SprachförderungSollen Kitas gezielt auf die Schule vorbereiten?

Porträt von drei Frauen.
© privat

Ja, denn Kinder, die beim Schuleintritt über einen geringen Wortschatz verfügen oder ihre Bedürfnisse, Gedanken und Gefühle nur eingeschränkt ausdrücken können, starten häufig mit erschwerten Voraussetzungen. Deshalb halte ich ergänzende, verbindliche Sprachfördermaßnahmen im letzten Kita-Jahr für sinnvoll. Alltagsintegrierte Sprachbildung gehört zu den Kernaufgaben der Kita. Sie reicht jedoch nicht immer aus, um bestehende Sprachrückstände auszugleichen.
In meiner Arbeit erlebe ich, wie sehr fehlende sprachliche Voraussetzungen den Schulstart erschweren. Gerade zu Beginn werden Arbeitsaufträge erklärt, Inhalte besprochen und Lernwege gemeinsam reflektiert – vieles davon erfolgt sprachlich. Wenn Wortschatz und Sprachverständnis noch nicht ausreichend entwickelt sind, fällt es Kindern schwerer, Arbeitsaufträge zu verstehen und sich aktiv am Unterricht zu beteiligen.
Strukturierte Sprachfördermaßnahmen bedeuten nicht, dass die Kita ihren eigenen Bildungsauftrag verliert. Sie schaffen vielmehr zusätzliche Gelegenheiten, sprachliche Grundlagen systematisch aufzubauen und Kinder gezielt auf die Anforderungen der Schule vorzubereiten. Möglich ist hier themenbezogene Wortschatzarbeit, damit Kinder beispielsweise Begriffe wie Federmäppchen, Lineal oder Radiergummi sicher verwenden können. Spielerische Reim-, Silben- und Anlautspiele zur Förderung der phonologischen Bewusstheit bereiten auf den Schriftspracherwerb vor. Gut gestaltete, verbindliche Förderangebote können dazu beitragen, Bildungsbenachteiligungen frühzeitig entgegenzuwirken und allen Kindern bessere Startchancen zu ermöglichen.

Nein, denn wir brauchen keine Nachhilfestunden für Vorschulkinder, sondern Kitas, die personell und räumlich kindgerecht ausgestattet sind. Damit könnten pädagogische Fachkräfte alle Kinder so begleiten und fördern, dass sie nach ihrer Kita-Zeit mit entsprechenden sozialen, emotionalen, kognitiven, motorischen und sprachlichen Kompetenzen in die Schule kommen.
Unsere Kitas sind das Fundament des Bildungssystems. Pädagogische Fachkräfte werden jahrelang frühpädagogisch ausgebildet. Sie besitzen didaktisch-methodische Kompetenzen, um Kinder adäquat in ihrer Entwicklung zu begleiten. Das große Problem sind die Rahmenbedingungen. Im Kita-Alltag mangelt es an Raum und Zeit für Zuwendung, Gespräche, das Aufgreifen von Fragen und Ideen, gemeinsames Forschen, Ausprobieren und Üben. Viele Kinder verbringen bereits ab dem Kleinkindalter mehr ihrer wachen Zeit in der Kita als zu Hause. Wissenschaft und Fachpraxis sind sich seit Jahren über die personellen und räumlichen Mindestanforderungen1 an eine gute Kita-Qualität einig. Bisher werden diese Standards aber in keinem Bundesland umgesetzt.
Braucht es Lehrkräfte, die Kita-Kindern mit Entwicklungsdefiziten Förderunterricht erteilen? Wir finden nein, denn ein Kind macht von Geburt an Lernerfahrungen und ist auf vertrauensvolle beständige Beziehungen – in Familie und Kita – und eine entwicklungsförderliche Umgebung angewiesen. Was also in den ersten Lebensjahren nicht gelernt wurde, ist bereits in den sogenannten ABC-Klassen oder der Klasse Null nicht mehr so leicht aufzuholen.

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