Am 17. Januar dieses Jahres veröffentlichten die Patriarchen und Kirchenoberhäupter Jerusalems ein knappes Statement. Die wenigen Zeilen besitzen eine beträchtliche Sprengkraft.
Die Erklärung stammt von den Leitern jener Kirchen, die seit vielen Jahrhunderten im Heiligen Land präsent sind, darunter die griechisch-orthodoxe und die armenisch-apostolische Kirche, die koptische sowie die katholischen Kirchen verschiedener Riten, aber auch Anglikaner und Lutheraner.
Die Kirchenoberhäupter wenden sich gegen den sogenannten christlichen Zionismus. Gemeint ist eine vor allem im US-amerikanischen Protestantismus verbreitete religiös-politische Strömung, die die besondere Rolle des Staates Israel theologisch begründet und häufig davon ausgeht, dass die Rückkehr der Juden nach Israel und die Existenz eines jüdischen Staates Teil eines göttlichen Heilsplans seien. Solche Positionen können auch mit endzeitlichen Deutungen verbunden sein.
Dabei richtet sich der Text nicht allein gegen eine bestimmte theologische Auffassung, sondern markiert gleichzeitig einen Anspruch auf religiöse Repräsentation und Autorität im Heiligen Land. Vor allem seine Rezeption wirft ein Schlaglicht auf die fortschreitende religiöse Aufladung von Politik, die in Deutschland und Europa immer noch unterschätzt wird.
Wer spricht für die Christen im Heiligen Land?
Die Patriarchen und Kirchenführer betonen, dass die "Herde Christi" in ihrer Verantwortung liege und nicht von in ihren Augen externen Akteuren oder Einzelpersonen politisch vereinnahmt werden dürfe. Den christlichen Zionismus bezeichnen sie als "zerstörerische Ideologie", die der "Einheit der Herde" schade. Zugleich bemängeln sie, dass Vertreter solcher Positionen auf der Ebene der israelischen Politik wie auch auf internationaler Ebene offiziell empfangen und damit faktisch aufgewertet würden.
Das Statement enthält damit eine harte Grenzziehung: Wer spricht für die Christen im Heiligen Land – und wer nicht?
Von den Kirchen im Heiligen Land, deren Gemeinden überwiegend arabisch geprägt sind, wird der christliche Zionismus wohl auch deshalb als problematisch wahrgenommen, weil er in ihrem Verständnis politische Realitäten religiös überhöht und lokale christliche Perspektiven marginalisiert. Die Autoren des Statements gehen nun so weit, das Bild eines drohenden Exodus der arabischen Christen aus dem Heiligen Land zu zeichnen. Anklang finde der christliche Zionismus den Kirchenoberhäuptern zufolge nämlich "bei bestimmten politischen Akteuren in Israel und darüber hinaus, die eine politische Agenda vorantreiben wollen, die der christlichen Präsenz im Heiligen Land und im gesamten Nahen Osten schaden könnte." Dass der christliche Zionismus als eine solch existenzielle Bedrohung ausgewiesen wird, erscheint mindestens erklärungsbedürftig.
Während es um den konkreten Anlass für die Positionierung der Patriarchen verschiedene Spekulationen gibt, ist vor allem ein Auftritt interessant, wie er im Umfeld pro-israelischer evangelikaler Akteure regelmäßig vorkommt, und zwar jener des evangelikalen "Bishop" Robert Stearns. Um nämlich zu verstehen, warum sich die Kirchenoberen gerade jetzt in dieser Vehemenz äußern, muss ein Blick auf die Öffentlichkeit geworfen werden, an die es sich wohl vor allem gerichtet hat.
Einen Hinweis auf diese Öffentlichkeit liefert ein Video des konservativen Kommentators Michael J. Knowles. Der US-Amerikaner griff das zuvor kaum beachtete Statement der Kirchenoberhäupter auf und unterzog es in einem YouTube-Video einer ausführlichen theologischen Auseinandersetzung. Knowles, selbst praktizierender Katholik, wies den christlichen Zionismus aus religiösen Gründen zurück, trennte dabei aber ausdrücklich zwischen theologischer Ablehnung und politischer Unterstützung Israels. Bemerkenswert ist weniger diese Differenzierung als die Tatsache, dass ein prominenter Vertreter des rechten Medienspektrums das Thema überhaupt aufgreift.
