Berufsmüde? Das muss nicht sein!

Geht es um Arbeitsbelastungen in der Kita, denken viele spontan an Personalmangel oder Lärm. Was bisher noch wenig Beachtung findet, sind die permanenten Wiederholungen in der täglichen Arbeit. Denn hier lauert die Gefahr von schleichender Berufsmüdigkeit. Doch dagegen lässt sich etwas tun.

Gestresste Frau
© New Africa - shutterstock

Von Berufsmüdigkeit wird gesprochen, wenn die Arbeit nicht nur als erschöpfend, sondern auch als zu vorhersehbar erlebt wird. Abläufe, Inhalte und Zuständigkeiten wiederholen sich auf eine Art, die nach und nach die Motivation und Arbeitsfreude einschränkt. Abwechslung und Begeisterung bleiben auf der Strecke. Das belastet nicht nur das eigene Wohlbefinden, sondern auch das Engagement für die Arbeit und das Klima im Team.

Praxisbeispiel

Mila leitet seit 12 Jahren eine viergruppige Einrichtung und merkt, dass ihr die Arbeit früher mal deutlich mehr Freude bereitet hat. Als sie die Bürotür aufschließt, überkommt sie ein Gefühl der Lustlosigkeit. Es ist nicht das erste Mal, doch mittlerweile nimmt sie deutlich wahr, dass sie an mindestens drei Orten lieber wäre – sogar im Fitnessstudio, das sonst das Schlusslicht bildet. Sie schaut auf ihre Liste und überfliegt die Punkte: alles wie immer. Doch darin liegt das Problem. Eigentlich gilt die Arbeit in der Kita als abwechslungsreich und emotional fordernd. Mila möchte auch in der Kita bleiben, weiß aber, dass sich etwas ändern muss.

Routinen prägen das Zeiterleben

Während sich für Mila im Laufe ihrer Leitungstätigkeit inhaltlich kaum etwas verändert hat, sieht sie Familien kommen und gehen. Sie ziehen weiter und wenn Mila die Kinder Jahre später wiedersieht, kann sie kaum glauben, wie jung sie damals in der Kita waren. Natürlich entwickelt sie selbst sich auch weiter, setzt sich mit neuen Anforderungen auseinander und kämpft täglich dafür, dass sich ihr Team wohlfühlt. Doch was fehlt, ist die Art von Abwechslung, die die weiterziehenden Familien erleben: neue Aufgaben, andere Inhalte und ein unterschiedliches Zeiterleben. Nicht, dass solche Abwechslungen per se besser sind, aber sie sind einfach anders. In der Kita scheint die Zeit für Mila jedoch stillzustehen. Und was für jede neue Familie am ersten Kita-Tag noch dringende und emotionale Fragen sind, haben Fachkräfte und Leitung schon tausendmal beantwortet.

ANZEICHEN VON BERUFSMÜDIGKEIT

  • innere Distanz zum Geschehen in der Gruppe
  • sinkende Aufmerksamkeit in Routinesituationen
  • gefühlter Stillstand bei hoher Arbeitsbelastung
  • häufige Rede von „müssen“ statt „wollen“
  • zunehmender Zynismus und „Dienst nach Vorschrift“

