Wir in der Kita lieben Übergänge. Ihnen huldigen wir so sehr, dass sie in unserer Konzeption mehr Platz einnehmen als die Brandschutzverordnung. Wenn Emil morgens von seinem Papa reingetragen wird, statt selbst zu laufen, schrillen die Alarmglocken. Ein verbesserungswürdiger Übergang! Sofort planen wir einen Elternabend zu „Mikrotransitionen“. Zur Sicherheit basteln wir noch drei Vorbereitungskarten für die Schnuppertage. Dann kündigt eine Kollegin. Sogleich schlagen wir im Kapitel „Übergangskonzept für Teams“ nach. Äh, das gibt es natürlich nicht. Da hilft auch kein wildes Wühlen im QM-Ordner. Ab jetzt lautet der inoffizielle Leitfaden: „Schauen wir mal“ und „wird schon“.
Der Dienstplan mutiert schlagartig zu einer blind gemalten Mindmap. Zuständigkeiten schweben plötzlich herrenlos im Raum wie die Pusteblumensamen, die Lucas heimlich mit reingeschleppt hat. Während wir noch philosophieren, wer den Morgenkreis rettet und warum die Neue das Konzept „Freispiel“ als „Anarchie mit Kaffeepause“ interpretiert, passiert im Hintergrund das eigentliche Drama.
Die Kinder scannen uns. Permanent. Feinfühlig. Unbestechlich. Wir denken: „Läuft doch!“ Die Kinder denken: „Interessant, die Großen wirken heute leicht desorientiert. Ich teste das mal …“ Ruckzuck haben wir mehr Konflikte, mehr Chaos, mehr „auffälliges Verhalten“. Wenn sich im Team das Gefüge verschiebt, wackelt das ganze Haus. Was gestern noch einfach so lief, muss plötzlich abgesprochen werden. Absprachen – das wissen wir alle – sind das natürliche Habitat von Missverständnissen.
Klarheit in Team-Übergängen – das scheint so stabil wie der Tellerstapel, den die 3-Jährigen unbegleitet am Servierwagen auftürmen. Kinder bohren da nach, wo es hohl klingt. Sie nutzen solche Risse im System nicht aus Bosheit aus, sondern aus einem tiefen Bedürfnis nach Orientierung.
Bei Kindern beobachten wir jede Gefühlsregung und schrauben Anforderungen zurück. Aber uns selbst verlangen wir ab, dass nach zwei Feedbackgesprächen alles rundläuft. Wir behandeln Teamveränderungen wie organisatorische Randnotizen, dabei sind sie pädagogische Schlüsselereignisse.
Daher schlage ich ab sofort das „Berliner Eingewöhnungsmodell“ für Fachkräfte vor:
- Tag 1–3: Die neue Kollegin bleibt maximal zwei Stunden. Danach bitte emotional abholen.
- Tag 4: Erster Trennungsversuch vom alten Team – die Leitung verlässt kurz den Raum und beobachtet heimlich die Situation durch das Türfenster. Die Regel: Wenn die Kollegin weint, geht es sofort zurück zur Bezugserzieherin (aka die erfahrene Fachkraft, die schon alles gesehen hat).
- Hinweis: Den Übergangsobjekten kommt eine besondere Bedeutung zu. Die eigene Kaffeetasse muss immer morgens penibel sauber im Schrank bereitstehen (sonst droht der totale Bindungsabbruch).
Wir zerbrechen uns den Kopf über Mikrotransitionen der Kinder. Vielleicht sollten wir genauso sensibel mit uns selbst umgehen? Insbesondere dann, wenn der frische Wind die Veränderungen wie Pusteblumensamen durch die Gruppe weht.