Herr Maywald, wer heute Nachrichten schaut, der sieht Kriege, hört Gewalt und nimmt Polarisierung wahr. Das geht an Ihnen als Kinderrechts-Experte mit Sicherheit nicht spurlos vorbei, oder?
Tatsächlich wird die Herrschaft des Rechts mehr und mehr durch das Recht des Stärkeren abgelöst. Manchmal hat man sogar den Eindruck, dass die Welt den Rückwärtsgang eingeschaltet hat. Beispiele findet man in der Tat zu Genüge, etwa Putin und die Ukraine, Trump und Iran oder China und Taiwan. Da passieren Dinge, die klare Brüche des Völkerrechts sind, auf das wir nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben. 70 Länder weltweit haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung gemäß der UN-Kinderrechtskonvention in ihre nationalen Gesetze übernommen. Und wer fehlt? China, Russland und die USA.
Welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit in Kitas?
Unsere pädagogischen Leitlinien, die gleiche Würde und die gleichen Rechte aller Menschen zu achten, aber auch mitfühlend und solidarisch zu sein, geraten in Widerspruch. Unser pädagogischer Kompass verliert an Orientierung; das beunruhigt mich. Und auch wenn es große Unterschiede gibt, muss ich sagen: Erwachsene sind schlechte Vorbilder. Wir können viel reden, aber wir handeln anders – jedenfalls die Erwachsenenwelt insgesamt. Das kann auch zu Verunsicherung bei den Kindern selbst führen, etwa nach dem Motto: ‚Ihr sagt uns etwas und haltet euch selbst nicht dran.‘ Das macht es auch für die Pädagogik schwierig. Demokratiebildung und Kinderrechtsorientierung stehen mit dem Rücken zur Wand.
Wie können pädagogische Fachkräfte auf diese Orientierungslosigkeit reagieren?
Wir müssen als Fachkräfte, Träger und auch in der Aus- und Fortbildung klar Position beziehen. Das bedeutet jetzt nicht, sich parteipolitisch zu engagieren, das würde ich von niemandem verlangen – es sei denn, es wird freiwillig gewollt. Aber wir müssen einstehen für die Grundlagen des Zusammenlebens, ganz konkret die Menschenrechte und die Kinderrechte. Auch Rechtsstaatlichkeit1 und das Demokratieprinzip2 müssen wir im Alltag mit Kindern leben. Wir müssen darauf bestehen, dass alle Kinder die gleichen Rechte haben.
Woran erkennen Kinder ebenjene Qualität?
Kinder erkennen diese daran, wenn sie gerne in die Kita gehen, wenn sie dort fröhlich spielen können, wenn sie Freund:innen finden, wenn sie ihrer Neugier Ausdruck verleihen können und es Bildungsangebote gibt. Und daran, dass sie sich in einer schwierigen Situation, wenn sie sich nicht wohlfühlen oder wenn sie traurig sind, an vertraute Erwachsene wenden können. Es gibt eine schöne Untersuchung in Österreich3 zum Thema ‚Was macht Kinder glücklich?‘. Und da haben die Kinder gesagt: Mit den Eltern etwas unternehmen. Das kann die Kita natürlich nicht bieten. Aber die beiden anderen Punkte schon, nämlich Natur und Tiere. Also das Herumstreifen in der Natur und die Begegnung mit Tieren. Das ist etwas, was aus Kindersicht ganz besonders mit Glück zusammenhängt und damit auch mit Qualität in Verbindung gebracht werden muss.
Wenn Sie an einem einheitlichen Qualitätsgesetz schreiben dürften, was wären Ihre wichtigsten drei Punkte?
Das ist ein toller Gedanke und würde ich wirklich gerne machen, am besten mit vielen anderen zusammen. Alle sagen natürlich mehr Ressourcen und Strukturqualität. Oder ein anderer Fachkraft-Kind-Schlüssel und so weiter. Aber ich möchte mich mal an unkonventionelle Vorschläge trauen. Ich würde vorschlagen, dass das Team jeder Kita ein freies Budget hat. Mit Mitteln in erheblicher Höhe, also nehmen wir mal 50.000 Euro pro Jahr. Mit diesem Budget dürfen die Kitas frei entscheiden, welche Projekte umgesetzt werden mit den Kindern, mit den Eltern oder vielleicht ja auch für die Weiterentwicklung der Fachkräfte. Also eine echte Entscheidungsmacht auf Teamebene. Ein zweiter Vorschlag ist das Etablieren von Kinderrechten als Fixstern in der Arbeit, und zwar im Sinne von Orientierungsqualität. Und ein dritter Punkt, der mir immer sehr am Herzen liegt, baut die mittelbaren pädagogischen Tätigkeiten auf mindestens 20 Prozent der Arbeitszeit aus, etwa in Form des Austauschs mit Eltern, der Vernetzung im Sozialraum, der Weiterbildung oder der Vor- und Nachbereitungszeit.
Statt zusätzliches Budget und mehr Vorbereitungszeit haben die Kitas mit ganz neuen Problemen zu kämpfen, nämlich den Auswirkungen des demografischen Wandels und vieler unbesetzter Kita-Plätze. Eine schwierige Situation, oder?
Das ist allerdings richtig. Es gibt ja jetzt schon mehr Konkurrenz, die bemerkbar wird. Weltweit gesehen – und auch über einen viel längeren Zeitraum –ist der Geburtenrückgang eine gute Sache. Mehr Menschen werden in Wohlstand leben können. Aber vor Ort ist die Situation natürlich eine andere. Doch auch hier bin ich davon überzeugt, dass mehr Konkurrenz auch zu positiven Nebenwirkungen führen kann: wenn man in Kitas eben nicht mehr selbstverständlich davon ausgeht, dass die Plätze belegt werden, sondern dass sie was bieten müssen. Ziel muss sein, dass Kitas ein Profil entwickeln, mit denen sie Eltern überzeugen können, ihre Kinder dorthin zu geben. Das kann auch zu einer positiven Konkurrenz führen, wenngleich es leider auch einige hart treffen wird.
Wir haben nun sehr negativ auf die aktuelle Situation geblickt. Gibt es etwas, das Ihnen Hoffnung macht?
Hoffnung machen mir die jungen Menschen, die Kinder und Jugendlichen. Ich vertraue auf deren Anpassungs- und Innovationsfähigkeiten. Junge Menschen wollen die Welt erkunden, auch per Flugzeug. Und ich würde meinen, sie werden Möglichkeiten finden, Flugzeuge mit erneuerbaren Energien fliegen zu lassen. Junge Menschen wollen lecker essen, auch Fleisch. Sie werden pflanzenbasierte Alternativprodukte entwickeln, die mindestens so gut schmecken wie herkömmliche Fleischprodukte. Und junge Menschen wissen um die Bedeutung einer hochwertigen und verlässlichen frühen Bildung ihrer Kinder. Sie werden Kitas entwickeln, die sich nicht nur in die Gesellschaft hinein öffnen, sondern die auch nach innen offen sind, etwa durch eine deutlich stärkere Einbeziehung der Eltern und Familien.
Das Gespräch führte Thilo Bergmann, Redaktion kindergarten heute.