Am Erntedanksonntag 2024 war es so weit: Die Heilig-Kreuz-Kirche in Eichenzell-Welkers füllte sich und wir feierten unser Abendlob anlässlich seines zehnten Jubiläums! Es waren auch Mitbetende aus den vergangenen Jahren, Interessierte und Wegbegleiter aus nah und fern gekommen, so dass die 40 gedruckten Heftchen kaum ausreichten.
Der Tagzeitengottesdienst begann mit einem Luzernar. Der Gesang der Gemeinde und sogar der wechselseitige Psalmengesang wurden gekonnt von der Organistin begleitet. Die Kantorin stimmte die Gesänge an. Die Lesung verkündete die Lektorin. Es folgte Stille, so dass sich die Worte der Lesung ausbreiten konnten. Darauf antworteten Kantorin und Gemeinde im Wechselgesang mit dem Lobgesang Marias. Die Fürbittanliegen trugen einzelne aus der versammelten Gottesdienstgemeinde vor, bevor anschließend alle in das Gebet des Herrn einstimmten. Mit der Segensbitte und dem Lied schloss der Gottesdienst.
So feierten wir einen Tagzeitengottesdienst, der von vielen mitgestaltet wurde. Bei Getränken, Häppchen und guten Gesprächen klang die liturgische Feier nach. Reich beschenkt durch das gemeinsame Gebet und die Gemeinschaft endete der Abend schließlich.
Rückblick: Wie alles begann
2014 rief das Kirchenmusikinstitut des Bistums Fulda dazu auf, im Rahmen der damaligen Kirchenmusikwoche Morgen- und Abendlob in der Gemeinde zu feiern. Diese Idee hat mich von Anfang an angesprochen, so dass ich begann, mich mit Tagzeitengottesdiensten zu beschäftigen.
Lange bevor es üblich wurde, täglich die Eucharistie zu feiern, kamen Christinnen und Christen in den Kathedralkirchen zusammen, um den Tag mit einem kurzen Wortgottesdienst zu beginnen und am Abend zu beenden: Morgenlob und Abendlob. Die Praxis des kathedralen Stundengebets ist im Laufe der Geschichte in den Gemeinden verloren gegangen. Überdauert hat das monastische Stundengebet in den Klöstern, das von Weltchristen jedoch nicht ohne Weiteres gebetet werden kann, weil es aufgrund des Umfangs oft nicht in den Tagesablauf passt.
Mit dem vom Kirchenmusikinstitut vorgeschlagenen Morgen- und Abendlob sollte an die alte Tradition des kathedralen Stundengebets angeschlossen werden: eine Gottesdienstform, die einen zeitlichen Umfang von ungefähr einer halben Stunde umfasst, von den versammelten Betenden getragen wird, auf biblischen Texten basiert (z. B. Psalmen, Propheten- und Briefliteratur sowie den Evangelien) und allen, die mit diesen Texten beten möchten, offensteht.
Das Tagzeitengebet kann – gerade in der heutigen gemeindlichen Situation – ein Gottesdienst sein, der Menschen die Möglichkeit zum Gebet in Gemeinschaft bietet, von Laien gefeiert werden und in ökumenischer Offenheit stattfinden kann. So wurde am 6. Oktober 2014 in der Turmkapelle in Lütter zum ersten Mal gemeindliches Abendlob – getragen vom Arbeitskreis Liturgie – gefeiert. Pfarrer Dr. Guido Pasenow begleitete damals unsere ersten Schritte.