Feste Abläufe haben auch Vorteile

Wiederholung ist ein zentrales Lernprinzip. Doch was für die meisten Kinder entwicklungsförderlich ist, kann für Erwachsene auf Dauer zu Stagnation führen. Erlebte Monotonie pädagogisch damit zu erklären, dass Kinder Wiederholungen bräuchten, übersieht die Nachteile, die die immer gleichen Abläufe dem Team bringen. Manches Mal haben jedoch auch die Fachkräfte selbst ein (verständliches) Bedürfnis nach gleichbleibenden Abläufen, um das „Chaos“ im Kita-Alltag besser bewältigen zu können.
Mag das erste, zweite und dritte Sommerfest noch aufregend sein, so verliert es spätestens beim zehnten Mal seinen Reiz. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn es um die Vorbereitung und Durchführung geht. Freiwillige werden weniger und meist sind es dieselben Personen: „Jana macht das immer, sie springt bestimmt wieder ein.“ Dieses „immer“ signalisiert zwar Professionalität, aber womöglich auch fehlende Abwechslung. Und das bemerken nicht nur die Teammitglieder, sondern auch die Familien.
Für die Leitung bleiben viele Aufgaben im Jahreslauf ebenfalls dieselben: ob Einstellungs-, Erst- und Konfliktgespräche, Beiratssitzungen, Buchführung, Krank- und Urlaubsmeldungen, Organisation der Gruppen, Dokumentationen und fristgerechte Antragsstellungen. Hier fehlt häufig genauso der Gestaltungsspielraum, also der „Frische-Kick“, der die Arbeit lebendig hält.
Mila hat heute ein Trägergespräch, in dem es um die Planung einer Teamfortbildung geht. Sie möchte die Kita dafür drei Tage schließen, damit das komplette Team teilnehmen kann. Schon jetzt weiß sie, dass der Träger die Idee erst einmal ablehnen wird und sie ihren Vorschlag noch mindestens zweimal umarbeiten muss, ehe der Antrag genehmigt wird. Diese sich wiederholende Anstrengung verbraucht viel von ihren Kraftreserven. Dass sich Mila und ihr Team als selbstwirksam erleben möchten, ist ein psychisches Grundbedürfnis. Mitarbeitende wollen ihre Stärken einbringen und Handlungsspielräume nutzen. Sind diese aber nicht gegeben oder werden sie ständig eingeschränkt, leidet darunter die Arbeitsfreude.

Das Gehirn braucht Abwechslung

Neurobiologisch gesehen spart Routine Energie und hilft, zu „funktionieren“, ohne ständig überlegen zu müssen. Besteht jedoch der größte Teil des Tages lange Zeit aus Routinehandlungen, schaltet das Gehirn in den Sparmodus: Die Aufmerksamkeit sinkt und sinnliches Empfinden geht ebenso verloren wie die Lust an Neuem. Gehirnfreundlich zu arbeiten, bedeutet aber nicht, geliebte Rituale abzuschaffen, sondern sie zu reflektieren und mit neuen Impulsen beleben. Da lebenslanges Lernen notwendig ist, um im Beruf gesund zu bleiben, dürfen es neben den Pflichtaufgaben auch zu lösende Rätsel und begeisternde Themen sein.
In Teams gibt es immer unterschiedliche Ansichten und neue Ideen werden kritisch oder gar ablehnend beäugt. Doch kann permanente Unzufriedenheit im Team auch darauf hinweisen, dass einige seiner Mitglieder berufsmüde sind. Sie stehen nicht nur neuen Aufgaben oder Zuständigkeiten skeptisch gegenüber, sondern bringen sich selbst kaum noch ein, empfinden Termine als lästig und zeigen dies auch aktiv oder passiv. Auf aktiven Widerstand kann die Leitung eingehen, sich die Anliegen anhören und mit den Betroffenen Lösungen finden. Passiver Widerstand ist oft nicht gleich erkennbar und kann unterschwellig die Stimmung im Team sabotieren, bis die Arbeit für alle „ungenießbar“ wird. Die Kolleg:innen an diesem Punkt noch zu erreichen, ist wesentlich schwerer, als eine drohende Berufsmüdigkeit im Vorfeld wahrzunehmen und ihr entgegenzuwirken.

