Geht das nur mir so?Die wirklich wichtigen Dingen

Illustration von unterschiedlichen Materialien wie Eimer, Pinsel und vieles mehr.
© Marén Gröschel, Braunschweig

Es gibt Dinge, auf die freut man sich: einvoll besetztes Team, ein gut organisierter Ausflug zum Reiterhof, ein pünktlicher Feierabend. Dann gibt es Dinge, auf die freut man sich weniger. Worauf ich mich tatsächlich immer freue: Dienstbesprechungen! Ganz ironiefrei: Ich liebe Dienstbesprechungen! Jedenfalls in der Theorie. Endlich kann das Team sich um die pädagogischen Themen des Alltags kümmern, für die es sonst keinen Raum gibt.
Alle sitzen an einem Tisch. Wir können uns in Ruhe austauschen – ohne Armzuppeln und ununterbrochenes „Vanessa, Vanessa, Vanessa“.
Eine Kollegin fühlt sich vielleicht mit dem aktuellen Schlafkonzept nicht wohl, hat jüngst eine Fortbildung dazu besucht und möchte ihre neuen Erkenntnisse teilen. Fallbesprechungen können stattfinden. Ein Kind verhält sich in letzter Zeit auffällig, auch die Mutter wirkt überfordert und müder als sonst. Was können wir tun? Wie können wir sie unterstützen? All die Fragen, Unsicherheiten und Wünsche finden endlich einen Platz. Die Hektik des Alltags und das schnelle Fällen von Entscheidungen kann durch eine gut strukturierte Dienstbesprechung ausgeglichen werden. Theoretisch.
fIn der Praxis geht es dann so: Die Dienstbesprechung fällt aus, weil einfach zu viele aus dem Team fehlen. Kollegialer Austausch? Reflexionen? Gemeinsame Entscheidungen? Okay, diese Woche nicht. „Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben“, sage ich mir und freue mich schon umso mehr auf die nächste Sitzung.
Die Dienstbesprechung startet. Jan hebt die Hand: Es ist ihm wirklich wichtig, uns mitzuteilen, dass die Gestaltung der Infotafel „irgendwie nicht mehr so schön aussieht“, und legt stolz eine pastellfarbene Farbpalette aus dem Baumarkt auf den Tisch. Julia seufzt hörbar, also sie findet: „Die Farben sind überhaupt nicht passend!“ Laura fragt, warum es überhaupt so bunt sein muss: „Für die Eltern reicht es ganz schlicht.“ Und während ich mir noch die Logo-Farben der Kita ins Gedächtnis rufe, sind wir schon mitten in der Diskussion: „Wir sind immer noch ein Kindergarten!“ – „Ja, aber wir können nicht alles an den Kindern ausrichten!“ – „Wir sind doch kein Architekturbüro!“
Irgendwann wirft Jasmin ein, dass auch die Wand im Flur einen neuen Anstrich brauchen könnte. Und damit ist die Bühne frei für einen weiteren heftigen – pardon, engagierten – Austausch über die Wirkung von Farben auf die kindliche Psyche, Lernprozesse und das Wohlbefinden.
Die Uhr zeigt kurz vor 6 Uhr an – fünf Minuten vor Feierabend. Zwei Stunden Dienstbesprechung sind vorbei. „Lasst es für heute gut sein“, seufzt Kita-Leiterin Leonie und schiebt noch hinterher: „Vielen Dank für die großartigen Wortbeiträge! Nächstes Mal kümmern wir uns dann um die Punkte, die heute offengeblieben sind.“ Aylin, die im Vorfeld neues Sprachförderungsmaterial vorstellen wollte, murmelt: „Okay, dann beim nächsten Mal.“
„Gut, das war’s heute nicht“, denke ich, „aber beim nächsten Mal kümmern wir uns bestimmt um die wirklich wichtigen Dinge.“ Schnell werfe ich noch einen Blick auf Infotafel und Flur. „Vielleicht ein entspannendes Himmelblau?“

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