Kein abgeschlossenes KapitelAfrika und der lange Schatten der Sklaverei

Miguel Cervantes und die Heilige Josefine Bakhita sind nur zwei ihrer Opfer: Über Jahrhunderte prägte der Sklavenhandel das Mittelmeer, Afrika und Europa. Im Sudan zeigt sich, dass die Ketten längst nicht gesprengt sind.

Sklavenmarkt in Khartoum, um 1876
Sklavenmarkt in Khartoum, um 1876© Artist unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Algier ist eine Sklavenstadt. Im 16. Jahrhundert leben dort 35.000 christliche Sklaven – von muslimischen Korsaren aus Spanien und Italien verschleppt. Algier ist das Drehkreuz, von dem sie in die arabische Welt verteilt werden. Die Sklavenhändler leben nicht nur auf den Verkauf, sondern spekulieren auf die Lösegeldzahlungen der christlichen Mitbrüder. Bleiben die aus, dann enden die als "minderwertig" geltenden Gefangenen als Lasttiere oder auf den Ruderbänken osmanischer Galeeren. Ranghohe Sklaven können dagegen auf mildere Behandlung oder ihren Freikauf hoffen.

Einer von ihnen ist ein spanischer Soldat mit einem Empfehlungsschreiben Don Juan de Austrias. Er hat an der Seeschlacht von Lepanto gegen die Türken teilgenommen. Nach vier Fluchtversuchen und fünf Jahren Sklavendienst kaufen ihn die Trinitarier frei. Er heißt Miguel Cervantes und wird nach seiner Rückkehr den Don Quijote schreiben.

Sklaverei ist bis weit in die Neuzeit Normalität – insbesondere die Versklavung von "Ungläubigen". Auch die christlichen Mittelmeerstaaten betreiben zu dieser Zeit Sklavenhandel, nicht zuletzt, um im "Sklavenaustausch" christliche Gefangene zurückzugewinnen.

Als der Papst die Sklaverei verbot

Was das Christentum von anderen Religionen unterscheidet: De facto besteht die Sklaverei fort, de jure ist sie jedoch verboten.

Bereits Papst Paul III. betont in der Bulle Sublimis Deus (1537), dass nicht nur die Menschen der Neuen Welt – auf die sich das Schreiben eigentlich bezieht –, sondern auch alle anderen Menschen nicht ihrer Freiheit oder ihres Eigentums beraubt werden dürfen. Das gilt für die die "besagten Indianer" wie auch alle anderen Menschen, die später von Christen entdeckt werden. Auf keinen Fall dürften sie "in irgendeiner Weise" versklavt werden. Sollte das Gegenteil geschehen, dann ist derlei "ungültig und hat keine Wirkung".

Bis sich diese Bulle durchsetzt, dauert es zwar auch im Abendland und im christlichen Amerika noch Jahrhunderte. Es ist aber einzig die christliche Zivilisation, die auf Grundlage des Evangeliums die Sklaverei ächtet. Die Vorstellung einer "weltweiten Sklavenbefreiung" konnte sich ab dem 18. Jahrhundert auch deswegen durchsetzen, weil die christlichen Großmächte ihre moralischen und rechtlichen Vorstellungen global durchsetzten.

Führend ist dabei das protestantische Großbritannien. Der Abolitionismus zielte zuerst auf die Abschaffung des atlantischen Sklavenhandels, später auch auf die Sklaverei in Afrika selbst. Ein wichtiges Argument des europäischen Kolonialismus war nicht zuletzt die Bekämpfung der Sklaverei. Doch selbst Gesetze, Erklärungen des Völkerbundes und Resolutionen der Vereinten Nationen können an der Realität vor Ort nur wenig ändern.

Noch heute leben laut Schätzungen über 600.000 Menschen in Subsahara-Afrika in sklavenähnlichen Verhältnissen.

Der intensive Sklavenhandel im Mittelmeer, Atlantik und Indischen Ozean hat den afrikanischen Kontinent über Jahrhunderte geprägt. Weder die Kolonialbehörden noch ihre Nachfolger konnten die Schattensklaverei umfassend eindämmen. Noch heute leben laut Schätzungen über 600.000 Menschen in Subsahara-Afrika in sklavenähnlichen Verhältnissen.

Diese Kontinuität verweist auf tiefe historische Wurzeln. Bereits vor der islamischen Expansion und dem europäischen Kolonialismus waren Formen der Unfreiheit in vielen afrikanischen Gesellschaften fest verankert, primär als Resultat von Stammeskriegen oder Schuldknechtschaft. Solche innerafrikanischen Sklavereisysteme entwickelten sich in vielen Regionen völlig autonom und waren fester Bestandteil lokaler Gesellschaftsstrukturen. Der spätere Einfluss muslimischer Händler kommerzialisierte jedoch diese Praktiken und integrierte sie in den transsaharischen Fernhandel. Die afrikanische Sklaverei ist seitdem nicht mehr eine Methode zur Assimilation von Arbeitskraft, sondern eine Degradierung zur "reinen Ware".

