Eine Kita öffnet sichMehr als nur Räume verändern

Weg von Kontrolle und festen Strukturen – Kita-Leiterin Barbara Reiser erzählt von dem Schritt zur Offenen Arbeit und einem mutigen Perspektivenwechsel. Ein Umdenken, das die gesamte Kita-Kultur verändert hat.

Eine Einhängetafel mit den Bildern der Kinder.
© Barbara Reiser, Tuntenhausen

Zu Beginn meiner Leitungstätigkeit war das pädagogische Handeln meines Teams und mir stark von Struktur, Kontrolle und klaren Regeln geprägt. Ordnung, Verlässlichkeit und die Einhaltung von Vorgaben galten uns als zentrale Voraussetzungen für gelingende pädagogische Arbeit. Hierzu gehörten Angebote zu festen Zeiten, wie der verpflichtende Morgenkreis um 8.30 Uhr und die Turnstunde an einem festen Tag. Die Angebote orientierten sich an Jahreszeiten und dem religiösen Jahreskreis, die wir oft weit vorausplanten. Im Team interpretierten wir auffälliges Verhalten häufig als mangelnde Motivation oder bewusste Grenzüberschreitung. Entsprechend reagierte ich mit Konsequenzen, Ermahnungen oder verstärkter Kontrolle. Rückblickend war diese Haltung weniger von Vertrauen als von einem impliziten Machtgefälle geprägt. Die Beziehungen blieben oft angespannt und echte Entwicklungsprozesse waren nur begrenzt sichtbar.
Eine Studienfahrt mit Schwerpunkt Reggio-Pädagogik war entscheidend für mein Umdenken. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Bild vom kompetenten Kind sowie die Erfahrung partizipativer, forschender Pädagogik stellten viele meiner bisherigen Selbstverständlichkeiten infrage. Mit zahlreichen Eindrücken und Fotos im Gepäck kehrte ich beseelt zurück – mit einer Vision.
Eine Woche später fand ein Teamtag mit der pädagogischen Qualitätsberatung statt. Kurzerhand haben wir die Planung über Bord geworfen und den Tag mit einer Präsentation der mitgebrachten Bilder begonnen. Der ganze Tag war geprägt von Gesprächen, Austausch, Reflexion, Fragen und Antworten. Etwa darüber, wo neue Spielbereiche entstehen können, wie der Überblick behalten werden kann und wie wir dem Bedürfnis der Kinder nach Bewegung und Ruhe gerecht werden können. Eine Handvoll Pädagog:innen erklärte sich bereit, eine Explorationsgruppe zu bilden. Ihr Ziel war es, unser Haus gezielt unter die Lupe zu nehmen, mögliche Veränderungen zu planen und erste Umsetzungsschritte zu erarbeiten.
Nicht alle konnten sich konzeptionelle Veränderungen vorstellen. Die Gruppen zu öffnen und gewohnte, lieb gewonnene Strukturen zu überdenken, war eine große Herausforderung. Besonders schwierig war es, feste Gruppenstrukturen loszulassen und das Prinzip „meine Kinder – mein Gruppenraum“ aufzugeben. Diese Struktur hatte über Jahre Sicherheit, Orientierung und klare Zuständigkeiten geboten – für Fachkräfte, Kinder und Eltern.