In den folgenden Monaten und ersten Jahren wurde das Abendlob zunächst unregelmäßig, dann aber einmal monatlich in den verschiedenen Kirchen der Pfarreien Lütter und Eichenzell angeboten. Ich bereitete die Gebetszeit vor. Es fanden sich immer Mitbetende, die einzelne Dienste übernahmen. Meinen Erfahrungsschatz in Vorbereitung und Durchführung von Tagzeitengottesdiensten erweiterte ich in den Jahren kontinuierlich durch die Teilnahme an LITURGIE IM FERNKURS, unzählige Studienwochenenden und die Kontakte und Tagungen des Vereins „Ökumenisches Stundengebet e. V.“
Während in der Corona-Zeit das Abendlob eine Zeit lang nicht öffentlich stattfand, wird seit dem Sommer 2021 einmal monatlich an einem Montag in der Heilig-Kreuz-Kirche in Eichenzell-Welkers Abendlob gefeiert. Manchmal wird der Gesang von einer Orgel oder Gitarre begleitet, manchmal kommt eine Kantorin dazu, um den Wechselgesang zu stützen. Nur für das Jubiläums-Abendlob im Oktober 2024 wurden gezielt alle Dienste im Vorfeld angefragt und eingeplant.
Praxis: Willkommen in der Realität
Nun könnte man meinen, zum Abendlob in Welkers kommen die Mitbetenden in Scharen. Nein, so ist es nicht. Es kommt eine kleine Gruppe zusammen. Meist singen wir ohne Begleitung. Ich bereite vor und die Anwesenden übernehmen Lesung und Fürbitten. So war es vor dem Jubiläum, so ist es auch danach wieder. Das Jubiläums-Abendlob war eben ein Fest – im wahrsten Sinne des Wortes – und damit eine Unterbrechung des Alltags.
Immer wieder stelle ich mir die Frage, was verändert werden sollte, um mehr Menschen anzusprechen. Dann frage ich auch die Mitbetenden. „Nichts“, sagen die Teilnehmenden nach dem Abendlob im letzten Monat: „Es ist gut – genau so, wie es ist!“ Manchmal überlege ich auch, ob die Gebetszeit eingestellt werden sollte, wenn weniger als acht Mitbetende kommen – oder weniger als fünf oder drei. Doch dann sage ich mir, dass ich nur mit dem öffentlichen Gebet anbieten kann, in Gemeinschaft zu beten. Mein Engagement ist ehrenamtlich, d. h. ich muss keine Zahlen vorweisen und wirtschaftlich sein. Solange ich dieses Angebot machen möchte und die Küsterin die Kirche aufschließt, feiern wir Abendlob.
Ausblick: Wär‘ das was für Sie?
Einen Vorschlag hätte ich noch, wie das Tagzeitengebet attraktiver gestaltet werden könnte: Wenn bei einem Abendlob die Gesänge begleitet werden, wird dies immer sehr dankbar angenommen. Die Musik stiftet Gemeinschaft im gemeinsamen Gesang. Sie trägt die gute Botschaft. Und die Gebetszeit wird zu einer Feier.
Darum: Kommen Sie gerne vorbei! Lernen Sie gemeindliches Tagzeitengebet kennen und bringen Sie, liebe Musizierende, Ihre Erfahrungen ein. Übernehmen Sie gerne den Kantorendienst. Begleiten Sie den Gesang – den Hymnus, die Psalmodie, den Wechselgesang oder das Schlusslied – mit der Orgel oder anderen Instrumenten. Beten und feiern Sie im Musizieren mit.
Und wenn Sie einfach nur da sein möchten – Sie sind uns auch herzlich willkommen zum gemeinsamen Tagzeitengebet in der Gemeinde! Die aktuellen Termine finden Sie auf der Homepage der Pfarrei Eichenzell.
Vielleicht wäre das gemeinsame Tagzeitengebet ja auch ein Angebot, das Sie an Ihrem Kirchort machen möchten. Lassen Sie sich anstecken von der Sehnsucht nach der Begegnung mit ihm in seinem Wort und der betenden Gemeinschaft in einer alten und doch so neuen Form des Gottesdienstes!
Der Beitrag ist zuerst erschienen in den Kirchenmusikalischen Informationen des Bistums Fulda (2. Halbjahr 2025). Zur Feier des Abendlobs in Eichenzell-Welkers vgl. auch den Beitrag „Wir haben ausprobiert …“ von Nicole Stöppler in Gd 16/2019, S. 186–187.