Team und Träger können gestalten

Was die Fachkräfte anbelangt und in ihrem Einflussbereich liegt, das steuern sie weitestgehend auch selbst (Verhaltensprävention). Doch die Verantwortung für Rahmenbedingungen liegt bei der Leitung und dem Träger. Arbeitsbedingungen, Organisation, Ressourcen, Teamstrukturen und Zeitmodelle, aber auch Raumgestaltung, Aufgabenverteilung und Leitungshandeln entscheiden darüber, ob sich Fachkräfte wohlfühlen (Verhältnisprävention). Strategien gegen Berufsmüdigkeit setzen daher auf beiden Ebenen an: bei den Handlungs- und Reflexionsmöglichkeiten der Fachkräfte im Alltag und bei der Gestaltung der organisatorischen und strukturellen Rahmenbedingungen.
Um Abwechslung in den Kita-Alltag zu bringen, ist anfangs zu schauen, wer von bestehenden Routinen profi tiert. Das können neurodivergente Kinder und Kinder in Eingewöhnung sein, aber auch Kolleg: innen, die feste Abläufe brauchen, um durch den Tag zu kommen. Teams sollten Änderungen von Gruppenzusammensetzungen oder neue Abläufe off en unter dem Aspekt diskutieren: Was ist trotzdem möglich? Dabei liegt der Fokus nicht auf dem Problem („Bei uns geht das nicht“), sondern auf der Lösung („Wie wäre es dennoch umsetzbar?“). Für neue Ansätze sind Testphasen sinnvoll, um das Team einzubeziehen und später gemeinsam zu refl ektieren: Was läuft gut? Was sollten wir ändern? Was war vorher besser?

Spielerische Elemente lockern auf

Ob als pädagogisches Escape-Game am Konzeptionstag, als Quiz in der Verfügungszeit oder als schnelle Runde „Stadt, Land, Kita“ in der Teamsitzung – Spiele sind nicht nur Teil der Interaktionen mit Kindern oder der Freizeitgestaltung nach Feierabend. Spielerische Elemente lassen sich vor Ort für pädagogische Themen nutzen, um die Lernfreude und Motivation des Teams zu stärken. Nicht alle Methoden sind auch allen angenehm. Darauf gilt es, Rücksicht zu nehmen und Angebote so zu gestalten, dass alle Teammitglieder einen Zugang finden.
Mila aus dem Praxisbeispiel nimmt sich vor, starre Routinen durch spielerische Elemente wie sogenannte Spinner-Sitzungen und den „Boden ist Lava“-Tag aufzubrechen. Sie ist überzeugt, dass auch das Team für solche Ideen off en ist und sich wahrscheinlich sogar dafür begeistern wird. Kleine Veränderungen wie diese können eine festsitzende Berufsmüdigkeit natürlich nicht von heute auf morgen beseitigen. Aber sie sorgen im Team zumindest für Auflockerung und eine gewisse Stärkung. Und wenn Mila merkt, dass ein bestimmtes Angebot nicht mehr seinen Zweck erfüllt, wird sie es mit dem Team überdenken.

Die Leitung befragt auch sich selbst

  • Welche Aufgaben wiederholen sich für mich seit Jahren unverändert?
  • Wo habe ich Gestaltungsspielraum und würde ihn gern erweitern?
  • Welche Tätigkeiten geben mir Energie, welche nehmen sie mir?
  • Wie gehe ich mit länger anhaltenden Belastungen um?
  • In welchen Bereichen fühle ich mich fachlich oder strategisch unterfordert?
  • Setze ich meine Leitungskraft nicht nur administrativ, sondern auch konzeptionell ein?
  • Für welches Thema brenne ich aktuell und wie könnte ich ihm mehr Raum geben?
  • Sorge ich gezielt für meine persönliche Weiterentwicklung (Fortbildungen, Coaching, Supervision)?
  • Welche Routinen kann ich verändern, um neue Impulse zu setzen?
  • Welche Unterstützung wünsche ich mir und wie kann ich sie klar einfordern?
kindergarten heute - Das Leitungsheft für die Kita-Leitung: Für die Organisation und Steuerung von Prozessen in der Kita

Das Leitungsheft im Abo

  • 4 Ausgaben pro Jahr
  • Fundiertes Wissen und Arbeitsmethoden in allen Leitungsaufgaben
  • Unterstützung für die Zusammenarbeit mit Eltern, Team und Träger
  • Themen für die Leitungspraxis
1 Ausgabe gratis