Auf der Suche nach ruhigen Ecken

Mit dem Meterstab ausgerüstet, um den Brandschutz nicht außer Acht zu lassen, wurden Ecken gesucht, die sich gut als Arbeitsnischen mit verschiedenen selbsterklärenden Spielmaterialien nutzen lassen. Der Reggio-Ansatz besagt, dass Arbeitsbereiche so gestaltet werden sollen, dass sie möglichst abgeschirmt sind, damit sich die Kinder besser konzentrieren können und weniger abgelenkt werden. Ein weiterer Schwerpunkt war die Ausstattung der Räume mit Spiegeln, was das Team von Beginn an begeistert hat. Kinder lernen dadurch ihren Körper besser kennen und entwickeln ein Bewusstsein für sich selbst.
Es zeigte sich, dass die Umgestaltung der Räume viel einfacher war als das Umdenken im Team. Die Angst, die Kinder nicht mehr gut genug im Blick zu haben, auch die Sorge, außerhalb des eigenen Gruppenraumes arbeiten zu müssen, beschäftigte das Team sehr. Mithilfe von Supervision haben wir uns mit den Sorgen auseinandergesetzt. Wir haben gemeinsam Fachartikel bearbeitet, Filme zur Reggio-Pädagogik und Offenen Arbeit angesehen und uns bewusst in die Räume gesetzt, um diese auf uns wirken zu lassen. Veränderung braucht viel Geduld, ein offenes Ohr der Leitung und Verständnis für jede einzelne Person. Manchmal geht es so drei Schritte vor, aber auch mal fünf Schritte zurück, und das ist in Ordnung.
Es wurde immer wieder klar, dass für offenes Arbeiten mehr als eine Raumveränderung nötig ist. Es geht auch um Kommunikation. Plötzlich reicht es nicht mehr aus, nur mit der direkten Gruppenkollegin zu kommunizieren. Es muss ein Überblick im ganzen Haus geschaffen werden. Ein wichtiger Schritt war es zudem, Funktionsräume aus den Gruppenräumen zu entwickeln. Weg vom Vier-Ecken-Prinzip, hin zur Offenen Arbeit:

  • Alle Bereiche, die doppelt vorhanden waren, etwa die Bauecke, haben wir zusammengelegt.
  • Wo ist Bauen am besten möglich? Wo können Kinder zur Ruhe kommen? Wo können sie ungestört dem Rollenspiel nachgehen?
  • Der Essbereich wurde aus den Gruppenräumen in einen separaten Raum verlegt.
  • Durch eine Einhängetafel im Flur schaffen wir für alle einen Überblick: Wer ist wo und welche Räume können bespielt werden?

Selbst die skeptischen Pädagog:innen begannen, eigene Ideen einzubringen und Lernprozesse aktiv zu begleiten. So wurden beispielsweise kreative Angebote für alle Kinder der Einrichtung gemacht. Nach und nach wurden die Räume strukturierter und klarer gestaltet. Dabei half es, das Materialangebot zu reduzieren und die Materialien zu fotografieren, um den Kindern das Aufräumen zu erleichtern und sie zu selbstständigem Handeln anzuregen. Alle umgesetzten Schritte wurden in Teamsitzungen gemeinsam reflektiert und gegebenenfalls optimiert.

Die Wirkungen auf Kinder und Team

Acht Jahre später kann ich sagen: Im Team hat sich eine gemeinsame Überzeugung entwickelt. Die damals erprobte Haltung ist so stark verankert, dass wir uns ein anderes Arbeiten kaum noch vorstellen können. Sie drückt sich aus durch Offenheit für die Themen der Kinder, durch Abwarten und beobachtende Haltung, durch Flexibilität und Spontaneität – durch Achtsamkeit, vor allem in der Sprache. Wir bleiben beim Fragen und haben nicht auf alles sofort eine Antwort.
Als Leitung hat mich ein wichtiger Leitgedanke durch die ganze Zeit begleitet: Alle im Team tragen einen unsichtbaren pädagogischen Rucksack. Darin befinden sich all das Wissen, die Erfahrungen und die Ideen; ein über Jahre gesammelter, wertvoller Erfahrungsschatz. Dieser Rucksack ist elementar und sollte uns bei der Arbeit mit den Kindern immer begleiten, aber er muss geschlossen bleiben. Er wird geöffnet, wenn die Kinder einen Impuls von uns brauchen, wenn wir beobachten, dass ein Kind Interesse an etwas hat, und wenn wir einen Beitrag leisten können, um gemeinsam das Entdecken und Staunen zu erleben. Unser Auftrag ist es, im richtigen Moment, wenn das „Bildungsfenster“ des Kindes geöffnet ist, den richtigen Impuls zu setzen. So entsteht Lernen ganz von selbst. Ohne Zwang, ohne das Überstülpen von Wissen, sondern durch gezielte Beobachtung, Zurückhaltung und Abwarten. Der/ die Erwachsene ist nicht dafür da, zu wissen, was für das Kind gut ist, sondern die Interessen des Kindes zu entdecken und diesen zu folgen – als Lernbegleiter:in und Mitlernende:r.
Diese Veränderungen zeigen sich bei den Kindern:

