: "Die Jugendmesse ist undenkbar außerhalb des pfarrlichen Ökosystems."
Ablösung vom Mainstream
Der Trend einer Ablösung vom Mainstream bestätigt sich auch demoskopisch. So lehnen 35 Prozent der Praktizierenden die Euthanasie ab, gegenüber nur neun Prozent der sich nominell als Katholiken bezeichnenden Franzosen. Doch beiden Gruppen gemeinsam ist, dass sie zwar zu 80 Prozent "friedliche Muslime" von Extremisten unterscheiden, sich aber beide zu 70 Prozent um die "Expansion des Islam" sorgen. Eine minoritäre Dynamik, urban und relational, lässt in der französischen Kirche Neues entstehen: eine Kirche, die evangelisiert, widersteht – bewahrheitet sich Malrauxs Prophezeiung?
Diese Entwicklung entfaltet sich wie ein unterirdischer Strom, der in der säkularisierten Landschaft neue Quellen sprudeln lässt – von ungekannter Intensität. Ebenso sprudeln die Mutmaßungen, wie sie zu erklären ist. So wurden 2025 die Aschermittwochs-Gottesdienste teilweise von jungen Menschen gestürmt – Beobachter sehen die Gleichzeitigkeit mit dem Ramadan als Grund für das bislang ungewohnte Interesse.
"Re-Islamisierung"
Dafür spricht eine "Re-Islamisierung" in jüngeren muslimischen Kohorten in Frankreich, die laut demoskopischen Untersuchungen prozentual fast gleichauf mit den jungen Katholiken rangieren. Eine kontrovers diskutierte Ifop-Studie zeigt: 87 Prozent der 15- bis 24-jährigen Muslime bezeichnen sich als religiös, 30 Prozent als "extrem/sehr" religiös. 67 Prozent beten täglich, 83 Prozent halten voll den Ramadan, den Hijab befürworten 45 Prozent (gegenüber nur 31 Prozent der Muslime aller Altersgruppen) und 46 befürworten eine teilweise oder vollständige Anwendung der "Scharia". Unter den jungen Muslimen Frankreichs vertreten außerdem 38 Prozent islamistische Positionen, die Zahl hat sich seit 1998 verdoppelt. 32 Prozent haben Sympathien für die Muslimbruderschaft.
Diese Re-Islamisation führt zu strengerer Praxis, Identitätsaffirmation, teils mit Geschlechter-Separatismus und Priorisierung religiöser Normen über französische Gesetze.
Parallelen in Deutschland
Auch in Deutschland gibt es neuere Daten, die ähnliche Entwicklungen andeuten.
Laut einer repräsentativen Umfrage der "Forschungsgruppe Weltanschauungen" (Fowid), einer Gründung der kirchenkritischen Giordano-Bruno-Stiftung, vom Oktober 2025 vertreten 64 Prozent ein "naturalistisches" Weltbild (Welt nach Naturgesetzen ohne übernatürliche Einflüsse; 73 Prozent der über 60-Jährigen vs. 59 Prozent der 16- bis 29-Jährigen). Und auch innerhalb der Kirchenmitglieder dominieren säkulare Positionen (72 Prozent Protestanten, 66 Prozent Katholiken für vernunftbasierte Moral statt einem religiös vermittelten Sittengesetz). Die Älteren, genauer die Babyboomer-Jahrgänge, zeigen jedoch den höchsten Grad der Säkularisierung – sie sind die religiös unmusikalischste Generation der Nachkriegszeit.
Mit einem Medianalter von 39 Jahren ist das "christlich-abendländische" Profil signifikant jünger, als die säkularen Cluster, bei denen der Median bei 55 Jahren liegt.
Mittels Faktoren- und Clusteranalyse identifiziert die Studie drei weltanschauliche Profile. Die säkulare Tendenz ist weiterhin stark: 36 Prozent gelten als "säkular-islamfreundlich" und 33 Prozent als "säkular-islamkritisch". Immerhin 31 Prozent ordnet die Studie jedoch einem "christlich-abendländischen Profil" zu, das christliche Symbolik im öffentlichen Raum (Kreuze in Schulen/Gerichten, Gottesbezug im Amtseid) befürwortet, laizistische Neutralität ablehnt, ebenso aber die Akzeptanz islamischer Privilegien. Was dabei auffällt: Mit einem Medianalter von 39 Jahren ist das "christlich-abendländische" Profil signifikant jünger, als die säkularen Cluster, bei denen der Median bei 55 Jahren liegt.
Das christliche oder kulturchristliche Profil rekrutiert überproportional aus Katholiken (73 Prozent) und Evangelischen (51 Prozent). Interessant ist auch, dass ein Drittel keiner Kirche (KöR) angehört – ein Hinweis auf eine "kulturchristliche" Identität, die religionssoziologisch intensiver in den Blick genommen werden sollte und die auch die kirchliche Pastoral anfragt.
Auch in Deutschland scheint sich ein Trend hin zu einer neuen Wertschätzung christlicher Präsenz bzw. eine Abkehr vom Säkularisierungsdruck der Babyboomer-Ära abzuzeichnen – ob als spirituelle Ressource oder bloß als kulturelles Erbe, das muss sich noch zeigen.
Es wird vor allem an den Kirchen liegen, diesen Gegentrend positiv zu begleiten.
Ob damit ein religiöses Revival für die christlichen Kirchen auch diesseits des Rheins verbunden sein könnte, erscheint offen. Es wird vor allem an den Kirchen liegen, diesen Gegentrend positiv zu begleiten. Trotz allem: Malraux' These erfährt eine neue Plausibilität auch in "Old Europe".