2. Advent (7.12.2025)
Lukas 21,28b: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Maria. Mirjam. Wie die Schwester von Mose. Die große Prophetin. Die, die gesungen hat am Schilfmeer und getanzt. Alle haben zugehört und mitgetanzt. Erlöst. Befreit. Mit erhobenem Haupt. Das war Mirjam.
Aber Maria ist anders. Maria sagt „Ja“ und „Amen“ und singt nur, wenn niemand es hört. Demütig neigt sie ihren Kopf und tut, was von ihr erwartet wird. Als Erste aufstehen. Brot backen. Putzen. Wasser holen. Manchmal ist am Brunnen Zeit für eine kleine Unterhaltung mit ihren Freundinnen. Meistens nicht. „Nein, keine Zeit.“ „Nein, du bist nur ein Mädchen.“ „Nein.“
Bald wird Maria heiraten. Einen eigenen Haushalt führen. Mutter werden. Sie hat Angst davor. Sie macht sich Sorgen. Sie ist noch so jung. So viel wird von ihr erwartet. Aber was sie will? Was sie erwartet? Wonach sie sich sehnt? Danach fragt niemand. Manchmal würde Maria auch gern „Nein“ sagen. Aber das geht natürlich nicht. So ist es eben. „Nein“, sagt Gott. „Es ist anders!“ Gott schickt seinen Engel: „Fürchte dich nicht, Maria!“ „Aber ich fürchte mich! Ich habe Angst, vor so vielem!“ „Gott ist mit dir, Maria. Sieh auf und erhebe dein Haupt. Du wirst ein Kind bekommen. Den Retter der Welt.“ „Der Welt? Nein!“ „Nein?“ „Nein, das kann ich nicht. Das ist zu groß für mich. Ich bin schwach. Ich bin jung. Ich fürchte mich.“ „Ja, Maria. Du bist schwach. Du bist jung. Du fürchtest dich. So seid ihr Menschen. Aber Gott ist anders. Gott will, dass ihr frei seid von der Angst. Du wirst den Erlöser im Arm halten. Klein und schwach. Aber ohne Angst und voller Liebe“.
Liebe. Stärker als jede Schwäche. Größer als alle Angst. „Ja, mir geschehe, wie Gott will!“ Maria ist jung. Sie ist schwach. Aber sie hat keine Angst. Sie erhebt ihr Haupt. „Ja. Und Amen.“ So beginnt es. Ein neuer Weg. Eine neue Zeit. Es wird Licht.
3. Advent (14.12.2025)
Jesaja 40,3.10: Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig.
„Hier ist ein Lied, das uns verbindet und verkündet: Bleib nicht stumm. (…) In jedem Ton liegt eine Hoffnung, eine Aktion in jedem Klang. In jedem Ton liegt eine Hoffnung, auf einen neu‘n Zusammenhalt. Hier ist ein Lied, das uns verbindet (…) und es fließt durchs Treppenhaus. Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung, auf einen Neuanfang. (…) Und wenn ich dann schweigen müsste bei all der Angst, die mich umgibt. Und wenn ich dann schweigen müsste, hätte ich umsonst gelebt. Wenn ich dich nicht bei mir wüsste, hätte ich umsonst gelebt.“ (https://umg.lnk.to/Hoffnung)
Hier ist ein Lied von Tocontronic. Eine Band, eigentlich unverdächtig, etwas mit Advent und Kirche zu tun zu haben. Hier ist trotzdem ein Lied von Hoffnung und Zusammenhalt. Ein Lied gegen die Angst. Ein Lied von der Macht der Töne und Worte.
Hier ist ein Lied, das uns verbindet. Miteinander und mit Gott. Hier ist ein Lied mit uraltem Text. Hier ist ein Lied, das Gott den Weg bereitet. Es ist das Lied von der Hoffnung auf den, der kommt. Hoffnung braucht Zeit – vier Wochen mindestens oder eigentlich schon über 2000 Jahre. Es dauert, bis das Lied der Hoffnung durchs Treppenhaus fließt. Bis die Töne sich verbinden. Immer wieder droht Hoffnung zu versickern und verloren zu gehen. Immer wieder braucht Hoffnung neue Wege und immer wieder bereiten Menschen ihr den Weg. Immer wieder bricht sie sie durch und bahnte sich neue Pfade. Immer wieder erklingen Worte und Lieder und singen Variationen von „Fürchte dich nicht!“.
Langsam aber stetig tröpfelt die Hoffnung, denn steter Tropfen höhlt den Stein und aus vielen Tropfen wird ein Strom. So beginnt das Lied zu fließen. Unaufhaltsam fließt das Lied durch das Treppenhaus, hinaus auf die Straße hinein in die Welt, und wird zum gewaltigen Strom. Es ist das Lied der Hoffnung auf die Kraft der kleinen Schritte. Auf den Mut der neuen Anfänge. Das Lied vom wundersamen Blick auf die Gegenwart mit der Perspektive auf eine andere Zukunft. „Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig“.