  • Die Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit nehmen zu, wenn man den Kindern vertraut und für sie Freiräume schafft.
  • Konflikte treten seltener auf, da es viel mehr Platz für ihre Interessen gibt, weniger Kinder in einem Raum sind und die Möglichkeit des Rückzugs besteht.
  • Lernprozesse können aufgrund des „Mehr-Augen-Prinzips“ (verschiedene Sichtweisen werden zusammengetragen) gezielter beobachtet und begleitet werden.
  • Kinder nehmen ihr Stimmrecht aktiv wahr. Je mehr die Kinder einbezogen werden, desto mehr sehen sie, dass ihre Meinung zählt und sie im Mittelpunkt des Tuns stehen. Das fängt mit dem Ankommen an. Wo möchte ich heute starten? Mit wem möchte ich spielen? Welche Pädagogin/welcher Pädagoge tut mir jetzt gut?
  • Die Kinder wählen ihr Angebot: Woran möchte ich wie lange teilnehmen?

Diese Veränderungen zeigen sich bei den pädagogischen Fachkräften:

  • Es gibt mehr Miteinander; Konkurrenzdenken und Leistungsdruck haben sich verringert.
  • Die pädagogischen Fachkräfte können sich auf Schwerpunkte, wie die Begleitung von Rollenspielen, mit weniger Kindern konzentrieren. Sie haben Zeit, die Gespräche der Kinder wahrzunehmen und mit ihnen zu philosophieren.
  • Alle Fachkräfte kennen alle Kinder. Die Verantwortung verteilt sich auf mehreren Schultern.
  • Die Pädagog:innen fühlen sich nicht mehr sogehetzt. Die Atmosphäre ist insgesamt ruhiger und entspannter.
  • Abwarten, Zurückhaltung üben, den Kindern vertrauen, dass sie es schaffen, und den Alltag entstehen lassen, statt ihn zu verplanen: Dadurch werden alle flexibler.
  • In allem Handeln und Tun liegt mehr Achtsamkeit, auch sich selbst und den Kolleg:innen gegenüber.

Fazit

Das Umdenken in meiner pädagogischen Haltung war zwar herausfordernd, aber auch sehr bereichernd. Es erforderte Mut zur Selbstkritik, Offenheit für neue Perspektiven und die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Gleichzeitig eröffnete es neue Handlungsspielräume, vertiefte pädagogische Beziehungen und stärkte das Team nachhaltig. Diese Erfahrung zeigt: Qualität entsteht nicht durch Perfektion oder starre Strukturen, sondern durch authentische Haltung, Reflexion, Mut zur Veränderung und die Fähigkeit, Begeisterung weiterzugeben. Prozesshaftigkeit, Fehlerkultur und temporäre Grenzen sind dabei keine Schwächen, sondern zentrale Werkzeuge, um eine bedürfnisorientierte, partizipative und professionelle pädagogische Kita-Kultur zu entwickeln.

Auf einen Blick

Inklusive Kita „Klostermäuse“ in Tuntenhausen

Größe: 62 Kinder; 14 Mitarbeitende
Gruppen: zwei Kita-Gruppen, eine Krippengruppe
Anzahl der Kinder mit besonderem Förderbedarf: neun Kinder
Pädagogisches Konzept: bedürfnisorientiert im offenen Konzept, inspiriert durch Elemente der Reggio-Pädagogik
Was uns leitet: die Neugier und die Bereitschaft, gemeinsam mit den Kindern zu lernen und selbst Lernende zu sein

kindergarten heute - Das Fachmagazin für Erzieher:innen: Für die Professionalisierung des frühpädagogischen Berufsfeldes

Das Fachmagazin im Abo

  • 10 Ausgaben pro Jahr
  • Beispielhafte und inspirierende Praxisbeiträge aus dem Kita-Alltag
  • Fachliche Orientierung, Standpunkte und Meinungen zu Themen der Frühpädagogik
  • Sicherung und Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität in Ihrer Einrichtung
1 Ausgabe gratis