Das Februarheft der „Stimmen der Zeit“ veröffentlichte zwei Beiträge, die verschiedene Themen behandeln, aber doch – zufällig? – in eine ähnliche Richtung weisen:
Zum einen beschreibt Georg Sans SJ in seinem Beitrag „Kirchliche Ideenpolitik“, wie neuerdings rechtskatholische Kreise Thomas von Aquin gegen Immanuel Kant ausspielen: Für Thomas sei die Existenz Gottes beweisbar und damit vernünftig, Kant hingegen lehne die klassischen Gottesbeweise ab, der Glaube sei für ihn unvernünftig. Damit falle man in die Kontroversen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zurück: Neuscholastische Doktrin versus Liberalismus, Atheismus und Moderne; die von Thomas gelehrte Glaubenswahrheit versus deren aufklärerische Zersetzung. Zur „Aufklärung“ gehörten auch politische Strömungen wie Republikanismus, Sozialismus, der Einsatz für Religionsfreiheit, für die Demokratie – alles noch lange von der Kirche bekämpft. Wer heute in der Logik dieser Kontroverse denkt, tut sich schwer mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das sich bekanntlich für viele dieser Werte aussprach. Einige wollen auch zur autoritären Führung zurück, sowohl in der Politik wie in der wieder stärker hierarchisch-klerikalen Kirche.
Zum anderen zeigt Michael Hagemeister in seinem Artikel „Hesychasmus“, wie in Russland diese im Mittelalter entstandene mystische Strömung der Orthodoxie polemisch gegen die angebliche sittliche und geistige Dekadenz des „Westens“ eingesetzt wird. Seit der Renaissance und der Aufklärung sei der Westen dem Individualismus verfallen – und alle Übel wie Konsumismus, Rechtsstaatlichkeit, Liberalismus seien daraus erwachsen. Vertreten wird diese Polemik von führenden Denkern der russischen Rechten und der Orthodoxie, die damit das autoritäre Putin-Regime und dessen Krieg gegen die Ukraine religiös legitimieren. Auch hier ein Rückgriff auf alte Muster, die gegen die Moderne ausgespielt werden.
Hinter „die Aufklärung“ zurückgehen, um Autoritäres, Völkisches und Imperiales zu rechtfertigen? Was aber ist Aufklärung? Das historische Phänomen, so die Forschung, ist komplex und disparat: Nach Immanuel Kant ist Aufklärung „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Nach Moses Mendelssohn ist sie die Einsicht in die „Bestimmung des Menschen“. Voraussetzung der Aufklärung ist also der Vorrang der Vernunft, des Selberdenkens – ein rationaler Standard. Mehr sozial und politisch angewandt, wird Aufklärung nach Voltaire mit Toleranz und Meinungsfreiheit verbunden, nach Montesquieu mit Gewaltenteilung, nach Rousseau mit Volkssouveränität, nach Kant mit Rechtsstaatlichkeit.
Aufklärung ist ein Prozess: Anfangs galt beispielsweise ihr Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz nur für weiße, volljährige Männer; die generelle Nichtdiskriminierung als gesellschaftliches Leitprinzip wurde erst viel später eingeklagt – bis heute ist sie vielerorts noch zu erkämpfen. Oder: Die Aufklärung wird kritisiert, weil sie anfangs einen oft grausamen und rassistischen Kolonialismus rechtfertigte – den „armen Wilden“ wollte man Vernunft, Bildung, Zivilisation, wahre Religion bringen, oft mit Gewalt, also mit keineswegs aufgeklärten Mitteln.
Auch war die Aufklärung eine Revolution der Wissenschaft: Breite Kreise erhielten mehr Anteil an Bildung und Wissen, frei sollte geforscht werden, aber alle Ansprüche auf Wissen müssen diskursiv eingelöst werden. Die gegenwärtige, neu salonfähig gewordene Schamlosigkeit des Lügens, die Manipulation etwa im Netz und die Unterdrückung von Wissenschaft, freier Presse und Opposition sind empfindliche Rückfälle hinter aufgeklärtes Denken und Handeln. Aufklärung fordert Argumente ein, nicht bloße Meinung; Fakten, nicht Fakes; intellektuelle Redlichkeit, nicht Ideologie.
Zu bedenken ist: Viele Ideale der Aufklärung haben einen biblischen Kern: Das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe begründet eine universale Ethik, mit gleichen Rechten und Pflichten für alle, unabhängig von Begabung oder Geschlecht, Ethnie oder Nationalität, Religion oder Besitz. In Christus sind alle Menschen gleich – theologisch, rechtlich, politisch. Menschen zu töten und zu lügen ist verboten. Das Reich Gottes, das wir erwarten und an dem wir mitarbeiten, bringt Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen.
Freilich darf die Kirche den Mund nicht zu voll nehmen: Allzu lange hatte sie die Menschenrechte, die Freiheit, auch die Demokratie bekämpft. Inzwischen steht die Kirche – auch wenn sie intern, etwa in den Frauenrechten, manches, was sie extern fordert, selbst nicht erfüllt – hinter diesen Prinzipien des staatlichen und sozialen Handelns und wendet sich gegen Rassismus und Ausbeutung, Autoritarismus und Unterdrückung, Nationalismus und imperiale Übergriffe. Umso schlimmer, wenn an vielen Orten der Welt – Russland und USA, aber auch Europa – rechte, sich christlich nennende Kreise (Katholiken, evangelische Christen, Orthodoxe …) offen sich gegen das Ethos und die Rationalität der Aufklärung wenden.