Kurz vor Sankt Martin erlebe ich bei meinen Fortbildungen regelmäßig, wie unterschiedlich Kitas mit dem Thema umgehen. Nicht selten höre ich Sätze wie: „Sankt Martin ist echt stressig. Als gäbe es vor Weihnachten nicht genug zu tun.“ Während in der einen Kita identische Laternen gebastelt werden, was den Arbeitsaufwand auf gewisse Weise reduziert, hängen in der anderen Plakate an der Wand, auf denen Kinder ihre Wunschlaterne gemalt haben. Dort werden dann realistische Laternenvarianten dialogisch mit den Kindern ausgehandelt. Ich finde, so wird das Kinderrecht auf Partizipation konsequent umgesetzt, nämlich die Kinder ganz selbstverständlich zu fragen, ob sie das Fest feiern möchten und wer eine Laterne basteln will.
Ein weiteres Thema ist das Liedgut. In manchen Kitas werden die Kindertreffs (Morgen- oder Stuhlkreise) Anfang November primär dazu genutzt, die Lieder für den Laternenumzug aufzufrischen. In anderen Kitas wiederum können die Kinder freiwillig ein Angebot wählen, in dem die Lieder gemeinsam ausgesucht und vereinbart werden – auch solche, die nicht direkt mit Sankt Martin zu tun haben. Durch die Brille „Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ betrachtet bietet es sich an, darüber nachzudenken:
- Wozu feiern wir dieses Fest (auch als nicht-konfessionelle Kita)?
- Welchen Bildungsaspekt verbinden wir damit?
- Worin besteht der Mehrwert für die Kinder und Familien?
- Wie können wir auch in diesem Kontext Vielfalt abbilden?
- Wie geht es den Kindern damit, die nicht religiös-christlich sozialisiert sind?
- Wie erreichen wir Familien mit andere Familiensprachen als Deutsch?
- Könnten wir Lieder in anderen Sprachen integrieren und vorab einüben?
- Wollen wir uns kundig machen, ob ein vergleichbares Fest in anderen Kulturen existiert?
Das Martinsfest ist fast immer Anlass, über die Legende des Heiligen zu sprechen: Als Soldat hat er seinen Mantel mit einem Bettler geteilt, der eigentlich Jesus Christus verkörperte. Dieser erscheint ihm danach im Traum, gibt sich zu erkennen und dankt ihm. Daraufhin lässt Martin sich taufen, wird Mönch, später Bischof und setzt sich zeitlebens für Arme und Kranke ein. Diese Erzählung leitet meist dazu über, mit den Kindern Themen wie Teilen, Hilfsbereitschaft und Aufopferung anzusprechen. Doch hier lauert aus meiner Sicht immer auch eine versteckte Botschaft: Nämlich dann, wenn Erwachsene Kinder zum Objekt ihrer Vorstellungen machen, wie diese sein sollen: hilfsbereit, aufopfernd, großzügig im Teilen und Abgeben, sozial, empathisch. Doch das meiste davon bringen die Kinder bereits mit und müssen es nicht erst beigebracht bekommen.
Der Sankt-Martins-Stress lässt sich aus dem Kita-Alltag rausnehmen: Wir müssen uns nur darauf besinnen, dass Kinder positive Eigenschaften auch durch Vorbilder, gute Gemeinschaften und gleichwürdige Beziehungserfahrungen verinnerlichen – ohne moralischen Zeigefinger und nicht zwingend mit Laterne.