Innerhalb der amerikanischen Rechten ist Israel zunehmend zu einem Konflikt- und Identitätsthema geworden.
Denn an der Plattform Daily Wire, auf der Knowles publiziert, zeigte sich in der Vergangenheit bereits, was offenbar auch den Patriarchen bewusst ist: Innerhalb der amerikanischen Rechten ist Israel zunehmend zu einem Konflikt- und Identitätsthema geworden.
Der Konsens ist ins Wanken geraten
Während hier pro-israelische Positionen lange als nahezu unhinterfragter Konsens galten – eben insbesondere getragen von evangelikalen Milieus –, treten inzwischen vermehrt konservative Stimmen auf, die diese Selbstverständlichkeit infrage stellen wollen. Diese Entwicklungen beschränken sich nicht mehr auf randständige Diskurse, sondern wirken zunehmend in die breitere politische Öffentlichkeit hinein.
Dass sich kurz darauf auch der US-amerikanische Botschafter in Israel öffentlich zu Wort meldete, unterstreicht die politische Brisanz der Auseinandersetzung. Mike Huckabee, ehemaliger Gouverneur von Arkansas und Baptistenpastor, widersprach den Patriarchen in ungewöhnlich scharfer Form und verteidigte den christlichen Zionismus explizit als legitime religiöse Haltung.
Dass ein amtierender Botschafter seine Position derart offen religiös begründet, verweist auf die zunehmende Verschränkung von Glaubensüberzeugung und politischem Amt.
Huckabee steht exemplarisch für eine protestantisch-evangelikale Perspektive, die von einem nahezu nahtlosen Zusammenhang zwischen Judentum und Christentum ausgeht und daraus eine quasi selbsterklärende Solidarität der USA mit Israel ableitet. Dass ein amtierender Botschafter seine Position derart offen religiös begründet, verweist auf die zunehmende Verschränkung von Glaubensüberzeugung und politischem Amt.
Religiöse Bildung ist gefragt
Gerade im Kontrast zu Huckabee wird die Position von Knowles deutlich. Dieser lehnt eine religiöse Begründung politischer Solidarität ab, obwohl er sich auf politisch-pragmatischer Ebene klar für die Unterstützung Israels ausspricht. Die Differenz liegt somit nicht im politischen Ziel, sondern im religiösen Selbstverständnis, aus dem heraus dieses Ziel legitimiert wird. Die Auseinandersetzung um Israel zeigt damit exemplarisch, wie religiöse Begriffe genutzt werden, um grundlegende politische Ideen und Selbstdeutungen der Vereinigten Staaten auszuhandeln.
Die Korrespondenz zwischen religiösen Überzeugungen und politischen Positionen wird zunehmend entscheidend, um gegenwärtige politische Entwicklungen zu verstehen.
Trotz aller Annahmen fortschreitender Säkularisierung leben wir in einer Welt, in der Religion als politischer Deutungsrahmen an Bedeutung gewinnt. Die Korrespondenz zwischen religiösen Überzeugungen und politischen Positionen wird zunehmend entscheidend, um gegenwärtige politische Entwicklungen zu verstehen. Was sich derzeit im politischen Feld der USA beobachten lässt, ist daher nicht nur aus transatlantischer Neugier von Interesse. In einer global vernetzten Welt materialisieren sich solche Dynamiken früher oder später auch in anderen Gesellschaften. Neben politischer Bildung bedarf es deshalb in Deutschland auch einer religiösen Bildung, die diese Wechselwirkungen sichtbar machen kann. Gefragt ist dabei nicht allein die Politik, sondern ebenso die Kirchen selbst. Denn wo Orientierung fehlt, werden die entstehenden Leerstellen allzu oft von jenen gefüllt, die einfache Antworten versprechen.