4. Advent (21.12.2025)
Philipper 4,4.5b: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!
Ein Leben lang hat Sara auf ihr Kind gewartet. Sie hat darauf gewartet, dass sich Gottes Versprechen erfüllt. Sie sind so viele Wege gegangen, haben gewartet und gehofft. Jetzt ist es zu spät. Das Lachen ist Sara vergangen. Die Freude schon längst.
Da kommen eines Tages Engel zu Besuch. Drei Stück auf einmal. Verrückt. Noch verrückter vielleicht sogar ihre Frage nach Sara. Sara ist dort, wo es sich für eine Frau gehört. Im Zelt, verborgen vor den Fremden. Wo sollte sie sonst sein?
Im Zelt verborgen hört Sara die ihr zugedachte Botschaft: „Sara wird schwanger werden. Ihr werdet ein Kind haben.“ Das ist doch total verrückt! Sara muss lachen. Ich stelle mir ihr Lachen leise vor, vielleicht etwas verlegen – „Abraham und ich …“ – und bestimmt klingt es ein bisschen vergnügt ob der verrückten Idee. Glücklich möglicherweise. Etwas eingerostet sicherlich und auch erstaunt, als sie spürt: „Ich kann ja noch lachen!“ Und wohl auch ein wenig peinlich berührt, denn das gehört sich nun wirklich nicht für eine alte Frau. Kichern wie ein junges Ding. Ich bin doch nicht verrückt! „Ich habe nicht gelacht!“, sagt Sara darum und schlägt die Hände vor den Mund. „Doch, du hast gelacht!“, sagen die Engel: „Gott sei Dank. Was gibt es Schöneres, als zu lachen über eine frohe Botschaft, über gute Worte, über eine erfüllte Sehnsucht und gute Hoffnung. Übers Jahr kommen wir wieder. Dann wirst du ein Kind haben.“
Das ist doch verrückt. Ein Lachen mitten im Warten. Freude in der Unsicherheit. Glück auf einem langen Weg. Das Warten auf ein Kind, in dem Gott ganz nah kommt. Und die Tatsache, dass Gott uns besuchen kommt, Jahr übers Jahr. Das große Wunder kommt noch. Der Sohn wird geboren. Sara und Abraham werden ihn Isaak nennen, das bedeutet: „Gott lässt mich lachen“. Verrückt? Vielleicht. Aber nichts ist zu verrückt für Gott. Also: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“
1. Sonntag nach dem Christfest (28.12.2025)
Johannes 1,14b: Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
In den letzten Tagen gab es viel zu sehen: Weihnachtsbäume und bunt blinkende Fenster, Herrnhuter Sterne und Lametta, wunderschöne alte und neue Krippen. Weihnachten ist anders als sonst. Besonders. Herrlich. Schön, wenn man das sieht. Wenn Gottes Herrlichkeit in den Alltag hineinleuchtet. Ich mag das. Aber wie das so ist mit dem Besonderen, ist es damit ja auch immer kompliziert. Und darum mag ich auch das Bild, an dem man vorbeikommt, wenn man in unsere Kirche eintritt. Es fällt gar nicht groß auf, ist im Dunkeln verborgen. Man muss wissen, dass es da ist, das Fresko auf einer Säule, ziemlich weit oben. Am besten braucht man eine Taschenlampe, um es richtig anzuschauen.
Josef und Maria und das Jesuskind sind dort abgebildet. Maria spielt mit Jesus, er zupft ihr ein bisschen am Kleid und übt Stehen auf Ihrem Schoß. Neben Maria und Jesus ist Josef zu sehen. Ausgestattet mit einem Winkel und einen Beutel am Gürtel kocht Josef Brei für seine Familie. Einfach so. Josef ist da für seine erschöpfte Frau und sein schwaches Kind. Und das wiederum bedeutet: Josef ist für Gott selbst da und zeigt uns so das Herrliche an Weihnachten, das doch eigentlich ganz einfach ist: Gott braucht uns. So wie ein Kind Menschen braucht, die für es da sind, mit Zuwendung, Fürsorge, Liebe. Gott wird einer wie wir, damit wir füreinander da sind. Damit der Frieden wächst und der Hass keinen Platz hat. Damit wir nicht gegen- sondern miteinander leben. In Gnade und Wahrheit. Denn in Wahrheit sind wir schwach und brauchen einander. In Wahrheit sind wir darauf angewiesen, dass wir unsere Fehler nicht nachtragen, sondern gnädig sind – miteinander und mit uns selbst. Das macht Josef. Darum gefällt es mir, dass jeder und jede, der in unsere Kirche St. Michael eintritt, an diesem Josef vorbeikommt. Weil Weihnachten einfach bedeutet, füreinander da zu sein. So wie Josef für Jesus da ist. Und das finde ich herrlich.