Sklaverei im Sudan

Eines der Schlüsselländer des Sklavenhandels ist der Sudan. Das Land ist aktuell in den Schlagzeilen aufgrund der brutalen Gewalt, die Al-Faschir und die Darfur-Region überzieht. Für internationale Aufmerksamkeit haben die von den RSF-Milizen verübten Massaker in der Region gesorgt. Die RSF (Rapid Support Forces) versuchen vor Ort die sudanesischen Streitkräfte (SAF) zu vertreiben. Beide Gruppen sind für die Verfolgung von Christen und nicht-arabischer Ethnien berüchtigt. Die UN meldet Flüchtlingsströme, Hinrichtungen, ethnische Säuberungen – und die Ausbreitung von "sexual slavery".

Arabische Sklavenhändler versklaven seit Jahrhunderten die südlich lebenden Bewohner und deportierten sie früher nach Ägypten.

Diese Tradition ist dem Sudan nicht fremd. Arabische Sklavenhändler versklaven seit Jahrhunderten die südlich lebenden Bewohner und deportierten sie früher nach Ägypten. Umschlagplatz ist dazumal Khartum, das im 19. Jahrhundert als Sklavenmarkt floriert. Zu den bekanntesten Opfern dieses Menschenhandels gehört Josefine Bakhita. Der italienische Konsul "erwirbt" sie, später tritt sie den Canossianerinnen bei und wird im Jahr 2000 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.

Aber selbst im 20. Jahrhundert, unter britischer Kolonialherrschaft, bleibt das Muster bestehen, dass die arabisch-muslimische Elite die nicht-muslimischen Völker im Süden ausrauben und versklaven: die Zahlen gehen in die Zehntausende. Die Sklavenjagd erlebt im Zweiten Sudanesischen Bürgerkriegs eine Renaissance. 1989 kommt eine islamistisch unterstützte Regierung an die Macht, die den Dschihad gegen die nicht-muslimische Opposition erklärt. Die muslimischen Stammes-Milizen haben nunmehr die Erlaubnis, die Bevölkerung zu tyrannisieren, auszurauben, zu versklaven oder zu ermorden. Hunderttausende Christen und Animisten fallen dieser islamistischen Politik zum Opfer.

Die Organisation Christian Solidarity International (CSI) schaltet sich im Jahr 1995 ein. Mitarbeiter stellen das Ausmaß der Ausbeutung und Ermordungen fest. Über ein Untergrundnetzwerk schleust CSI die Menschen wieder in die Freiheit. Der katholische Bischof von El Obeid, Macram Max Gassis, unterstützt die Initiative. Über 160.000 Menschen befreit CSI in den nachfolgenden Jahren – vor und nach Kriegsende.

Wie sehr die Sklaverei allerdings ein Tabu bleibt, zeigen die Reaktionen. Erst 1999 muss UNICEF zugeben, dass im Sudan Kinder und Mütter verschleppt werden – um anschließend Menschenrechtsorganisationen zu verurteilen, die Sklaven freikaufen. Im selben Jahr erreicht das sudanesische Regime die Aberkennung des Berater-Status von CSI beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen – in einer konzertierten Aktion sämtlicher islamischer Staaten zusammen mit Russland und China.

Was hat es mit der Kritik an der Praxis des Freikaufens auf sich? UNICEF bezeichnete das Vorgehen als inakzeptabel, weil die NGOs damit implizit akzeptierten, dass Menschen gekauft werden könnten. Human Rights Watch warf den Organisatoren vor, dass sie mit dieser Methode "finanzielle Anreize" schafften. CSI sieht sich dagegen in der Nachfolge der historischen Sklavenfreikäufe – Orden wie die Trinitarier hätten dasselbe getan, eine moralische Problematik sei demnach nicht zu erkennen. Dass seit dem Freikauf die Sklavenjagden zurückgegangen seien, widerspreche dem Argument, einen neuen Markt geschaffen zu haben. Überdies hätten Christen vor Ort sowie der Bischof von El-Obeid explizit um diese Form der Sklavenbefreiung gebeten.

Ein Beispiel unter vielen

30 Jahre später ist die Sklaverei im Sudan – trotz aller Erfolge – immer noch nicht ausgerottet. Pfarrer Fuchs, Chef von CSI-Deutschland, sagt: "Auch wenn heute die Sklavenjagden zum Erliegen gekommen sind, gehen Schätzungen davon aus, dass weiterhin 20.000 Sklaven und ihre Nachkommen im Sudan ausgebeutet werden. CSI wird seine Befreiungsaktionen weiterführen, bis der letzte Sklave frei ist."

Im Tschad werden Kinder an Sklavenhändler verkauft, die Dschihadisten von Boko Haram haben Schlagzeilen als Entführer und Sklavenhändler gemacht. Auch in Nigeria und der Republik Kongo bleibt sie ein Übel.

Der Sudan bleibt ein Beispiel unter vielen. Im Tschad werden Kinder an Sklavenhändler verkauft, die Dschihadisten von Boko Haram haben Schlagzeilen als Entführer und Sklavenhändler gemacht. Auch in Nigeria und der Republik Kongo bleibt sie ein Übel. Der Westen hält die Sklaverei für ein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit. In Teilen Afrikas bleibt sie traurige Gegenwart.

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