Offene Enden. Neue soziale Formen im kirchlichen Kontext, hg. von Jürgen Willinghöfer in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Berlin: JOVIS Verlag 2025; 198 S.; 38,00 €; ISBN 978-3-98612-203-4
2014 bewarb sich die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) für ein Projekt im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen. Ziel war, Ideen für den Umgang mit ihren vielen, zumeist kleineren Sakralbauten zu finden. Mehr als 100 Vorschläge wurden in der ersten Publikation „500 Kirchen, 500 Ideen. Neue Nutzung für sakrale Räume“ (Berlin 2017) versammelt. Der zweite Band, „Ein neuer Typus Kirche. Hybride öffentliche Räume“ (Berlin 2021), dokumentierte acht bereits realisierte, erweiterte bzw. veränderte Nutzungen von Kirchen (vgl. Gd 1/2022, S. 12). Der dritte und jüngste Band mit dem Titel „Offene Enden“ reflektiert nun, was diese langjährigen, öffentlich geführten Diskussionen erbracht haben.
Zunächst ist die Ausgangslage zu beachten: Thüringen ist „steinreich“ – will heißen: Die EKM hat mit nahezu 4 000 Kirchengebäuden knapp 20 % aller evangelischen Sakralbauten Deutschlands – und das bei gerade einmal 574 000 Gläubigen (Stand: Ende 2024). 99 % der Kirchen stehen unter Denkmalschutz.
„Offene Enden“ präsentiert fünf der Projekte ausführlich (S. 24–111). Dabei tritt neben einen einführenden Text jeweils eine Graphic Novel – eine Bildergeschichte, die das Projekt mit anderen Mitteln vorstellt – sowie ein Gespräch mit einer verantwortlichen Person: St. Johannes in Ellrich hat ein neues soziales Netzwerk aufgebaut; die Feuerorgel in St. Anna in Krobitz versammelt neben vielen Besucherinnen und Besuchern v. a. die Dorfgemeinschaft; Bienen führen in St. Peter und Paul in Roldisleben Menschen zusammen; die Martinskirche in Apolda wird zum soziokulturellen Zentrum und die „Her(r)bergskirchen“ am Rennsteig bieten den Menschen aus nah und fern ein Bett im Kirchenraum sowie oft auch einen persönlichen Austausch mit einem der ehrenamtlich Tätigen an.
Kirchen als „Schatz und Chance“
Die Initiative wird von Elke Bergt, Baureferentin der EKM, geleitet. In aller Offenheit spricht sie „über ein riskantes Projekt“ (S. 114–119) und macht deutlich, wie wichtig es ist, die Kirchengebäude als „Teil der Dorf- oder Stadtgemeinschaft“ lebendig zu halten, denn: „Viele Ideen kommen von außen.“ So verändere sich der Fokus der Kirchbauvereine, „die Kirchen auch inhaltlich zu beleben, was die Gemeinschaft bereichert.“ Die Gebäude sollen als „Schatz und Chance“, „nicht als Konkurrenz zur Gemeindearbeit [ge-]sehen“ werden (vgl. S. 115). Das Gesamtprojekt lebt nicht zuletzt von den neuen Kontakten und natürlich auch von weiteren Unterstützern wie der „Wüstenrot Stiftung“ und dem Förderprogramm der EKD. Die Landeskirche hinterlegt es mit einem Gebäudekonzept. Dabei können nur ausgewählte Bauten und deren Entwicklung unterstützt werden (vgl. den Beitrag auf S. 120–127).
In jedem der zu Anfang genannten Bände sind auch Wissenschaftler vertreten. In „Offene Enden“ kommen neben Thomas Erne, dem ehemaligen Leiter des inzwischen aufgelösten EKD-Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst, auch Stimmen aus der Soziologie, wie Hans Joas, Claudia Neu und Detlef Pollack, zu Wort. Diese sollen weitere Zugänge eröffnen, was Neu (S. 138–147) mit dem Hinweis auf das „Soziale-Orte-Konzept“ gut gelingt. Anregend ist Pollaks Rat an die Theologinnen und Theologen, „bei aller Betonung der Diffrenz gleichzeitig auf Verbindungen [zu] setzen“ (S. 136). Den vielleicht interessantesten Beitrag liefert die Theologin Kerstin Menzel (S. 178–185). Ihre im Leipziger Teilprojekt von TRANSARA entwickelte Raumtypologie könnte bei künftigen Diskussionen weiterhelfen. Die hybride Nutzung eines Kirchenraums kann folgendermaßen geschehen: 1. simultan, 2. separierend, d. h. ein Raumteil wird abgetrennt, 3. anlagernd, wo das Umfeld der Kirche in sie hineinwirkt, und 4. klassisch umnutzend, d. h. in Form der Abgabe oder aber im Verkauf eines Gebäudes.
Wie seine beiden Vorgängerbände ist auch „Offene Enden“ erfrischend modern gestaltet; die Agentur chezweitz (Berlin) hat sich Gelb als Farbgebung verschrieben und durchgehalten. Die im jüngsten Band nun einbezogenen mehrseitigen Graphic Novels von Andrée Volkmann verwundern zuerst, lösen bei ein wenig Offenheit Nachdenken aus und erschließen die Orte auf neue Art und Weise. Alles in allem eine großartige Initiative – und dann auch noch ein lesenswerter und anregender Band!
Dr. Walter Zahner, Regensburg